Kriegsberichterstattung

TV-Reporter Steffen Schwarzkopf: „Journalisten sind längst zur Zielscheibe geworden“

"Meine anstehende Hochzeit scheint schon ein wenig wie aus einer anderen Welt": Steffen Schwarzkopf, Chefreporter "Welt Fernsehen", berichtete zuletzt aus Kiew und Irpin. Nun ist er in die USA geflogen, um dort seine langjährige Lebensgefährtin zu heiraten.

"Meine anstehende Hochzeit scheint schon ein wenig wie aus einer anderen Welt": Steffen Schwarzkopf, Chefreporter "Welt Fernsehen", berichtete zuletzt aus Kiew und Irpin. Nun ist er in die USA geflogen, um dort seine langjährige Lebensgefährtin zu heiraten.

„Wir sind gerannt und haben uns in den Graben geschmissen, weil die Einschläge näher kamen“: Am Dienstag berichtete Steffen Schwarzkopf, Chefreporter des TV-Senders „Welt“, noch in eindrücklichen Worten vom gefährlichen Alltag als Reporter in Kiew. Jetzt hat der 49-Jährige zumindest vorübergehend die Ukraine verlassen: Nach Zwischenstopp in Berlin ging es für ihn weiter in Richtung USA - und das aus dem besten aller Gründe: Schwarzkopf, der auch US-Studioleiter in Washington ist und mit seiner Familie in den Staaten lebt, wird am kommenden Samstag in Washington D.C. seine langjährige Lebensgefährtin Julia ehelichen.

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Fast 8000 Kilometer liegen zwischen den Metropolen, zwei Hauptstädte, die derzeit Welten trennen - Krieg und Frieden. Im Interview bekennt der erfahrene Journalist nun, er kehre „mit gemischten Gefühlen“ heim: „Es war schon surreal genug, in Berlin zu landen, in einer vollbesetzten U-Bahn zu fahren, Menschen auf der Straße zu sehen, nachdem ich aus der Geisterstadt Kiew gekommen bin, wo es nur noch Bewaffnete, Checkpoints und menschenleere Straßen gibt. Meine anstehende Hochzeit scheint da schon ein wenig wie aus einer anderen Welt“, sagt er.

Sie waren in den vergangenen Wochen als Reporter in der Ukraine im Einsatz: Erst berichteten Sie aus den östlichen Landesteilen, zuletzt aus Kiew. Jetzt gibt es nicht mehr viele ausländische Journalisten, die noch vor Ort berichteten, oder?

Die meisten deutschen Medien hatten die ukrainische Hauptstadt bereits Wochen vor uns verlassen, aber neben uns berichteten weiterhin einige internationale Journalisten direkt aus Kiew. Wir hatten quasi als Basisstation ein Hotel unweit des Maidan. Außer uns waren hier auch Kollegen von CNN, der BBC, Fox News und Sky News untergebracht, auch ein dänisches Team war vor Ort. Das Wissen, dass mein Kameramann Festim Bequiri und ich nicht die letzten Journalisten hier waren, war gewissermaßen beruhigend.

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Wie sah Ihr Alltag aus?

Die ersten Live-Schalten am frühen Morgen machten wir in der Regel vom Hotel-Balkon. Ab etwa 10 Uhr waren wir dann in der Stadt oder an der Front in Irpin unterwegs, um von vor Ort live zu berichten, Interviews mit Soldaten, Sanitätern, Einwohnern oder Flüchtenden zu führen, zu drehen. Das dann natürlich immer mit Helm und Weste. Unser Tagesablauf war dementsprechend immer strukturiert. Am frühen Abend schnitten wir unsere Beiträge für die Nachrichten, danach ging es mit Liveschalten vom Hotel aus weiter. Arbeitsbeginn war immer um 6 Uhr früh, „Feierabend“ war dann gegen 21 Uhr, wobei das natürlich relativ war. Luftalarm und Detonationen machten auch in der Nacht keine Pause.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

„Es gibt keinen Ort, an dem man hundertprozentig sicher ist“

Wie lange waren Sie vor Ort?

Insgesamt waren wir vier Wochen in der Ukraine unterwegs, auch vor dem eigentlichen Kriegsbeginn hatten wir Soldaten im Schützengraben östlich von Kramatorsk besucht. Da gab es bereits Gefechte und Mörserbeschuss. Wenige Stunden, nachdem wir an der Front waren, wurden genau dort zwei Soldaten getötet.

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Bei Gefechten in Irpin ist vor wenigen Tagen der US-Reporter Brent Renaud durch russische Einheiten getötet worden. Laut ukrainischen Angaben starben in diesem Krieg insgesamt bisher mindestens vier Journalisten, weitere 30 wurden verletzt. Wie gefährlich stellte sich für Sie die Lage der vor Ort arbeitenden Journalisten dar?

Wir versuchen immer, das Risiko kalkulierbar zu halten und werden dabei auch von Sicherheitsexperten unterstützt. In Irpin war die Situation jedoch grenzwertig. Wie lange bleibst Du? Bis wohin gehst Du? Nur bis zur zerstörten Brücke in der Stadt oder über sie hinaus? - Das waren die Fragen, die wir uns jedes Mal von Neuem selbst wieder beantworten mussten. Wir haben Tote und Verletzte gesehen, die Geschosse am Himmel über uns, brennende Gebäude. Journalisten sind längst, das muss man nach den Ereignissen der vergangenen Tage sagen, selbst zur Zielscheibe geworden. Helm und Weste geben Dir eine gefühlte Sicherheit, eine Überlebensgarantie sind sie nicht. Es gibt keinen Ort, an dem man hundertprozentig sicher ist, weder an der Front noch im Stadtzentrum.

Was macht das alles mit einem?

Dass Kollegen getötet und verletzt werden, nimmt jeden von uns mit, egal ob man sich persönlich gut kannte oder nicht. Ich weiß nicht, wie viele Male ich mit Pierre Zakrzewski, der diese Woche erschossen wurde, zusammen beim Frühstück im Hotel war, wie oft wir zeitgleich in Richtung Frontlinie aufgebrochen sind. Auch die ukrainische Kollegin, die getötet wurde, hatte ich kennengelernt. Das tut weh.

„Selenskyj ist zum Turm in der Schlacht geworden“

Wie begegneten Ihnen die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt?

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„Normale“ Bürger hat es ja in Kiew irgendwann kaum noch gegeben, quasi jeder trug Uniform und Kalaschnikow. Soldaten von Zivilisten zu unterscheiden, war mitunter schwierig. Ich fand es absolut bewundernswert, mit welchem unbedingten Willen die Menschen bereit sind, ihr Land zu verteidigen - koste es, was es wolle, auch wenn es das eigene Leben ist. Fast jedes Gespräch endete mit der Forderung, der Himmel müsse geschlossen werden. Das steht selbst auf Werbetafeln in der ganzen Stadt. Genauso interessant war es aber zu hören, dass viele bereit zu sein scheinen, auf den Donbass und die Krim zu verzichten, da diese Regionen ihnen quasi seit Jahren als für immer verloren gelten. Das ist der einzige Punkt, in dem viele, die wir getroffen haben, nicht mit ihrem Präsidenten übereinstimmen.

Haben Sie Wolodymyr Selenskyj kennengelernt?

Ich habe den ukrainischen Präsidenten nicht persönlich getroffen. Aber die Frage, die ich ihm gerne stellen würde, ist: Was ist er bereit aufzugeben für einen Friedensschluss? Was von der Ukraine? Und was persönlich? - Selenskyj ist zum Turm in der Schlacht geworden, von den Menschen bewundert für seinen Mut, er gilt als wahrer Anführer. Knapp 90 Prozent aller Ukrainer unterstützen ihn. Wäre er auf das Evakuierungsangebot des Westens eingegangen, hätte er Kiew verlassen - der Widerstand wäre schneller zusammengebrochen, keine Frage.

„Es war nicht ganz einfach, das Land zu verlassen“

Wie gehen Ihre Angehörigen damit um, dass Sie aus dem Krieg berichten?

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Als Reporter scheint es mir oftmals einfacher zu sein als für die Familie zu Hause. Wir sind mittendrin, unter Strom, machen unseren Job, haben kaum Zeit nachzudenken. Für meine Lebensgefährtin Julia war das anders. Sie hat versucht, wie sie selber sagt, den Kopf in den Sand zu stecken. Kaum Fernsehen, kaum Nachrichten; Freunde und Bekannte hat sie gebeten, nicht über meinen Job mit ihr zu sprechen. Ich habe versucht, mich immer regelmäßig mit einer kurzen Nachricht zu melden, was aber nicht ganz einfach war, wenn es beispielsweise bei Irpin kein Telefonnetz gab. Diese Stunden waren für sie die härtesten. Aber sie hat mir in bewundernswerter Weise den Rücken freigehalten und sich kein einziges Mal beklagt. Auch von unseren beiden Kindern hat sie das, was ich täglich erlebt habe, so gut es ging ferngehalten. Und das hat gut funktioniert - das Fußballspiel war meist wichtiger als der Krieg, von dem der Papa berichtete.

Nun verließen Sie Kiew und flogen in die USA, um am kommenden Wochenende in Washington zu heiraten. Wie surreal kommt Ihnen gerade Ihr Leben vor?

Es war nicht ganz einfach, das Land zu verlassen, weil der Krieg ja noch nicht vorbei ist. Deswegen kehre ich mit gemischten Gefühlen heim. Es war schon surreal genug, in Berlin zu landen, in einer vollbesetzten U-Bahn zu fahren, Menschen auf der Straße zu sehen, nachdem ich aus der Geisterstadt Kiew gekommen bin, wo es nur noch Bewaffnete, Checkpoints und menschenleere Straßen gibt. Meine anstehende Hochzeit scheint da schon ein wenig wie aus einer anderen Welt.

„Es ist eine Dauerbelastung, du schaltest nie ab“

Gefühlt berichten Sie seit Jahren im absoluten Ausnahmezustand: Trump, Corona, die Unruhen in den Staaten, die US-Wahlen, jetzt der Krieg in der Ukraine.

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Die vergangenen Jahre waren extrem intensiv. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Afghanistan ab 2001. Irak ab 2005. Die Jahre ab 2011 mit dem Arabischen Frühling - Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien. All das war mit vielen schwierigen Situationen verbunden, mit Lebensgefahr, mit Toten und Verletzten, unfassbarer Zerstörung und menschlichem Leid. Meine Korrespondententätigkeit in den USA ab 2016 war natürlich anders, aber nicht weniger intensiv. Zwei Wahlkämpfe, zwei Präsidentschaftswahlen, Black Lives Matter-Proteste, Covid, Hurricanes. Es waren viele Reisen, hunderte von Nachtschichten, tausende Liveschalten und Beiträge. Ich bin extrem dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, als Reporter über diese Ereignisse zu berichten. Es ist eine Dauerbelastung, du schaltest nie ab, auch an Wochenenden nicht. Man kann das lieben und hassen - ich tue wahrscheinlich beides.

Gehen Sie auf Hochzeitsreise?

Unsere Hochzeitsreise - Ich glaube, die wird es erst mal nicht geben. Bevor wir aber im Sommer nach Deutschland zurückkehren, machen wir unseren großen Abschlussurlaub mit Mann und Maus: auf Hawaii. Das ist dann Hochzeits- und Familienurlaub zusammen. Aber bis dahin ist es ja noch ein bisschen Zeit. Ob ich nächste Woche wieder in die Ukraine reise, werde ich mit der Chefredaktion und der Familie abstimmen. Unwahrscheinlich ist es aber nicht.

RND/Teleschau

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