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Streit ums Kokosnusslied: Was wirklich hinter der Rassismusdebatte steckt

Wer hat die Kokosnuss geklaut? Laut einem Beitrag des ZDF ist dieser Songtext rassistisch.

Mainz. Es ist ein Post auf Instagram, der linke und konservative Gemüter gleichermaßen erzürnt: „Woke-Angriff des ZDF auf unsere Kinderlieder“, tönt etwa die „Bild“-Zeitung. „Vor lauter Wokeness hat das ZDF auf Instagram schwarze Menschen mit Affen gleichgesetzt“, kommentiert die „taz“. Und auf Twitter fordert jemand: „Das ZDF sollte sich entschuldigen.“

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Was war passiert? Der ZDF-Digitalableger ZDF Kultur hatte auf seinem Instagram-Profil „Around the World“ eine Foto-Slideshow mit dem Titel „Rassismus im Kinderzimmer?“ veröffentlicht. Auf sieben Kacheln werden verschiedene Kinderlieder präsentiert – verbunden mit der Kritik, dass diese „rassistische Stereotype und Klischees reproduzieren“.

So wird etwa das Kinderlied „Aramsamam“ genannt, weil es von Kritikerinnen und Kritikern als „Verballhornung“ der arabischen Sprache aufgefasst werde. Oder das Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, weil es antiasiatische Ressentiments fördere. Und im Lied „c-a-f-f-e-e“ tauchten beleidigende Bezeichnungen wie „Türkentrank“ und „Muselmann“ auf.

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Ist der Affensong rassistisch?

Für Zorn im Netz sorgt aber keines dieser drei Beispiele – sondern vielmehr eine Grafik zum Song „Wer hat die Kokosnuss geklaut“. Das ZDF schreibt dazu: „Im Lied ‚Wer hat die Kokosnuss geklaut‘ werden für Kritikerinnen und Kritiker rassistische Stereotype gegen BIPoC reproduziert. Das auf BIPoC projizierte, kolonialistische Klischee vom kriminellen und triebgesteuerten Affen steht dabei besonders im Fokus.“ Die Abkürzung BIPoC steht dabei für „Black, Indigenous and People of Color“.

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Zahlreichen Kommentatorinnen und Kommentatoren in den sozialen Netzwerken platzt angesichts dieser Erklärung regelrecht die Hutschnur. Und zwar aus zweierlei Gründen: den einen aus Angst, das ZDF können ihnen vor lauter Political Correctness nun auch noch die Kinderlieder wegnehmen – und den anderen, weil sie beim ZDF selbst Rassismus vermuten.

„Echt jetzt, @ZDF? Wer hat die Kokosnuss geklaut ist ein Kinderlied über Tiere“, twitterte etwa der CDU-Politiker Manuel Hagel. Ein anderer meint: „Ich hab bei dem Lied *NOCH NIE* an Menschen gedacht, sondern immer an Schimpansen. (...) Nur das ZDF bringt hier schwarze Menschen ins Spiel – und unterstreicht damit mal wieder, wer der größte Rassist im Land ist.“ Und ein weiterer schreibt: „Wer dabei an Afrikaner oder generell Schwarze denkt, hat wirklich ein Rassismusproblem.“

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Kritik von allen Seiten

Die „Bild“-Zeitung bezeichnet die Liedtextanalyse des ZDF in einem Artikel als „Wokeangriff des ZDF auf unsere Kinderlieder“ – und fragt: „Sollen unsere Kinder dieses harmlose Lied nicht mehr singen?“

Die „taz“ wiederum kommentiert aus anderer Perspektive: „Was geht da in den Köpfen der Redakteure vor, wenn sie solche Assoziationen haben?“ Bei Affen an schwarze Menschen zu denken sei eine „ungeheure Entgleisung, für die das ZDF sich umgehend entschuldigen sollte“, schreibt Autorin Silke Mertins.

Der Fall zeige, „wie tief Rassismus selbst bei denjenigen verwurzelt ist, die eigentlich das Gegenteil wollen“. Es sei „ein Irrweg (und sehr bequem), Rassismus bei ‚den anderen‘, vorzugsweise den Rechten und Rechtsextremen, auszulagern. Denn jeder wächst damit auf und jeder hat die Verantwortung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen – Linke genauso wie Liberale oder Konservative.“

Wie kommt das ZDF auf seine Theorie?

Am Ende bleibt unklar, was dem ZDF nun eigentlich wirklich vorzuwerfen ist. Verhält sich die Redaktion tatsächlich selbst rassistisch? Oder will sie einfach nur vor lauter Political Correctness den Deutschen ihr liebstes Kinderlied wegnehmen? Eine genauere Betrachtung des Falls zeigt: Es ist ein bisschen komplizierter.

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Tatsächlich wird nämlich nicht so recht klar, wie der Sender überhaupt auf seine Theorie kommt, das Affenlied könne rassistisch sein. Der Sender spricht in seinem Beitrag pauschal von „Kritikerinnen und Kritikern“, ohne diese jedoch näher zu benennen – geschweige denn die Herleitung der Theorie.

Erst in einer langen Linkliste in den Fußnoten des Instagram-Posts lichtet sich der Nebel etwas – genauer gesagt in einem kostenpflichtigen Artikel der „FAZ“, der von Instagram aus nicht einmal anklickbar ist.

Ein Vorfall unter der Dusche

In diesem wird aus dem Buch „Plantation Memories“ der portugiesischen Psychologin Grada Kilomba zitiert. Kilomba beschreibt darin das Erlebnis einer afrodeutschen Frau namens Alicia, die ihre Haare unter der Dusche mit Kokosöl pflegt. Als ihr weißer deutscher Partner das riecht, beginnt er „Die Affen rasen durch den Wald“ zu singen.

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Die Frau sei daraufhin wütend geworden, beschreibt die Autorin in dem Buch – weil er den Geruch von Kokosnuss im Haar einer schwarzen Frau gleichsetze mit „barbarischen Affen“. Der Song würde schließlich eine lange Geschichte des Kolonialismus projizieren, in dem schwarze Menschen mit Affen gleichgesetzt wurden, heißt es weiter. Also genau die Erklärung, die auch das ZDF in seinem Instagram-Post anführt.

In dem Buch ist die Erklärung noch ein bisschen ausführlicher. Der Song sei ein Code für eine weiße Sicht auf den Kolonialismus, heißt es da etwa. Tiere lebten im Chaos und unzivilisiert im Dschungel – das klinge ähnlich wie die Propaganda von Europäern während der Besetzung. Die Lyrics beschrieben zwar Affen, die sich um eine Kokosnuss stritten, die Botschaft sei aber eine andere. Und wenn ein weißer Mann seine Freundin mit diesem Song unter der Dusche besänge, sende er gleichzeitig Code und Message des Stücks, ohne das überhaupt zu merken.

„Alicia“, so heißt es in dem Buch, habe sich inzwischen übrigens von ihrem Partner getrennt. „Ich habe ihn nicht mehr ausgehalten“, wird sie zitiert.

Affensong als afroamerikanischer Rock ’n’ Roll

Ein weiterer Kritiker des Affensongs ist der Musikethnologe Nepomuk Riva. Dieser gab im September dem Deutschlandfunk ein Interview, das ebenfalls vom ZDF in seinem Post als Quelle angeführt wird.

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Riva bringt bei seiner Kritik auch den Musikstil des Songs ins Spiel: „Da wird eine Art afroamerikanischer Rock ‘n’ Roll imitiert auf ganz simple Weise in den Strophen. Das klingt nach afroamerikanischer Popmusik der Fünfziger-, Sechzigerjahre, wenn man sich die ersten Aufzeichnungen des Lieds anschaut. Das heißt, hier werden Verbindungen hergestellt, die gerade im Dritten Reich natürlich ganz offensichtlich waren. Also von der afroamerikanischen Musik zur Musik der Afrikaner.“

Und der Stereotyp für die Afrikaner im rassistischen Kontext seien „einfach die Affen“, sagt Riva. „Also da ist eine Linie gezogen worden, die nicht verbal artikuliert wird, die aber in diesem Lied drinsteckt. Dadurch, dass man sich an einem afroamerikanischen populären Musikstil orientiert.“

Wie entscheidend ist der Kontext?

Kurzum: Der Beitrag des ZDF ist keine Spinnerei der Redaktion, wie manch ein Kommentar nun suggeriert. Die Kritik am Song gibt es tatsächlich – wenngleich sie von einigen wenigen Personen stammt.

Hier dürfte auch die Problematik des Posts liegen. Er stützt sich im Kern auf die Meinungen zweier Wissenschaftler, und darüber hinaus auf die Einzelerfahrung einer Frau unter der Dusche. Beim ZDF wird dies jedoch mit den Worten „Kritikerinnen und Kritikern“ und der Überschrift so hochskaliert, als sei sich eine breite Öffentlichkeit darüber einig, dass der Song beim Singen rassistische Motive projiziere.

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Tatsächlich ist die Lage aber nicht einmal im Buch von Grada Kilomba so eindeutig. Hier wird die Problematik explizit am Vorfall mit dem Kokosöl erklärt – also im Kontext, dass ein weißer Mann eine schwarze Frau mit dem Affensong besingt. Die Analyse von Nepomuk Riva beinhaltet ebenfalls einen Kontext – nämlich, dass der Song im Stil von afroamerikanischer Musik präsentiert wird.

Doch was wäre, wenn diese Elemente wegfielen? Wenn Kinder den Song a cappella zur Belustigung im Kindergarten sängen? Überträgt er dann wirklich unterschwellig rassistische Stereotype? Oder ist es dann vielleicht doch einfach nur ein Song über Affen?

Was das ZDF zur Kritik sagt

An dieser Stelle wird das Thema komplex. Und man könnte genau das diskutieren, wenn man denn wollte. Der Versuch, dies verkürzt auf einer Instagram-Slideshow zu tun, fällt dem ZDF nun allerdings gehörig auf die Füße.

Der Sender selbst will den umstrittenen Post als Einladung zur Diskussion verstanden wissen, wie eine Sprecherin auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) erklärt. Quellen und weiterführende Informationen seien transparent gemacht worden, heißt es weiter.

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Richtig funktioniert hat das aber nicht. Unter dem Post selbst stehen inzwischen größtenteils negative Kommentare. Manch einer fühlt sich gegängelt und seines Lieblingskinderliedes beraubt, manch einer spottet einfach nur.

Und wiederum andere kritisieren den Sender nun für den vermeintlichen Rassismus in eigenen Reihen. Und das, obwohl die Ursprungskritik eigentlich von einer schwarzen Frau stammt, die mit Kokosöl im Haar im Badezimmer stand.

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