Vor der großen Verleihung

Oscar vor der Zeitenwende? Erstmals könnte eine Netflix-Produktion abräumen

Die Vorbereitungen schreiten erkennbar voran: Dieses Jahr soll die Oscar-Gala im Dolby Theatre zu Los Angeles nicht zu übersehen sein.

Ob die Oscar-Academy den gewaltigen Spagat zwischen Show und Politik am Ende doch noch wagt? Amy Schumer, eine der gleich drei Moderatorinnen am Sonntagabend, hat den Produzenten der Oscarshow vorgeschlagen, den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj per Videoauftritt zuzuschalten.

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Offenbar ist ihre Idee auf Ablehnung gestoßen (und hätte Selenskyj überhaupt gewollt?), aber man kann sich die Szene ja trotzdem mal ausmalen: dort der erschöpfte, bartstoppelige Präsident in Olivgrün, der ums Überleben seines Landes ringt, hier Hollywoods Elite in edler Abendgarderobe, die güldenen Statuetten entgegenfiebert.

Was würde sich Selenskyj wohl von den im Dolby Theatre zu Los Angeles versammelten Stars wünschen? Dreht bitte euren nächsten Film in Kiew? Spielt keine russischen Filmfiguren mehr – und wenn doch, dann bitte nur Schurken? Schickt mir Waffen von Eurem letzten Kriegsfilmset? Da könnte der gar nicht nominierte Tom Cruise mit seiner vom US-Verteidigungsministerium gesponserten „Top Gun“-Neuauflage aushelfen.

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Geht der Regie-Oscar an Jane Campion?

Und wie ginge es nach der Videoschalte mit dem Showprogramm weiter? Vielleicht mit dem Regie-Oscar, der nun zum erst dritten Mal in der 94-jährigen Academy-Geschichte an eine Frau gehen dürfte – an die Favoritin Jane Campion und ihren gleich zwölffach nominierten Netflix-Western „The Power of the Dog“?

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Andererseits: Viel peinlicher als im deutschen Bundestag könnte der abrupte Schnitt zwischen Politik und Alltagsgeschäft auch nicht ausfallen. Den klügsten Beitrag in Sachen Anteilnahme von einem Vertreter aus dem Showbusiness hat bislang Arnold Schwarzenegger geleistet. Der österreichstämmige Schauspieler – und kalifornische Ex-Gouverneur – kleidete seinen Aufruf, den mörderischen Krieg zu beenden, in eine Liebeserklärung an die Russen.

In jedem Fall dürfte Hollywood in diesem Kriegsjahr weniger Zeit haben, sich mit selbst zu beschäftigen. Seit Jahren ringt die Academy um mehr Diversität und Geschlechtergerechtigkeit. Bei den Nominierten schlägt sich die angestrebte Buntheit in diesem Jahr aber nur bedingt wieder.

Kristen Stewart ist in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ für ihre Leistung im film „Spencer“ nominiert.

Kristen Stewart ist in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ für ihre Leistung im film „Spencer“ nominiert.

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Gelingt der Zauber eines Neuanfangs?

In Zeiten des Krieges und nach harten Pandemie-Einschnitten einen überzeugenden Neuanfang hinzulegen: Das ist die schwer zu lösende Aufgabe, vor dem das Moderatorinnen-Trio um Amy Schumer, Regina Hall und Wanda Sykes steht. Die weltweiten TV-Zuschauerzahlen der Oscarshow hatten sich im Vorjahr bei der Notausgabe in der Union Station halbiert.

Nun bietet Hollywood Präsentatoren von Anthony Hopkins über Lady Gaga bis zu John Travolta auf. Die Liste der Nominierten klingt verheißungsvoll: Bei den Hauptdarstellerinnen beispielsweise konkurrieren Kristen Stewart („Spencer“), Jessica Chastain („Eyes of Tammy Faye“) und Nicole Kidman („Being the Ricardos“). In der Männerrunde gilt Will Smith („King Richard“) als Favorit vor Benedict Cumberbatch („The Power of the Dog“), Javier Bardem („Being the Ricardos“) und Denzel Washington („The Tragedy of Macbeth“).

Benedict Cumberbatch ist in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" nominiert.

Benedict Cumberbatch ist in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" nominiert.

Die Academy setzt auf Erhöhung des Unterhaltungswerts – und deshalb auf Verschlankung: Gleich acht weniger zugkräftige Oscar-Kategorien wie etwa Filmmusik, Schnitt, Kurzfilm oder Ton werden vorab vergeben und die Ergebnisse nur reingereicht – weshalb auch die deutsche Hoffnung, Komponisten-Kämpe Hans Zimmer („Dune“), der Zeremonie lieber gleich fernbleibt und mit Live-Auftritten durch Europa tourt.

Ist Kino nicht eine kollektive Kunstform?

Die Verärgerung über die neue Zwei-Klassen-Gesellschaft war groß, aber nicht groß genug, um sie zu verhindern. Die Angst in Hollywood, an Bedeutung im Geschäft um die Bilderproduktion einzubüßen, ist noch größer. Dass Kino eine kollektive Kunstform ist, wurde kurzerhand ausgeblendet.

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Erstmals wird auch ein Publikumspreis vergeben, über den die Zuschauer im Internet abstimmen konnten. Es gibt sogar eine Extra-Kategorie namens „Filmjubel-Moment“, die dann auch noch eingespielt werden sollen. Hollywood will das ausgefranste Band zwischen Publikum und Kino stärken. Genau das aber könnte an diesem Abend reißen.

Noch nie haben Produktionen der Streamingdienste so sehr das Feld dominiert. Bislang haben die bald 10.000 Abstimmungsberechtigten der Academy stets davor zurückgezuckt, die Haupttrophäe für den besten Film an eine Arbeit aus dem Hause Netflix, Amazon oder Apple TV+ zu vergeben. Nun sehen zumindest die Buchmacher Campions Netflix-Werk „The Power of the Dog“ ganz vorn.

So viele lupenreine Kinoalternativen stehen auch gar nicht zur Verfügung. Vielleicht kann sich noch der Brite Kenneth Branagh Hoffnungen machen: Sein Schwarz-Weiß-Drama „Belfast“ ist eine persönliche Angelegenheit. Er erzählt von seiner eigenen Kindheit in Nordirland, bevor er mit seinen Eltern das Land verließ. So etwas mag die Academy.

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Oder macht doch noch der Geheimfavorit „Coda“ das Rennen, ein Film mit vornehmlich gehörlosen Schauspielerinnen und Schauspielern? Im Mittelpunkt des Feelgood-Movies steht die einzige Tochter einer Familie, die hören kann und sich ihren eigenen Weg im Leben suchen muss.

Kleiner Schönheitsfehler: Apple TV+ hatte sich nach der gefeierten „Coda“-Premiere beim Sundance-Festival die weltweiten Vertriebsrechte gesichert und den Film damit von den Leinwänden genommen.

Es könnte tatsächlich sein, dass die 94. Oscar-Verleihung ein Zäsur darstellt – allerdings eine, die Hollywood nicht unbedingt gefällt.

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