Krieg in sozialen Netzwerken

Traut euren Augen nicht! Im Krieg der Bilder ist praktisch alles möglich

Eine echte Aufnahme aus dem Kriegsgebiet: Die ukrainische Bloggerin Mariana Wischegirskaja verlässt eine völlig zerstörte Geburtsklinik in Mariupol, die von russischen Truppen attackiert wurde. Die russische Botschaft in London hatte bei Twitter behauptet, dass es sich um einen Fake handelt und die Frau ihre Verletzungen nur vortäusche. Wenige Tage nach dem Angriff hat sie eine Tochter zur Welt gebracht.

Ein ganz normaler Touristentag in der Stadt der Liebe: Eine junge Frau posiert lächelnd vor dem Eiffelturm, der Himmel ist strahlend blau. Doch dann erschüttert eine Explosion Paris, Bomben fallen, Kampfjets donnern über die Häuser. Sirenen heulen, ein Baby weint. Verwackelte Handybilder zeigen Raketeneinschläge rund um die Kirche Sacré-Cœur auf dem Montmartre. „Was passiert hier?“, fragt eine Frauenstimme. „Oh mein Gott!“ Auf dem Bildschirm erscheint eine Einblendung: „Stell Dir vor, das würde in einer anderen europäischen Hauptstadt passieren“, gefolgt von einem Zitat des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj: „Schließt den Himmel oder gebt uns Kampfflugzeuge. Wenn wir fallen, fallt ihr auch.“

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Welchem Bild soll man noch trauen?

Das furchterregende 45-Sekunden-Video, das das ukrainische Verteidigungsministerium veröffentlicht hat, ist eine Botschaft an Europa: Der Film soll die Nato-Westmächte davon überzeugen, eine Flugverbotszone über dem Land zu verhängen. Er ist bewusst als Manipulation gestaltet. Und die Qualität dieser Fälschung ist ebenso verblüffend und erschreckend: Wenn es technisch möglich ist, einen Militärangriff auf Paris mit solcher Akkuratesse vorzuspiegeln – welchem Bild aus diesem Krieg soll man da noch trauen? Welchem Bild überhaupt?

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Noch nie hat ein moderner Krieg eine solche Flut an nicht nachprüfbaren Bildern produziert. Parallel zu den realen Gefechten und blutigen Kämpfen in zerschossenen Städten tobt bei Twitter, Instagram, Facebook und Tiktok eine digitale Schlacht um die Hirne und Herzen. Für viele Nachrichtenkonsumenten, sagte der Philosoph und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich im Deutschlandfunk, sei dieser Krieg kein „Fernsehkrieg“ mehr mit grobkörnigen, abstrakten Nachtaufnahmen ohne Menschen wie 1991 aus Bagdad, sondern „tatsächlich ein Krieg, der in den sozialen Medien stattfindet“.

Bloggende Putin-Fans, die es gar nicht gibt

Die technische Perfektion, mit der etwa die Kreml-Propaganda seit Jahren massenhaft nützliche Bildmärchen ersinnt und verbreitet, um die öffentliche Meinung nach innen und außen im Sinne Putins zu beeinflussen, hat nach Erkenntnissen westlicher Fachleute eine neue Eskalationsstufe erreicht. Dazu gehören auch prorussische Blogger und Journalisten, die in Wahrheit gar nicht existieren. Es sind Fiktionen.

Russische Armee: Probleme mit dem Nachschub

Nach fast einem Monat Krieg in der Ukraine haben russische Einheiten nach Angaben des ukrainischen Generalstabs zunehmend Probleme mit dem Nachschub.

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Nehmen wir zum Beispiel den studierten Luftfahrtingenieur Vladimir Bondarenko oder seine Kollegin, die frühere Gitarrenlehrerin Irina Kerimova aus Charkiw. Bondarenko ist ein freundlicher, unscheinbarer Mann mit akkurater Frisur. Kerimova ist eine rothaarige junge Frau, an deren Bild lediglich auffällt, das sie nur an einem Ohr einen Ohrring trägt.

Die beiden arbeiten als Politblogger für eine Webseite namens „Ukraine Today“ und berichten dort, wie segensreich Russland in der Ukraine wirkt, wie korrupt und kaputt die Regierung in Kiew ist und wie gut Putins Krieg vorankommt. Es gibt nur ein Problem: Beide gibt es gar nicht. Sie sind frei erfundene Personen mit fiktiven Biografien. Ihre „Gesichter“ stammen aus Deep-Fake-Software.

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Der Facebook-Mutterkonzern Meta hat nach eigenen Angaben jüngst mehr als 40 Deep-Fake-Profile wie das von Kerimova und Bondarenko gelöscht: angebliche Journalisten und Journalistinnen mitsamt Gesicht und Lebensgeschichte, die in Wahrheit gar nicht existieren.

Diese Accounts seien jedoch nur ein Bruchteil der „Ukraine Today“-Initiative, die nach US-Regierungserkenntnissen Verbindungen zum russischen Geheimdienst haben soll. Auch reale Accounts von tatsächlich existierenden ukrainischen Journalisten, Politikern und Militärs haben Hacker im Propagandaauftrag geknackt und dort prorussische Propaganda verbreitet, etwa ein Video eines angeblichen Ukrainers, der angeblich eine weiße Fahne schwenkt, um sich zu ergeben. Verantwortlich für diese Hacks soll laut Facebook-Mutter Meta die weißrussische Hackergruppe Ghostwriter sein.

Nicht nur staatlich gelenkte Trollarmeen nützen Putin

Nicht immer sind es staatlich gelenkte Trollarmeen, die Fake-Inhalte ins Netz blasen, um die Glaubwürdigkeit der Gegenseite zu untergraben und Putins Ruhm zu mehren. Oft teilen auch Privatpersonen wissentlich oder unwissentlich gefälschte oder aus einem ganz anderen Zusammenhang stammende Bilder, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, Empörung auszudrücken oder Likes zu „ernten“. So kursierten etwa Aufnahmen des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, in denen dieser ein Trikot der ukrainischen Nationalmannschaft mit (nachträglich eingefügtem) Hakenkreuz hochhält. Die Manipulation soll die russische Propagandalüge vom „Nazi-Regime“ in Kiew anfachen.

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Bilder von US-Fallschirmjägern sollen angeblich zeigen, wie amerikanische Truppen in den Krieg in der Ukraine eingreifen. Die Agentur Reuters hingegen wies darauf hin, dass die Clips seit 2016 in Umlauf sind und höchstwahrscheinlich Soldaten der 82nd und 101st Airborne Divisions beim Training in Fort Bragg im US-Bundesstaat North Carolina zeigen – und keine Landung in der Ukraine. Selbst Computerspielszenen aus Militär-Egoshootern wie „Arma 3″ oder „DCS World“ werden als reale Kriegsszenen im Netz geteilt und kommen auf Millionen Klicks.

„Noch viel genauer hinschauen“

„Im Netz kursieren zunehmend gefälschte Videos“, berichtet Patrick Gensing, Leiter des tagesschau.de-Onlineportals faktenfinder und seit 2019 auch Chef des Investigativressorts, in einem Beitrag. „Videoaufnahmen gelten bislang als wichtige Beweise, um Sachverhalte zu klären. Das könnte bald vorbei sein, denn die Manipulation von Bewegtbildern ist technisch quasi für jeden möglich.“ Die Öffentlichkeit und vor allem Medienmacher müssten künftig also „noch viel genauer hinschauen, welche Videos echt sind und welche manipuliert“.

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Genauer hinschauen? Das ist nicht einfach. Deep Fakes machen es möglich, im Prinzip jeder denkbaren Person jede denkbare Aussage in den Mund zu legen. Laut einer US-Studie der University of California und der Lancaster University sind von künstlicher Intelligenz erzeugte Gesichter inzwischen so perfekt darstellbar, dass die meisten Menschen nicht mehr zwischen echt und falsch unterscheiden können. In der Studie identifizierten menschliche Teilnehmer nur 48,5 Prozent der Fake-Bilder als gefälscht.

Videoaufnahmen gelten bislang als wichtige Beweise, um Sachverhalte zu klären. Das könnte bald vorbei sein, denn die Manipulation von Bewegtbildern ist technisch quasi für jeden möglich.

Patrick Gensing,

tagesschau.de-Faktenfinder

Mehr noch: Die „erfundenen“ Gesichter erschienen den Betrachtern „vertrauenswürdiger“ als echte Gesichter. Auf einer Skala von 1 (sehr unzuverlässig) bis 7 (sehr vertrauenswürdig) lag die durchschnittliche Bewertung für echte Gesichter laut dem Fachmagazin „Artificial Intelligence News“ mit 4,48 unter dem Wert von 4,82 für synthetische Gesichter. Falsch schlägt echt.

ARD und ZDF berichten wieder aus Moskau

Mit anderen Worten: Die Akkuratesse, mit der Software inzwischen real wirkende Menschen erschaffen kann, stellt Berichterstatter und Newskonsumenten in Kriegen und Krisen vor ganz neue Herausforderungen. Die Verifizierung von Bildern aus dem Krieg in der Ukraine ist ein massives Problem. Und es wächst, je weniger Berichterstatter vor Ort sind und mit eigenen Augen und Ohren überprüfen können, was tatsächlich geschieht.

Selenskyj vor US-Kongress : „Wir brauchen Sie jetzt“

In seiner Rede vor beiden Kammern des US-Kongresses wiederholte Selenskyj mit Nachdruck die Forderung der Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine.

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ARD und ZDF etwa hatten – wie andere westliche Medien auch – ihre Berichterstattung aus Moskau zwischenzeitlich ausgesetzt. Sie überprüften zunächst, was die Verabschiedung des neuen russischen Mediengesetzes bedeutet, das bis zu 15 Jahre Haft für die Verbreitung von „Falschnachrichten“ vorsieht. Auch Ausländer sind davon betroffen. Seit Ende vergangener Woche senden ARD und ZDF wieder aus ihren Moskauer Studios, allerdings nur „über die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in Russland“, wie der zuständige WDR mitteilte – nicht über die militärische Lage in der Ukraine. Diese werde von anderen Standorten aus bewertet. Man werde aber auch die besonderen Umstände zum Thema machen, unter denen Journalisten in Russland arbeiteten.

Was kann man als Zuschauer tun?

Aus der Flut der Clips authentische Zeitzeugnisse zu filtern ist aufwendig und komplex. Recherchenetzwerke wie Bellingcat oder die österreichische Initiative Mimikama (Slogan: „Zuerst denken - dann klicken!“) enttarnen Fälschungen und Irrtümer, Redaktionen tun ihr Möglichstes. Aber was können einzelne Zuschauer und Zuschauerinnen tun? Wichtig bei der Bewertung eines Clips sind einige einfache Grundfragen: Ist die Quelle erkennbar? Wer hat das Material gepostet? Kommt der Clip auffällig reißerisch daher? Gibt es Hinweise auf den Ort der Handlung (etwa Autokennzeichen)? Liefert die umgekehrte Bildersuche bei Google Hinweise darauf, dass ein Foto aus einem ganz anderen Kontext stammt?

Zuerst denken - dann klicken!

Slogan der österreichischen Verifizierungsinitiative Mimikama

Youtube-Videos lassen sich über die Website „DataViewer“ von Amnesty International verifizieren. Wer den Link zu einem Video dort eingibt, erhält Screenshots aus dem Video, die mit der Bildrückwärtssuche bei Google verknüpft sind. So arbeiten auch die seriösen Redaktionen. Wie sehr die aufklärerische Arbeit von Bellingcat Russland stört, gab der Kreml am Mittwoch indirekt zu: Er sperrte die Bellingcat-Webseite in Russland.

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Es sind vor allem – aber nicht nur – russische Quellen, die als Putins verlängerter Arm Zweifel an der Kriegsberichterstattung aus dem Westen säen, Loblieder auf Mütterchen Russland singen und das Werk des Machthabers im Kreml feiern. Die Londoner Zeitung „The Guardian“ hat ermittelt, dass britische Medien in mehr als 100 Fällen Tweets von russischen Trollen als authentische Stimmen veröffentlicht haben, hinter denen in Wahrheit Fake-Accounts steckten.

„Ästhetische und emotionale Suggestion“

Gensing zitiert bei tagesschau.de auch Vladislav Surkow, den „Chefideologen des Kreml“ und persönlichen Berater von Putin: Surkow habe das alte Mittel der „Polittechnologie“ zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung als eine Kunst beschrieben, bei der „die Manipulation unerkannt bleibt“. Die Manipulierten sollten sich „der Illusion hingeben, sie seien selbstständig zu ihrer Meinung gelangt“. Möglich werde dies durch ästhetische und emotionale Suggestion – aber nicht auf der Ebene der Vernunft.

Früher war er [Putin] einfach unser Präsident und konnte abgelöst werden. Jetzt ist er unser Führer. Und wir lassen nicht zu, dass er abgelöst wird.

Margarita Simonjan,

Chefredakteurin des staatlichen Auslandssenders „Russia Today“

Entscheidend für die russische Führung, den „Informationskrieg“ und die Pro-Kreml-Tendenz der staatlichen Medien auf ein neues Level zu heben, war der Krieg 2008 in Georgien. Der Kreml sah sich in Westmedien falsch dargestellt, fühlte sich ungerecht behandelt, witterte antirussische Kampagnen. Seither investierte die Regierung massiv in staatliche Medien, baute den eigenen Sender „Russia Today“ zum prorussischen Propagandakanal um – und verpasste ihm die neue Abkürzung „RT“, um die Herkunft der Inhalte zu verschleiern. Man baute regelrechte Social-Media-Trollfabriken auf, in denen bezahlte Handlanger in sozialen Medien Stimmung für Putin schürten, und machte sich geschickt die Dienste freiwilliger, Putin-freundlicher Normalverbraucher im Westen zunutze, die seither ins selbe Horn stoßen. Ganz im Sinne von Surkow „in der Illusion, sie seien selbst zu ihrer Meinung gelangt“.

„Jetzt ist er unser Führer": RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan mit Wladimir Putin.

„Jetzt ist er unser Führer": RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan mit Wladimir Putin.

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Ganz offen twitterte Margarita Simonjan, RT-Chefredakteurin seit 2005 und eine der wichtigsten Propagandistinnen im Dienste Putins, nach dessen Wiederwahl bei der Präsidentschaftswahl 2018, was sich im Verhältnis zu Putin und den staatlichen Medien geändert habe: „Früher war er einfach unser Präsident und konnte abgelöst werden“, schrieb sie laut einem Beitrag der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung in geradezu devoter Ergebenheit. „Jetzt ist er unser Führer. Und wir lassen nicht zu, dass er abgelöst wird.“ Sie selbst nannte RT eine „Waffe“ im „Informationskrieg“. In Friedenszeiten erscheine ein Auslandssender „nicht unbedingt nötig“. Aber im Krieg könne er „entscheidend sein“. Seit Februar steht Simonjan auf der Sanktionsliste der EU.

Das Handwerkszeug politischer Stimmungsmacher

Das wichtigste ideelle Instrument in diesem Krieg sind Bilder. Und das gilt nicht erst seit dem 20. Jahrhundert. Von den ersten Tagen der Fotografie an gehörten Bildmanipulationen zum Handwerkszeug politischer Stimmungsmacher. Schon im 19. Jahrhundert wurden Fotos verfälscht, um Helden zu preisen oder Verbrechen zu kaschieren: Eine Fotografie von 1864 aus dem amerikanischen Bürgerkrieg etwa zeigt den General und späteren US-Präsidenten Ulysses S. Grant hoch zu Pferde bei der Belagerung von Petersburg in Virginia. In Wahrheit ist das Bild aus drei Motiven zusammengesetzt – nur der Kopf stammt von Grant selbst.

„Fühle mich verpflichtet“: Wie ein Flüchtling aus Syrien zum Helfer für die Ukraine wurde

Im Jahr 2015 war der Flüchtlingshilfeverein Train of Hope für Tarek Alkouatly die erste Anlaufstelle – heute hilft er Bedürftigen aus der Ukraine.

Legendär sind die von Stalin befohlenen Retuschen der in Ungnade gefallenen Genossen Lew Borissowitsch Kamenew und Leo Trotzki aus den berühmten Propagandafotos von Grigori Goldstein während einer Rede Lenins am 5. Mai 1920 in Moskau. Stalin befahl: Die Erinnerung an seine Widersacher Trotzki und Kamenew müsse getilgt werden. Im Alten Rom war in solchen Fällen von „Damnatio memoriae“ die Rede – von der „Auslöschung und Verfluchung der Erinnerung“ also.

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Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte? Das war einmal

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte? Das war einmal. Doch das Vertrauen in die Authentizität eines Bildes ist weiterhin gewaltig. Der Grund liegt im kulturellen Erbgut des Menschen: Das Entschlüsseln von Bildern ist als Kulturtechnik viel älter als das Lesen. Seit er Augen hat, verlässt sich der Mensch auf das, was er sieht. Erst vor 6000 Jahren kam die Schrift als Vermittlungsinstrument von Wirklichkeit dazu. Bilder und Filme gelten als ultimative Abbilder der Realität.

„Wollen den Menschen Sicherheit geben“: Hannover als Drehkreuz für Ukraine-Geflüchtete

Aktuell kommen täglich Sonderzüge mit Flüchtenden aus der Ukraine in Hannover-Laatzen an. Das DRK ist im Dauereinsatz – und es wird noch mehr Hilfe gebraucht.

Ein weiterer Vorteil gegenüber der Schrift: Bilder lösen, anders als Texte, unmittelbare Emotionen aus – und sind deshalb machtvolle Werkzeuge in den Händen von Manipulatoren der öffentlichen Meinung. Im menschlichen Gehirn werden beim Betrachten eines Bildes dieselben Areale aktiviert wie beim Betrachten der Realität. Schon 1926 warnte Kurt Tucholsky: „Und weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiß jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen.“

Das Vertrauen in Bilder bröckelt

Je mehr freilich Bilder manipuliert werden, je öfter Journalisten und Faktenchecker gefälschtes Material enttarnen, desto bröckeliger wird das Vertrauen des Publikums in Bilder. Sie verlieren ihre Orientierungskraft. Philosoph Ullrich spricht von einer „Krise der Bilder“. „Wir haben die Gutenberg-Galaxie hinter uns gelassen“, sagt der deutsche Historiker Edgar Wolfrum. „Nicht der Schriftunkundige ist der Analphabet der Zukunft, sondern der Bildunkundige.“

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WIE DAS RND DIE ECHTHEIT VON BILDERN ÜBERPRÜFT

Zum Krieg in der Ukraine sind in den sozialen Medien unzählige Filmclips und Bilder abrufbar. Auch das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) bemüht sich um die Verifizierung solchen Bildmaterials, bevor es Eingang in eine RND-Veröffentlichung findet. Dafür prüft die Redaktion unter anderem, ob Metadaten Hinweise auf den Entstehungsort und die -zeit enthalten, ob der Inhalt selbst Hinweise auf Ort und Zeit gibt (Sind Autokennzeichen zu sehen? Welche Sprache wird gesprochen?) und ob die Rückwärtssuche bei entsprechenden Internettools Indizien dafür liefert, dass das Bild aus einem anderen Kontext stammt – etwa aus früheren Konflikten oder einem Computerspiel. Weitere entscheidende Fragen: Wer hat das Material gepostet? Sind offensichtliche Bildfehler zu erkennen? Stammt es von einer seriösen Webseite mit akkuratem Impressum? Ist es besonders emotional oder reißerisch? Nur wenn die Herkunft eines Videos oder Fotos möglichst nachprüfbar ist, verwendet das RND Material aus den sozialen Medien. In einzelnen Fällen weisen wir klar darauf hin, dass die Quelle eines relevant erscheinenden Beitrags nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte.

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