„Die Herausforderungen sind enorm“: Wie geht es weiter mit der Londoner Polizei?

Ein Londoner Polizist steht vor der Tür von 10 Downing Street.

Ein Londoner Polizist steht vor der Tür von 10 Downing Street.

London. Als sich die 61-jährige Polizeichefin Cressida Dick am Donnerstagmorgen in einer Radioshow der BBC äußerte, klang sie noch zuversichtlich: „Ich habe absolut nicht die Absicht zu gehen, und ich glaube, dass ich in den letzten fünf Jahren echte Veränderungen bei der Metropolitan Police herbeiführen konnte.“

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Nur wenige Stunden später jedoch, am Abend des gleichen Tages, legte sie ihr Amt nieder: Der Bürgermeister Sadiq Khan habe ihr keine andere Wahl gelassen, sagte sie. Dieser erklärte, er habe Dick aufgefordert, einen Plan vorzulegen, wie sie die Probleme in der Polizei bekämpfen wolle, um das Vertrauen in der Bevölkerung wiederherzustellen. Sein Urteil: „Ihre Antwort hat mir nicht gereicht.“

Londons Polizeipräsidentin Cressida Dick (links) hat ihren Rücktritt erklärt, nachdem Londons Bürgermeister Sadiq (rechts) Khan ihr das Vertrauen entzog.

Londons Polizeipräsidentin Cressida Dick (links) hat ihren Rücktritt erklärt, nachdem Londons Bürgermeister Sadiq (rechts) Khan ihr das Vertrauen entzog.

Liste der Probleme der Londoner Polizei ist lang

Tatsächlich ist die Liste der Probleme in der Londoner Polizei lang: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Mobbing, Diskriminierung und Frauenhass, so sind sich viele Beobachter einig, sollen zum Alltag gehören.

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Anfang Februar sorgte unter anderem die Meldung für Aufsehen, dass Londoner Beamte Witze über Vergewaltigungen gemacht haben sollen. In Textnachrichten, so ergaben Ermittlungen, spotteten sie außerdem über die Black-Lives-Matter-Bewegung sowie Homosexuelle und Menschen mit Behinderungen. Das Unabhängige Büro für Polizeiverhalten (IOPC) urteilte: „Wir glauben, dass diese Vorfälle keine Einzelfälle oder das Verhalten einiger weniger fauler Äpfel sind.“

Vertrauen nach Fall Sarah Everard erschüttert

Die Erkenntnis, dass bei der Polizei in Großbritannien vieles schiefläuft, ist nicht neu. Schon im März des vergangenen Jahres wurden Rufe nach einem Rücktritt von Polizeichefin Dick laut – in der Folge des Mordes an der 33-jährigen Sarah Everard, die auf dem Nachhauseweg durch einen Polizisten unter falschen Vorzeichen festgenommen, dann vergewaltigt und schließlich umgebracht wurde.

Hunderte Frauen ignorierten damals den verhängten Lockdown und versammelten sich in London zu öffentlichen Mahnwachen. Sie wollten ihre Stimmen erheben – gegen alltägliche Belästigungen und Gewalt. Was dann passierte, führte jedoch erst recht zu einem Aufschrei. Teilnehmerinnen wurden von der Polizei auf den Boden geworfen, weggezerrt und gewaltsam abgeführt. Das Vertrauen in die Staatsgewalt wurde damals schwer erschüttert.

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Wie konnte es so weit kommen?

Vorfälle wie dieser, so sind sich Experten längst einig, sind Ausdruck einer allgemeinen Haltung innerhalb der britischen Polizei gegenüber Frauen und Minderheiten. Doch wie konnte es dazu kommen? Und wieso hat Dick allem Anschein nach nicht konsequent gehandelt? Die britische Tageszeitung „Guardian“ begründet dies damit, dass sie niemals anerkannt habe, dass diese Probleme innerhalb der eigenen Reihen tatsächlich existieren. Sie habe nie verstanden, dass Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und Machtmissbrauch nicht nur gelegentliche Ausbrüche des Bösen seien, wie sie es einst ausdrückte, sondern strukturelle Vergehen, die so bis zuletzt unbestraft geblieben seien.

Nachfolgersuche läuft: „Herausforderungen sind derzeit enorm“

Der Rücktritt Cressida Dicks wirft jedoch noch weitere Fragen auf. Wie geht es weiter mit den Ermittlungen unter ihrer Leitung zu Partys in der Downing Street und weiteren Ministerien im Jahr 2020, als in Großbritannien strenge Ausgangssperren herrschten? Laut der regierungsfreundlichen britischen Tageszeitung „The Telegraph“ habe der Wechsel an der Spitze der Londoner Polizei wohl keine Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Verfahrens. Dazu sei dieses schon zu weit fortgeschritten und überdies seien zu viele Beamte daran beteiligt, hieß es. Laut Medienberichten wollte die Polizei gestern Briefe an mindestens 50 Personen im Büro des Premierministers senden, einschließlich Boris Johnson. Darin sollen sie dazu aufgefordert werden, zu möglichen Verstößen Stellung zu nehmen.

Die Suche nach einem Nachfolger für Dick hat jedenfalls schon begonnen, wie Innenministerin Priti Patel bestätigte. Einfach, so betonte die Konservative, die sich als Hardlinerin in Sachen Migration und Verbrechensbekämpfung gibt und der 61-Jährigen einst ins Amt verholfen hatte, werde dieses Unterfangen jedoch nicht werden. „Die Herausforderungen, mit denen sich der neue Kommissar konfrontiert sieht, sind derzeit enorm.“ Dennoch sei ein Wechsel nötig, um das Vertrauen in die „Integrität und Professionalität der Polizisten in London und im ganzen Land“ wieder herzustellen.

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