Sportwagen im Zweimonatstest

Unterwegs in Kias Kraftpaket Stinger: Vollgasgenuss, der aus der Zeit gefallen ist

Ein Traum von einer Fahrzeugsilhouette: Der Stinger GT.

Ein Traum von einer Fahrzeugsilhouette: Der Stinger GT.

Kia wer? Stinger? Nie gehört. Das sind gemeinhin die Antworten, die man erhält, wenn man nach dem Stinger fragt. Wer das viertürige Premiumcoupé dagegen einmal gesehen und nur einen Hauch von Empathie hat für automobile Schönheit, der wird diesen Kia nie wieder vergessen – und mag vielleicht trotzdem noch immer nicht glauben, dass es sich um einen Kia handelt.

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Was soll die Aufregung, mag manch einer nun denken. Viertürige Coupés gab es von den deutschen Premiumanbietern längst, als Kia 2017 den Stinger vorstellte. Stimmt schon, auch andere Mütter haben schöne Kinder. Und trotzdem: ein Kia auf einer Stufe mit Audi, BMW und Mercedes – das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Und doch dürfte der Stinger bei dem einen oder anderen Sportwagenfan und Elternteil wohl noch immer Schnappatmung auslösen. Ein Gran Turismo für die Familie mit mehr als 370 PS und einem Drehmoment von 510 Nm.

Eine Höchstgeschwindigkeit von echten 270 km/h – der Stinger regelt im Unterschied zur deutschen Konkurrenz nicht bei 250 km/h ab –, und ein intelligenter Allradantrieb, der im Sportmodus nahezu die gesamte Kraft an die Hinterräder liefert und den Stinger auf dem Race-Track sogar zum Drifttalent macht, und das alles so begehrenswert verpackt als hätte Aphrodite, die Göttin der Schönheit, ihre Finger im Spiel gehabt. Da kann man schon mal aus der Fassung geraten.

Automobile Skulptur, an der man sich kaum sattsehen mag

Ja. Der Kia Stinger ist eine Erscheinung. Eine, die in jeder Hinsicht auf- und aus jedem Blickwinkel gefällt. Die absolute Schokoladenseite aber ist sein Profil. Fast meint man, das eigene Sichtfeld würde nicht ausreichen, um die Dimensionen dieses außergewöhnlichen Autos erfassen zu können. Deutlich über 4,80 Meter erstreckt sich das viertürige Coupé, und man glaubt, Anfang und Ende allenfalls erahnen zu können. Verantwortlich für diesen Rausch aus Stahl, Aluminium, Carbon und Glas ist Peter Schreyer, dem „Die Welt“ vor einiger Zeit attestierte, „der beste und größte Autodesigner der Gegenwart“ zu sein. Tatsächlich gilt Schreyer in der Branche als herausragender Kopf und hat in der Vergangenheit ikonische Autos, wie Audi TT, Audi A2 oder New Beetle, aber auch Millionenseller wie Audi A3 und Golf IV designt. Vielleicht aber ist der Stinger seine aufregendste Kreation. Eine automobile Skulptur, an der man sich kaum sattsehen mag, ist er in jedem Fall.

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Verliebt, bevor man auch nur einen Meter gefahren ist

Man sieht: schon bevor man den Stinger nur einen Meter bewegt hat, ist man Hals über Kopf verliebt. Nun weiß man allerdings auch, dass das erste Verliebtsein schnell vergehen kann, sobald der Alltag einsetzt und erste, sagen wir, Eigenheiten sichtbar werden. Nach immerhin zwei Monaten mit dem Stinger aber muss man sagen, dass dieses famose Auto offensichtlich bis ins kleinste Detail ausgereift ist, wenigstens schon einmal, was die Zuverlässigkeit betrifft. Sicher, das sollte man bei einem, im Grunde funkelnagelneuen Auto – der Testfahrzeug hatte gerade einmal 13.000 Kilometer auf dem Tacho –, auch voraussetzen können. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass auch brandneue Autos bereits einen Haufen Ärger machen können. Vor gar nicht langer Zeit konnten davon die Neubesitzer des Golf 8 ein Klagelied singen. Im besten Fall bescherte ihnen eine offensichtlich außer Kontrolle geratenen Software „nur“ Probleme mit dem Navi, im schlechtesten Fall entschied nun allein das Auto, wann es bremste und wann beschleunigte.

Zwei Monate unterwegs mit der feschen Furie: RND-Tester Andreas Kötter.

Zwei Monate unterwegs mit der feschen Furie: RND-Tester Andreas Kötter.

Die S-Kurve als Highlight im Berufsverkehr

Der Stinger jedenfalls hat zwei Monate lang genau das getan, was man auch verlangen kann: Er hat funktioniert – einwandfrei, immer und überall. Das wirklich Faszinierende an diesem mächtigen, fast zwei Tonnen schweren Boliden aber ist, dass sowohl der Komfortfahrer und die Komfortfahrerin, die es vielleicht auch mal etwas flotter mögen, wie auch die sportlich ambitionierten Pilotinnen Piloten voll auf ihre Kosten kommen. Der Stinger kann beides, Sänfte, aber auch Biest. Im Komfort- oder Ecomodus ist er eine komfortable Oberklasselimousine für das flotte Reisen. Dafür sorgen eine entsprechende Fahrwerksabstimmung und ein Innenraum auf Premiumniveau – sowohl was die Verarbeitung und die Materialen betrifft als auch in Bezug auf die Reichhaltigkeit der Ausstattung. Selbst ein aktiver Totwinkelassistent mit Monitoranzeige, der via Kamera den toten Winkel abbildet, ist an Bord.

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Wählt man aber den Sport- oder gar den Sport+-Modus, dann kann der Stinger auch Furie. Das fängt damit an, dass der Fahrer oder die Fahrerin, wie von Geisterhand, nun von den Wangen des hervorragenden Sportsitzes buchstäblich in die Zange genommen wird, setzt sich fort über die katapultartige Beschleunigung, die – gefühlt –, deutlich unter der Werksangabe von 5,4 Sekunden liegt, und führt zu einem Fahrwerk, das selbst abrupteste Richtungswechsel stoisch und wie auf Schienen ausführt. Beispiel gefällig? Auf der Autobahn A 3 liegt in Fahrrichtung Köln, kurz vor dem Kreuz Leverkusen liegt das Dreieck Langenfeld.

Kurvenverhalten wie andere auf der Geraden

Der Übergang von der A 3 auf die A 524 ist hier angelegt als langgezogene S-Kurve, die auch aus einem Lehrbuch für Nachwuchsrennfahrerinnen und ‑rennfahrer stammen könnte. Eine Kurvenkombination also, die stets schon Kilometer zuvor beim Fahrer oder bei der Fahrerin einen kleinen, inneren Freudentaumel auslöst. Hat man ein bisschen Glück, also kein Fahrzeug vor sich, kann der Stinger hier zeigen, wie viel Sportler in ihm steckt. Auf den etwa 300 Metern dieser Doppelkurve nimmt er einem nachfolgenden, im Berufsverkehrsmodus pilotierten Fahrzeug rund zweihundert Meter ab. Woher man das weiß? Ganz einfach, schon ab dem Scheitelpunkt der ersten Kurve ist im Rückspiegel nichts mehr zu sehen. Dass der Stinger das so erledigt, als würde man gerade keine Doppelkurve, sondern eine ellenlange Gerade befahren – Chapeau!

Bei aller Zuneigung gibt es durchaus aber auch ein paar Kleinigkeiten, die am Stinger nerven (können). So gehört das Infotainmentsystem des, wie schon erwähnt, bereits 2017 vorgestellten Autos logischerweise nicht zur allerneuesten Generation. Der Touchscreen dürfte, wenn es schon einer sein muss, durchaus etwas größer und etwas näher zum Fahrer oder zu der Fahrerin hin positioniert sein. Dass er zudem nach nachdrücklichem Touch verlangt, erhöht die Konzentration auf den Verkehr auch nicht gerade. Auch das Zusammenspiel von Parkbremse und Automatik könnte beim Starten gerne etwas weniger behäbig funktionieren.

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Ecomodus hilft nicht beim Sparen

Wenn der Stinger ein wirkliches Problem hat, dann jenes, dass er sich gern mal einen guten Tropfen und davon mehr als vergleichbare Konkurrenten genehmigt. Man kann anstellen, was man will – Ecomodus, Schwitzen bei 38 Grad, Verzicht auf alle geliebten S-Kurven –, die ab Werk angegebenen 10,4 Liter wurden kaum einmal erreicht. Fast immer stand eine „11″ vor dem Komma, die auch der Allradantrieb und die fast zwei Tonnen Gewicht nicht ganz entschuldigen. Ein bisschen wirkt der Stinger also aus der Zeit gefallen, und man muss wohl davon ausgehen, dass ihm Kia angesichts der aktuellen Entwicklung wohl keine Neuauflage mehr gönnen wird.

Wahrscheinlich aber würde gerade das sein Potenzial als Ikone erhöhen. Der Stinger würde unverwechselbar bleiben, keine Zweit- oder Drittgeneration könnte seine Ur-Ausstrahlung verwässern. Weil er halt nicht mehr zeitgemäß ist.

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