Neuer „heute journal“-Moderator Christian Sievers: „Ich bin nicht der Kleber 2.0“

Christian Sievers startet am 10. Januar als Hauptmoderator der quotenstarken Nachrichtensendung „heute journal“ im ZDF. Er moderiert im Wechsel mit Marietta Slomka.

Christian Sievers startet am 10. Januar als Hauptmoderator der quotenstarken Nachrichtensendung „heute journal“ im ZDF. Er moderiert im Wechsel mit Marietta Slomka.

Christian Sievers folgt beim ZDF-„heute journal“ auf Claus Kleber. Gemeinsam mit Marietta Slomka übernimmt er im wöchentlichen Wechsel die Hauptmoderation der Sendung. Seine Co-Moderatorin wird Hanna Zimmermann. Sievers hatte zuvor unter anderem die „heute“-19-Uhr-Nachrichten moderiert und auch bereits einige Wochen im Jahr das „heute journal“.

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Sie folgen beim „heute journal“ auf Claus Kleber. Wie groß sind die Fußstapfen, in die Sie treten?

Claus ist eine Moderatorenlegende im deutschen Fernsehen. Als Korrespondent hatte ich früher immer ziemlich Bammel vor Schaltgesprächen mit ihm, weil er geradezu berüchtigt dafür ist, live auf dem Sender das zu fragen, was ihm gerade in den Sinn kommt – und dann hat man besser eine überzeugende Antwort parat. Über all die Jahre ist er dann zu einem wichtigen Ratgeber geworden, zu einem Freund. Ich kann eine Menge von Claus mitnehmen, aber ich bin natürlich nicht der „Kleber 2.0“. Wenn die Fußstapfen sehr groß sind, hilft es, eigene Wege zu gehen.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

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Zunächst mal: Das „heute journal“ ist ein Leuchtturm in der deutschen Nachrichtenwelt. Da läuft sehr viel goldrichtig, und das kommt ja auch bei enorm vielen Menschen gut an, die jeden Abend nach verlässlicher Information, aber auch nach Einordnung suchen. Ich habe mich nie irgendwo als „Moderator“ beworben, ich war immer Reporter und werde das im Herzen auch bleiben. Deswegen bin ich dem Sender dankbar, dass ich immer wieder rausdurfte, um von vor Ort zu berichten. Das möchte ich gern weitermachen und verstärken: diese Welt selbst anschauen und die Erfahrungen dann mit ins Studio nehmen.

Glauben Sie, dass das vereinbar wird, neben der „heute journal“-Moderation noch rausgehen und vor Ort recherchieren zu können?

Ich habe das bislang auch immer wieder für die 19-Uhr-„heute“ gemacht. Das ist eine zeitliche Gratwanderung, aber es geht. Es ist stressig, aber es erfüllt einen auch. Und all diese Erfahrungen und Erlebnisse helfen mir enorm beim Schreiben der Moderationen und beim Formulieren von Fragen.

Sie moderieren das „heute journal“ jede zweite Woche. Was machen Sie in der Woche, in der Sie nicht dran sind?

In dem Job richtet man von montags bis sonntags sein ganzes Leben komplett an der Sendung aus. Die Moderation ist ja nicht, wie manche vielleicht denken, abends mal schnell eine halbe Stunde Arbeit. Es geht um 9 Uhr los mit Zeitunglesen und hört um 22.30 Uhr mit der letzten Konferenz auf. Da hilft es schon, in der Woche danach Zeit zu haben für all das, was ja auch zum Leben gehört – Freunde treffen, einkaufen gehen.

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„Ohne eine engagierte, informierte Öffentlichkeit wird es nichts“, hat Claus Kleber bei seiner Abschiedssendung zur Bewältigung von Krisen gesagt. Wie schafft man so eine engagierte, informierte Öffentlichkeit?

Ich glaube, wir haben eine engagierte und informierte Öffentlichkeit in Deutschland. Gerade im Vergleich zu anderen Ländern. Es gibt viele, die uns konstruktiv und hilfreich kritisieren, und andere, die sich geradezu für unsere Arbeit bedanken. Weil sie fürchten, dass unabhängiger Journalismus immer mehr unter Druck gerät. Wenn man mit diesen Menschen redet, merkt man: Sie sind viel besser informiert, als man manchmal denkt. Dann gibt es andere, die uns pauschal vorwerfen zu lügen. Bei diesen Menschen stelle ich häufig fest, dass sie gar keinen konkreten Grund dafür nennen können. Die haben unsere Sendungen oft noch nie gesehen. Wie wir die noch erreichen können, da habe ich manchmal meine Zweifel. Deshalb würde ich dafür plädieren, dass wir uns auf die konzentrieren – und das ist die absolute Mehrheit –, die uns vertrauen. Denen müssen wir beweisen, dass wir ihr Vertrauen verdienen – jeden Abend neu.

Wie erreicht man denn diese Minderheiten doch noch oder sollte man das tatsächlich lieber ganz aufgeben?

Die Frage „Wie kommt das jetzt wohl bei denen an, die pauschal alle Medien als ‚Lügenpresse‘ diffamieren?“ gehört nicht zu meiner täglichen Routine. Meine Aufgabe und mein Anspruch sind es, professionell zu berichten über das, was in dieser Welt passiert. Überzeugen durch unser Produkt. Das ist der einzige Weg, den Menschen zu beweisen, was unabhängiger, transparenter Journalismus leisten kann – und wie wichtig er ist.

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Sind Nachrichten in der Pandemie noch wichtiger als vorher geworden?

Ich sehe es ja an mir. Plötzlich gibt es für uns Journalisten keinen Unterschied mehr zwischen dem, was wir beruflich machen, und dem, was uns privat betrifft. Die Pandemie hat die Grenzen verschwinden lassen. Ich rede im Studio über etwas, was mich die ganze Zeit auch privat umtreibt: das Virus. Ich kenne viele Menschen, die gerade erfahren, dass fundierte Information in der Pandemie alles ist. Gerade in der Pandemie ist es aber auch besonders schwierig, diese Information zu liefern, eben weil vieles noch im Fluss ist und neue Erkenntnisse alte ablösen. Die Schnelligkeit, die da manche fordern, ist oft nicht zu leisten. Wahrheit braucht Zeit.

Hat das auch etwas für Sie verändert, dass Sie in der Pandemie von den Nachrichten selbst betroffen sind?

Ich habe zum Beispiel lernen müssen, mich selbst zu schminken fürs Studio (lacht). Das ist jetzt wirklich nur eine Kleinigkeit, aber, wenn ich da abends so mit der Puderquaste im Büro vor dem Spiegel stehe, macht mir das schon immer wieder klar, in welchen besonderen Zeiten wir leben. Wer aus Krisengebieten berichtet, hat ja immer das Privileg, mit dem deutschen Reisepass in der Tasche auch wieder gehen zu können. In der Pandemie kann niemand von uns gehen, auch kein Nachrichtenmoderator.

Sie haben den Druck auf unabhängigen Journalismus angesprochen. Es kommt in der Pandemie auch immer häufiger zu Anfeindungen gegen Journalistinnen und Journalisten. Haben Sie damit selbst Erfahrungen gemacht?

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Die allermeisten Begegnungen sind supernett, aber ich habe auch Leute erlebt, die mir „Lügenpresse“ ins Gesicht schreien und dann weitergehen. Da muss ich schlucken. Und ich frage mich dann: Muss ich jetzt mit denen noch diskutieren? Macht das überhaupt Sinn? Um einiges krasser ist es in den sozialen Medien, weil die Menschen sich in der Deckung der Anonymität noch ganz andere Dinge trauen. Eine Kollegin hat mir vor Jahren mal den Rat gegeben: Wenn du in der Kneipe sitzt und jemand spricht dich an und der erste Satz ist gleich eine wüste Beschimpfung, würdest du dann den Rest des Abends noch mit dieser Person verbringen? Wohl eher nicht. Das ist seitdem meine Leitlinie im Umgang mit dem Hass im Netz, und damit bin ich bislang ganz gut gefahren.

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