Oscarpreisträger im Interview

Sind 100 Milliarden für die Bundeswehr richtig, Volker Schlöndorff?

Volker Schlöndorff bei der Premiere des Dokumentarfilms „Der Waldmacher“ im Kino Babylon.

Herr Schlöndorff, mit mir hat gerade eine junge Mutter mit Kinderwagen Ihr Grundstück betreten. Erwarten Sie Besuch?

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Sie haben eine Mutter aus Charkiw mit ihrem dreijährigen Kind gesehen. Ich habe sie heute Morgen bei mir aufgenommen. Darum ging es hier auch etwas chaotisch zu. Ich musste Bettzeug, Töpfe, Pfannen und so weiter organisieren und ihr alles erklären. Damit war ich heute Vormittag beschäftigt.

Was hat Sie dazu bewogen, Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, aufzunehmen?

Bei mir wohnten schon seit fünf Jahren Geflüchtete aus Kamerun. Aber da sie mittlerweile drei Kinder haben, wurde die Wohnung zu eng, und die Familie ist vor vier Wochen ausgezogen. Und dann kam dieser Flüchtlingsstrom. Für mich war sofort klar: Der Platz ist frei und muss wieder besetzt werden.

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Wie lange werden die Frau und ihr Kind bei Ihnen bleiben?

Wahrscheinlich bis der Krieg in der Ukraine beendet ist und es sicher für sie ist, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Sie können bleiben, so lange es nötig ist und so lange sie wollen.

Wusste die Frau, in welch herrschaftliches Haus sie und ihr Kind einziehen?

Sie hat das Haus noch nicht richtig gesehen. Bislang hat sie nur die bescheidene Wohnung im Souterrain gesehen, in die sie eingezogen ist.

Und weiß sie, wer ihr Gastgeber ist?

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Ich glaube nicht. Ich habe sie in einem internationalen Begegnungscafé in Potsdam getroffen, zu dem ich seit vielen Jahren engen Kontakt habe. Ich habe dort mit vielen Leuten gesprochen. Gott sei Dank wissen sie nicht, wer ich bin.

Aber wenn ich jünger wäre, würde ich mich vielleicht der Fremdenlegion anschließen.

Sie haben sich den Krieg so direkt ins Haus geholt. Was macht das mit Ihnen?

Das kann ich noch nicht sagen. Sie sind ja erst vor zwei Stunden eingezogen. Aber wenn ich jünger wäre, würde ich mich vielleicht der Fremdenlegion anschließen, um in der Ukraine zu kämpfen.

Warum?

Weil diese Ungerechtigkeit einfach empörend und schwer zu ertragen ist. Ein Diktator, der auch sein eigenes Volk unterdrückt, muss bekämpft werden. Ich bin in den frühen Sechzigerjahren während des Algerienkriegs mit Regisseur Louis Malle in Algerien gewesen. Danach habe ich die Unabhängigkeitsbewegung als Kofferträger unterstützt.

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Als Kofferträger wurden in Frankreich vor allem französische Intellektuelle bezeichnet, die damals die Aktivitäten der Nationalen Befreiungsfront Algeriens in Frankreich unterstützten.

Richtig. Aber schlussendlich sagt man sich: Vielleicht war das nicht genug! Vielleicht hätte ich mich auch als kleiner aktiver Soldat zur Verfügung stellen sollen.

Ich bin absoluter Pazifist, aber nicht im Sinne von Gandhi.

Klingt nicht gerade pazifistisch.

Ich bin absoluter Pazifist, aber nicht im Sinne von Gandhi. Um Krieg zu verhindern, muss man sich rüsten. Das sehen wir ja gerade wieder. Sollte es der Ukraine gelingen, Putin zumindest bis in den Osten der Ukraine zurückzudrängen oder womöglich sogar ganz, dann ist das doch der beste Beweis, dass man sich bewaffnet verteidigen muss.

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Finden Sie es gut, dass die Bundesregierung beschlossen hat, 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr zu investieren?

Ja, denn das war lange überfällig. Wir können doch nicht verlangen, dass die Amerikaner das alles für uns machen. Da haben wir uns zu lange in eine zu bequeme Position gegeben. Das hätte ich vor 40 oder 50 Jahren so nicht gesagt, aber schon lange vor dem russischen Einmarsch in die Ukra­ine.

Während in der Ukraine Krieg herrscht, feiert Ihr neuer Film Premiere. Ihr erster Kinodokumentarfilm handelt von Tony Rinaudo, einem ehemaligen australischen Missionar, der mit einer von ihm wiederentdeckten Methode in Afrika und in der ganzen Welt Bäume wachsen lassen, den Klimawandel bremsen und so Armut bekämpfen möchte. Warum haben Sie einen Film über diesen Entwicklungshelfer gemacht?

Vor zwölf oder 15 Jahren habe ich in einem Flüchtlingslager in Uganda Wolfgang Niedecken, den Sänger der Band BAP, kennengelernt. Er engagierte sich dort mit der Hilfsorganisation World Vision für die Resozialisierung ehemaliger Kindersoldaten. Er sagte mir, dass World Vision eine tolle Organisation sei und dass ich mich da mal melden solle. Das habe ich getan und habe anschließend Patenschaften für Kinder in Entwicklungsländern übernommen und mich als Botschafter für World Vision engagiert.

Interessant! Aber was hat das mit dem Protagonisten Ihres Filmes zu tun?

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Tony Rinaudo arbeitet auch für World Vision. 2018 erhielt er für seine Verdienste den alternativen Nobelpreis. Auf der Rückreise aus Stockholm hielt er einen Vortrag in Berlin. Den habe ich mir angehört. Ich war sofort begeistert von Tonys Persönlichkeit und seiner Methode, aus alten Wurzeln neues Leben entstehen zu lassen, und habe ihm vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über ihn zu machen. Bereits vier oder fünf Wochen später habe ich Tony gefilmt, als er in Mali auf einer Konferenz zur Bekämpfung des Hungers in der Sahelzone seine Methode vorstellte. Für den Film habe ich auch in Indien, Niger, Ghana, Burkina Faso, Äthiopien und im Senegal gefilmt.

Im Film stellen Sie auch die Great Green Wall vor. Das Megaprojekt der Afrikanischen Union will auf einer Länge von 7775 Kilometern und einer Breite von 15 Kilometern für viele Milliarden Euro einen Schutzwall aus Bäumen pflanzen, der die Länder Subsahara-Afrikas vor der Ausbreitung der Sahara schützen soll. Welches Projekt halten Sie für vielversprechender: die Great Green Wall oder Rinaudos Ansatz?

Tonys Ansatz. Keine Frage. Die bisherigen Ergebnisse der Great Green Wall sind katastrophal. Weniger als 4 Prozent der geplanten Bäume sind bislang gewachsen. Aber das Schlagwort „Große Grüne Mauer“ ist einfach so medienwirksam, dass man es nicht mehr loswird.

Sie sagten über Rinaudo: „Wenn er der Messias ist, dann will ich sein Prophet sein.“ Das ist nicht gerade das, was man kritische Distanz nennt. Ist diese Verehrung eine gute Voraussetzung, um einen Dokumentarfilm zu machen?

(Lacht). Na ja, ich mache ja keinen investigativen Dokumentarfilm. Was ich gemacht habe, ist eher Impressionismus. Es ist ein Filmessay, weil ich darin so viele verschiedene Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle einbringe. „Der Waldmacher“ ist ein erzählerischer Film, dafür brauche ich überhaupt keine Distanz. Im Gegenteil: Ich war am Anfang vielleicht zu skeptisch, aber Tony hat mir die Skepsis ausgetrieben.

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Wie hat er das geschafft?

Mit seinem Optimismus. Wenn du etwas verändern willst, darfst du kein ungläubiger Thomas sein. Dann musst du dran glauben, dass du etwas verändern kannst. Viele kleine Aktionen können zu einem Tipping-Point führen und etwas Neues entstehen lassen. Ich glaube, dass dies in der Landwirtschaft in Afrika zurzeit möglich ist. Russland und die Ukraine sind für viele afrikanische Staaten die wichtigsten Getreidelieferanten. Der Krieg in der Ukraine zeigt jetzt noch mal ganz deutlich und erschreckend, wie wichtig es ist, Afrikas Abhängigkeit von Lebensmittelimporten zu beenden. Tonys Methode kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Wie hat die Arbeit an Ihrem Film Ihr Afri­ka-Bild verändert?

In afrikanischen Großstädten und Slums kann man leicht ein falsches oder zumindest einseitiges von Katastrophen und Hungersnöten geprägtes Bild gewinnen. Aber Afrika ist natürlich so viel mehr. Es gibt in Afri­ka so eine große Menschlichkeit, so viel Zuversicht, so viel Bereitschaft, sich zu reformieren, neue Methoden anzuwenden, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Während meiner Dreharbeiten habe ich Kleinbauern kennengelernt, die unglaublich sympathisch, mutig, arbeitswillig und zuversichtlich sind. Dadurch ist in meinem Kopf ein völlig anderes Bild von Afrika entstanden.

Das mit den alten, weißen Männern ist solch ein Unsinn!

Ein alter, weißer Mann macht einen Film über einen anderen alten, weißen Mann, der sich vorgenommen hat, Afrika zu retten. Passt das noch in die Zeit?

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Ja, das passt total in die Zeit. Ich finde: Das mit den alten, weißen Männern ist solch ein Unsinn!

Warum?

Erstens: Du kannst keinem alten Mann, egal, ob er weiß oder schwarz ist, verbieten, dass er aktiv ist. Das gilt auch für Tony und mich. Zweitens: Afri­ka braucht noch viele alte, weiße Männer. Aber es braucht auch noch viele junge, gelbe, grüne oder blaue Männer und Frauen. Afrika braucht einfach Hilfe. Und wo Hilfe nötig ist, da darf man nicht gucken, welches Alter oder welche Hautfarbe die Helfenden haben. Die Hilfe muss einfach geleistet werden. Ende! Wo Not am Mann ist, darf man nicht mit solchen moralischen Kategorien kommen. Übrigens: In Afrika stellt niemand diese Frage. Dort wird das Alter geschätzt. In Ruanda und in anderen afri­kanischen Ländern habe ich weiße Handwerker, Klempner und Elek­triker gesehen, die als Seniorexperten freiwillig nach Afrika gehen und dort ihr Wissen ehrenamtlich weitergeben. Was ist dagegen einzuwenden? Wer sollte Expertise weitergeben, wenn nicht Senioren?

Bevor Sie „Der Waldmacher“ gedreht haben, waren Sie nicht gerade als Klimaaktivist bekannt. Was tun Sie persönlich für den Klimaschutz?

Ich bin für jede Art von Aktivismus und gehe auch auf Fridays-for-Future- und andere Klimaschutz-Demos. Ich versuche, den Verbrauch von Plastik zu reduzieren. Aber ansonsten mache ich leider genauso wenig wie alle anderen auch. Wobei: Seitdem ich mit Tony unterwegs war, mache ich vielleicht noch öfter den Lichtschalter aus. Allerdings: Das habe ich eigentlich auch schon vorher getan. Ich bin Nachkriegskind. Sparen macht mir gar nichts aus.

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Sie sind gerade 83 Jahre alt geworden. Wenn Sie jetzt auf Ihr Leben zurückblicken ...

... das vermeide ich tunlichst. Aber bitte fahren Sie fort.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dass ich überhaupt noch da bin. Denn zu viele Freunde und Familienmitglieder sind schon auf der Strecke geblieben. Aber kann man stolz darauf sein, dass man noch lebt? In einem gewissen Sinne schon. Denn ich habe immer sehr, sehr bewusst gelebt. Ich bin sehr bewusst mit meinem Körper und mit meinen Kräften umgegangen. Der andere Teil sind die Gene.

War „Der Waldmacher“ Ihr letzter Film?

Solche endgültigen Worte sollte man nie benutzen. Es kann sein, dass mir morgen irgendein Thema über den Weg läuft, das ich unbedingt umsetzen will. Aber wenn man es nicht unbedingt machen will, dann soll man es lassen. Nur machen, um zu machen, ist nicht nötig.

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