Selbst nachts kaum Abkühlung

Hitzewelle in Spanien: Wenn 40 Grad auf einmal normal sind

Eine Frau in Madrid schützt sich mit einem Fächer, während sie an einem heißen, sonnigen Tag Schlange steht.

Eine Frau in Madrid schützt sich mit einem Fächer, während sie an einem heißen, sonnigen Tag Schlange steht.

Madrid. Um Mitternacht sind es 34 und ein paar Stunden später 25 Grad, für einen trügerischen Moment der Morgenfrische kurz nach Sonnenaufgang. Dazwischen liegt schwer die Nacht. Das Fenster zum Hof ist, in sinnloser Hoffnung, weit geöffnet. Ein Säugling quengelt, ein alter Mann stöhnt. Aber kein Windhauch geht, kein Blatt raschelt. Die Welt steht still. Nur der Ventilator unter der Decke dreht sich eilfertig durch die heiße Luft.

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Die Iberische Halbinsel erlebt gerade eine Hitzewelle, die das Zeug zur historischen hat. Sie dauert schon länger als eine Woche und wird wahrscheinlich noch eine dauern, sie hat das gesamte Festland im Griff, und sie hat die 40 Grad zum Normalwert erhoben. Die Madrider sagten immer schon, dass es in der Hauptstadt im Sommer über 40 Grad heiß werde, aber meistens stimmte es nicht. Jetzt stimmt es, einen Tag nach dem anderen. Und nachts kühlt es nicht ab, das ist das Schlimmste.

Mit der Hitze gibt es nur einen vernünftigen Umgang: vor ihr zu fliehen. An den Strand (an den Küsten ist es etwas kühler als im Landesinneren) oder in die Berge oder zu Verwandten aufs Dorf, wo alte Häuser mit dicken Mauern Kühle versprechen. Wem nichts anderes übrig bleibt, der flieht ins Büro, das hat wahrscheinlich Klimaanlage. Zu Hause hat nur etwa ein Drittel der Spanier eine Klimaanlage installiert, im Süden des Landes mehr als im Norden. Aber zurzeit ist es auch im Norden heiß. Wie bei jeder Hitzewelle schießen die Verkäufe von Ventilatoren und Klimaanlagen in die Höhe.

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Mit der Hitze steigt die Zahl der Todesfälle

Ein kurzer Spaziergang durch nachmittägliche Hitze, am besten in luftiger, langärmeliger Kleidung – kurze Hosen und kurzärmelige Hemden sind für den Frühling. Die Bürgersteige sind leer. Die Straßencafés sind leer. Nur die heldenhaften Männer vom Bau trotzen der Hitze und die Fahrradkuriere und die Touristinnen und Touristen. Die gingen lieber ins Museum oder ins Kino. Oder an den Strand oder in die Berge oder aufs Dorf.

+++ Alle Entwicklungen zur Hitzewelle im Liveblog +++

Mit der Hitze steigt die Zahl der Todesfälle, das zeigen die Übersterblichkeitsstatistiken. Der Regierung bleibt nichts anderes übrig, als ihren Bürgerinnen und Bürgern gute Ratschläge zu erteilen: viel trinken, am besten Wasser, lieber keinen Kaffee oder Alkohol oder süße Getränke, und leicht essen, Wassermelone, Tomaten, Gazpacho, was die spanische Geheimwaffe gegen die Hitze ist. Kein Eis am Stiel. Daran hält sich aber niemand. Wie auch viele nicht aufs eiskalte Bier verzichten, was die Seele entspannt und den Körper unter Stress setzt.

Kaum Regen, viele Waldbrände

Erstaunlich ist, wie die Natur aushält. Sie leidet, aber sie verträgt die Hitze besser als plötzliche Kälte, so wie jene im Winter letzten Jahres, als unter Schnee und Eis Zehntausende Bäume zusammenbrachen. Jetzt sind die Wälder so grün wie immer. Wenn sie nicht in Flammen stehen.

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Die Hitze steckt keine Wälder in Brand, das tun die Menschen, selten aus Mutwillen, meistens aus Unachtsamkeit. Aber mit der Hitze steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Funken zum Flächenbrand wird. Zumal, wenn die Wälder trocken sind. Im vergangenen Herbst hat es kaum geregnet, was sich auch am Pegelstand der Stauseen bemerkbar macht, die gerade mal zu 44 Prozent gefüllt sind, 20 Prozentpunkte unter dem Mittel der vergangenen zehn Jahre. Noch gibt es keinen Wassernotstand. Alles hofft auf den kommenden Herbst.

Ein Feuerwehrmann ist während eines Waldbrandes in der Provinz Zamora in der Region Kastilien-Leon im Nordwesten Spaniens im Einsatz.

Ein Feuerwehrmann ist während eines Waldbrandes in der Provinz Zamora in der Region Kastilien-Leon im Nordwesten Spaniens im Einsatz.

Im Laufe der Jahrzehnte hat Spanien seine Wälder immer besser gegen Brände zu schützen verstanden. In den 1980er-Jahren verbrannten jährlich im Durchschnitt 236.000 Hektar Wald- und Buschland, in den 2010er-Jahren waren es weniger als die Hälfte, 96.000 Hektar. Vergangenes Jahr brannten 88.000 Hektar. Doch dieses Jahr waren es bis Anfang Juli schon 70.000 Hektar. Und viele Feuer sind weiter aktiv, in Spanien wie in Portugal. Es ist kein gutes Jahr für die Wälder.

Spaniens Landwirte leiden

Hitze und Trockenheit haben der Iberischen Halbinsel schon immer zu schaffen gemacht, das ist keine Neuigkeit der jüngsten Vergangenheit. Aber die Statistiken sind unerbittlich: Die Zahl außergewöhnlicher Klimaereignisse nimmt zu, die Temperaturrekorde, die Länge und die Ausdehnung der Hitzewellen. Es ist, kurz gesagt, die Statistik, die uns vom menschengemachten Klimawandel berichtet.

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Auf den muss sich auch die Landwirtschaft einstellen. Sie tut es vornehmlich durch künstliche Bewässerung. Wie überall in Europa geht die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Spanien langsam zurück – von 18,3 Millionen Hektar 1999 auf heute knapp 17 Millionen Hektar –, doch ein immer größerer Teil davon wird bewässert: Zurzeit sind es 3,8 Millionen Hektar, 1999 waren es erst 2,3 Millionen. Bauern, die ihr Land künstlich bewässern, schauen nicht mehr wie ihre Vorfahren täglich in den Himmel, sondern unter die Erde: Ihre größte Sorge ist, dass die Brunnen nicht versiegen. Sie tun es aber. Dagegen helfen zunehmend intelligente, wassersparende Bewässerungsverfahren und Wasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen.

Die Ironie des Klimawandels ist, dass der Kampf gegen seine Folgen Energie braucht. Von den Klimaanlagen bis zu den intelligenten Bewässerungssystemen. Der Stromverbrauch in Spanien stieg in diesem Juni – mit einer ersten, ungewöhnlich frühen Hitzewelle – um 2,8 Prozent gegenüber dem Juni 2021. Die zweite Ironie ist, dass Sonne, Wind und Wasser während einer Hitzewelle tendenziell weniger Strom liefern als gewöhnlich. Spanien verbrennt gerade Gas wie nichts Gutes, sein Anteil an der Stromerzeugung betrug im Juni 28,5 Prozent, während es in den ersten fünf Monaten des Jahres 19,1 Prozent waren. Das ist Feuer für die nächste Hitzewelle.

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