"Wenn es Gerechtigkeit gibt, dann werden wir siegen"

Kleine deutsche Kirchengemeinde in Kiew hilft Kriegsopfern

Die deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche St. Katharina in Kiew. Betonklötze sperren die Zufahrt zum Präsidentenpalast der Ukraine in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche St. Katharina in Kiew. Betonklötze sperren die Zufahrt zum Präsidentenpalast der Ukraine in unmittelbarer Nachbarschaft.

Kiew. Die Panzersperren und Stacheldrahtverhaue beginnen direkt an der deutschen Kirche St. Katharina in Kiew. Dabei ist nicht das kleine gelbe Gotteshaus durch den russischen Angriffskrieg gefährdet, sondern der Nachbarbau. Von einem großen grauen Palast aus lenkt Präsident Wolodymyr Selenskyj die Geschicke seiner geplagten Ukraine. Aber natürlich trifft der seit über acht Monaten tobende Krieg auch die Gemeinde der lutherischen Deutschstämmigen in Kiew.

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„Gott des Himmels und der Erden“ singt die Gemeinde an diesem Herbsttag im Gottesdienst. Etwa 30 Frauen und Männer sind gekommen. Der Himmel über Kiew war nachts ruhig und friedlich - bis auf einen kurzen Luftalarm, auf Erden gab es in der Millionenstadt Wasser und Gas. Nur der Strom wurde immer wieder mehrere Stunden abgeschaltet, weil russische Raketen die E-Werke beschädigt haben.

Gemeindemitglieder üben sich in Galgenhumor

Gesungen wird auf Deutsch; auch Liturgie, Glaubensbekenntnis und Vaterunser sind Deutsch. Die Bibellesungen und die Predigt liest Gemeindesekretärin Jelyssaweta Safronowa dagegen auf Ukrainisch. Einen deutschen Pastor hat die Gemeinde wegen des Krieges derzeit nicht.

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US-Präsident Biden sieht noch kein baldiges Ende des Ukraine-Krieges

„Ich glaube nicht, dass der Konflikt gelöst werden kann, solange Putin nicht aus der Ukraine verschwindet.“

Und was, wenn auf einmal die Sirenen heulen und Luftalarm verkünden? „Nichts. Wir machen weiter Gottesdienst“, sagt Safronowa. Nicht weil die Gemeinde leichtsinnig wäre - „es gibt nicht so viele Bunker“. Bis zur nächsten Zuflucht in einer U-Bahn-Station seien es gut zehn Minuten zu Fuß. Die Gottesdienste seien nur kurz.

Die Gemeindemitglieder üben sich in Galgenhumor. Abendessen bei Kerzenschein habe etwas Romantisches, sagt eine Frau. „Früher gab es nicht so viel Romantik.“ Das Schicksal ihrer Familie ist typisch für die Kriegsmonate: Die Schwiegertochter ist in Leipzig in Sicherheit, der Sohn darf als wehrfähiger ukrainischer Staatsbürger nicht ausreisen. „Irgendwann muss dieser Krieg einmal vorbei sein“, sagt sie. „Und wenn es eine Gerechtigkeit gibt, dann werden wir siegen.“

Etwa 300 eingeschriebene Mitglieder habe die Gemeinde von St. Katharina vor dem Krieg gehabt, sagt Safronowa. „Ein Teil ist nach Europa ausgesiedelt.“ Doch etwa zwei Drittel seien geblieben. Und unter ihnen nimmt die Aushilfspredigerin eine größere Geschlossenheit wahr als früher. „Die Menschen sind hilfsbereiter geworden.“

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Protestanten in der orthodox geprägten Ukraine eine Minderheit

Das Schicksal der ukrainischen Hauptstadt und der kleinen deutschen Kirche sind eng verwoben. 1857 ließen wohlhabende deutsche Kaufleute und Handwerker in Kiew das Gotteshaus auf einem Hügel bauen. Die steile Straße zur Kirche hinauf heißt bis heute Ljuteranska (Luther-Straße). Unter Sowjetdiktator Josef Stalin wurde die Gemeinde 1938 verboten, ihr Pastor ermordet.

Anfang der 1990er Jahre versammelten sich die wenigen Kiewer Deutschstämmigen in der nun unabhängigen Ukraine wieder in der Kirche. Es hatte sie aus allen Teilen der früheren Sowjetunion in die Ukraine verschlagen, Russisch war Umgangssprache. Für viele war die Wiederentdeckung ihres Deutschtums und ihres lutherischen Glaubens der erste Schritt zur Ausreise nach Deutschland.

Doch viele andere blieben, machten die Gemeinde zu ihrer Heimstatt; entsandte deutsche Pastoren halfen beim Aufbau. 1998 gaben die ukrainischen Behörden das Gotteshaus offiziell der Gemeinde zurück. Es wurde renoviert und neu gestaltet. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die auswärtige Kulturpolitik unterstützen die Kiewer Kirche.

In der orthodox geprägten Ukraine sind Protestanten, zumal Deutsche, eine winzige Minderheit. Die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche der Ukraine zählt 24 Gemeinden. St. Katharina spiele eine wichtige Rolle in der ökumenischen Zusammenarbeit in Kiew, sagt der deutsche Pfarrer Ralf Haska. Er arbeitete von 2009 bis 2015 an St. Katharina, noch heute hält er von Marktleuthen im Fichtelgebirge (Bayern) aus den Kontakt in die Ukraine. „„Die Kirche ist ein wichtiger Kulturort in Kiew.“ Es gibt einen Kirchenchor und Konzerte.

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„Wir helfen mit Baumaterial, mit Lebensmitteln und Kleidung“

Als 2014 die Staatsmacht auf Demonstranten auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, schießen ließ, diente die Kirche den Verletzten als Untergrund-Krankenhaus - Haska war damals Pastor. „Die Gemeinde hat Menschen schon immer mit offenen Armen empfangen“, sagt er.

In den Anfangsjahren waren viele Gemeindemitglieder auf humanitäre Hilfe angewiesen, und bis heute ist Hilfe willkommen. Es gebe viele Rentner mit geringer Rente, sagt Haska. Aber die Gemeinde bemüht sich, auch anderen zu helfen. „Es ist beeindruckend, wie die Gemeindemitglieder finanzielle Mittel suchen und die Hilfe dann weitergeben.“ In Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Fonds „Wilni serzem“ (Frei im Herzen) habe man seit Kriegsbeginn schon 4000 Menschen helfen können, sagt Gemeindevorsteherin Lidija Zelsdorf.

So stellt sich am Ende des Gottesdienstes Ljudmyla Ponomar, die Buchhalterin der Gemeinde, auf die Altarstufen. Sie zählt auf, an welchen Projekten im zerstörten Kiewer Umland gerade mitgearbeitet wird. „Wir helfen mit Baumaterial, mit Lebensmitteln und Kleidung“, sagt sie. In dem Dorf Osera nordwestlich von Kiew seien durch Kämpfe viele Häuser zerstört worden. Dort unterstütze man einen Mann dabei, das Haus seiner 74-jährigen Mutter zu reparieren.

Ein anderer Einsatzort liegt weiter weg im Gebiet Tschernihiw. Anfangs hätten die Ausgebombten dort vor allem Kleidung und Geschirr gebraucht, erzählt Ponomar. „Jetzt bitten sie um Baumaterial und Technik.“ An vielen Häusern gebe es kein heiles Fenster, die Dächer müssten repariert werden. Die Freiwilligenarbeit ist ihr wichtig: „Die Ukrainer stehen eng zusammen.“

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RND/dpa

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