Serie „Kleo“ startet bei Netflix

„Man muss in Berlin richtig Asche haben, um ein Hipster-Café aufzumachen“

In der neuen Netflix-Serie „Kleo“ mordet sich Jella Haase als Ex-Stasikillerin durch das Berlin nach dem Mauerfall.

In der neuen Netflix-Serie „Kleo“ mordet sich Jella Haase als Ex-Stasikillerin durch das Berlin nach dem Mauerfall.

Als begriffsstutzige Schülerin Chantal in den „Fack Ju Göhte“-Filmen feierte Jella Haase einst ihren Durchbruch. Mittlerweile hat sich die 29-Jährige dank Hauptrollen in Kinofilmen wie „Berlin Alexanderplatz“ und „Bis wir tot sind oder frei“ längst davon emanzipiert. Zu Recht gilt Jella Haase als eine der spannendsten Schauspielerinnen ihrer Generation. 2022 gewann sie bereits den Deutschen Filmpreis für „Lieber Thomas“, nun folgt mit „Kleo“ Haases erste Netflix-Serie. Ab 19. August jagt sie als Ex-Staskillerin Kleo Straub all diejenigen, die sie im Zuge einer Verschwörung hinter Gittern brachten.

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teleschau: Sie haben zuletzt viele Filme mit Bezug zu Berlin gemacht. Absicht oder Zufall?

Jella Haase: Das ist vielleicht eher ein unausgesprochener Wunsch. Die Geschichten kommen auf mich zu. Ich bin da sehr froh darüber, denn ich bin Berlinerin. Es wäre schön, wenn ich mir das immer aussuchen könnte. Im Fall von „Kleo“ war es aber jetzt ein Zufall.

Nach „Lieber Thomas“ taucht auch „Kleo“ in die deutsche Geschichte ein. Was reizt Sie an historischen Stoffen?

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Ich glaube, dass sie uns immer die Möglichkeit geben, einen Blick auf die Gegenwart zu werfen. Das ist total spannend, wenn man guckt, warum sind die Dinge heute so, wie sie sind. Gerade bei „Kleo“ kann man auch die Möglichkeit in den Raum stellen, was man anders hätte machen können.

Sie wurden drei Jahre nach dem Mauerfall in Berlin geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an das Berlin von damals?

Einen Zwiespalt zwischen Ost und West habe ich gar nicht mehr so wahrgenommen. Ich habe das vielleicht eher in Autofahrten mit meiner Mutter gemerkt, wenn sie mir gezeigt hat, wo der Osten und wo die Mauer waren. Als Kind gab es aber keine Mauer. Ich bin in einem sehr freien Berlin, in Kreuzberg, groß geworden. Ich habe immer eine große Freiheit erlebt. Es gab wenige Konventionen und wenig, was man nicht durfte oder für das man schief angesehen wurde. Wenn mich Freunde aus Frankfurt besuchen, die sagen immer: „In Berlin wird man einfach in Ruhe gelassen.“

„Wir haben richtig wilde Partys gefeiert, sodass die Dielen sich durchgebogen haben“

Was macht den Reiz der Stadt für Sie aus?

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Berlin ist für so viele Menschen ein Magnet. Ich glaube schon, dass man hier eine andere Freiheit findet. Aber diese Freiheit ist in Gefahr, weil die Wohnmöglichkeiten zugrunde gehen. Den Menschen, die die Stadt haben so frei werden lassen, wird es unmöglich gemacht, hier zu leben. Es findet immer mehr Verdrängung und Gentrifizierung statt. Da sehe ich eine große Gefahr. Das Berlin aus den 90-ern nach der Wende, das gibt es so nicht mehr. Jeder muss sich sein Berlin neu erfinden. Das gibt die Stadt schon noch her.

Sie haben als junge Erwachsene in einem besetzten Haus gewohnt, auch ein Ausdruck von Freiheit, wenn man so will. Wie muss man sich diese Zeit vorstellen?

Das war cool! Das war ein ehemals besetztes Haus damals, was es heute in der Form so einfach nicht mehr gibt. Das wurde luxussaniert, da sind heute teure Wohnungen drin. Damals haben wir dort 375 Euro für 90 Quadratmeter gezahlt. Es gab Kohleöfen, wir mussten die Kohlen noch richtig die Treppen hochtragen. Sonst wohnten in dem Haus nur Punks. Das heißt, es war arschkalt, weil kein anderer geheizt hat. Aber wir feierten da richtig wilde Partys, sodass die Dielen sich durchgebogen haben.

Was von dieser Zeit fehlt Ihnen heute?

Es fehlen einfach die Rückzugsorte, bezahlbarer Raum, in dem sich Enklaven bilden können, um Subkultur möglich zu machen. Wenn man eine Bar oder ein Atelier eröffnen will, findet man ja überhaupt keine Gewerbeflächen mehr, die irgendwie zu bezahlen sind. Damit wird es der Generation, die nachrückt und noch kaum Geld verdient hat, und mittellosen Menschen so schwer gemacht. Man muss in Berlin mittlerweile richtig Asche haben, um ein Hipster-Café aufzumachen. Das kann es ja auch nicht sein, dass man für 4,98 Euro einen Espresso verkauft.

Haben Sie das Gefühl, in der Politik ist ein Bewusstsein für diese Not vorhanden?

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Es wird auf jeden Fall zu wenig gemacht. Zwar wird viel gesagt, dass das Bewusstsein da wäre und man versucht sich, mit Berlin zu schmücken. Aber so richtig was passieren tut da nicht wirklich, habe ich das Gefühl.

Berlin ist eine Großstadt voller Eindrücke unterschiedlichster Ausprägung. Verspüren Sie hin und wieder den Drang nach Entschleunigung?

Absolut, Berlin kann auch total eng und klein sein. Ich glaube, da geht es auch immer um eine persönliche Einstellung. Wenn ich gerade auch eng und klein im Kopf bin, dann ist es auch Berlin für mich. Ich war mit meinen Eltern und meiner Schwester gerade in den Bergen in Österreich. Das hat so gutgetan, einfach mal rauszukommen. Dann kann man sich im Anschluss auch wieder anders in Berlin reinfallen lassen.

„Manchmal gibt es auf irrationales Handeln keine rationalen Antworten“

Ihre Rolle in „Kleo“ deckt die ganze Bandbreite an Emotionen ab, eine intensive Rolle. Wie war das Kennenlernen von Jella Haase und Kleo Straub?

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Ich musste Kleo ganz lange suchen. Mir war es ganz wichtig, eine Figur zu erschaffen, die nahbar ist und die ich verstehen kann. Ich musste ihr irrationales Verhalten zugänglich machen und ihren Wunsch verstehen, ihre Würde wiederherzustellen. Deshalb musste ich diese Not begreifbar machen, aber auch ihren Humor. Kleo ist absolut fehlbar, eher eine Antiheldin. Sie ist keine makellose Top-Agentin, sondern stolpert über ihre eigenen Fehler. Diese Courage in der Figur zuzulassen, hat mich etwas gekostet. Ich will mir immer ganz psychologisch erklären, wieso handeln Menschen so. Manchmal gibt es aber auf irrationales Handeln keine rationalen Antworten.

Was hat Ihnen auf dem Weg zu Kleo geholfen?

Auf jeden Fall die Gespräche mit Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane, den beiden Regisseuren von „Kleo“. Aber auch die vielen Stunden mit meiner Sprecherzieherin, die mich vorbereitet hat. Genauso die Gespräche mit Hanno Hackfort und den anderen Autoren. Es war ein ganz tolles Team mit viel gemeinsamem Suchen und Ausprobieren.

Wie hat Sie die Rolle nach Drehschluss noch im Alltag begleitet?

Tatsächlich ziemlich lange. Das war über Monate hinweg, ohne dass ich das zunächst gemerkt habe. Ich dachte natürlich nicht, ich bin Kleo oder so was. Aber das Echo der Gefühle, die ich alle mit Kleo erlebt habe, hat noch lange nachgehallt. An gewissen Punkten wusste ich gar nicht, ob das eine Verarbeitung von etwas ist, das ich mal gefühlt habe, gehört das Gefühl zu mir oder habe ich mir das ausgedacht. Das hat etwas Zeit gekostet, um mich wieder in den Ist-Zustand zu bringen.

Kleo ist eine sehr körperliche Rolle. War das eine neue Erfahrung für Sie?

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Auf jeden Fall, diese Körperlichkeit war komplett neu, auch dass ich einen Zugang zu Kleo über die Körperlichkeit gefunden habe. Kleo hat für mich so etwas Animalisches, und ich habe das so gerne gespielt. Ich habe das Gefühl, wenn sie kämpfen kann, ist sie in ihrer Bestform.

Kleo zeichnet auch Ihre optische Wandelbarkeit aus ...

Absolut! Es gab Tage, an denen musste ich mich zehnmal umziehen, bevor sich irgendwie das Gefühl einstellte, was ich durch die Klamotte ausdrücken wollte. Es gibt Tage, an denen ich weiß, wie ich aussehen will, aber auch Tage, an denen ich gar keine Ahnung habe. Ich mag es gerne, mich für meinen Beruf zu wandeln und durch Kleidung etwas zu verkörpern. Das finde ich wahnsinnig spannend.

Wie ist Ihr privates Verhältnis zu Mode?

Im Alltag, so ganz privat, mache ich mir nicht ganz so viele Gedanken. Aber mich für Events oder Fotoshootings einzukleiden, da hat Mode auf jeden Fall eine ganz große und fantastische Kraft, finde ich.

„Ich fände es am besten, wenn sich Streaming und Kino ergänzen“

„Kleo“ ist Ihre erste große Serie für einen Streamingdienst. Wie hat sich die Arbeit an einer Serie von der beim Film unterschieden?

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Gar nicht so. Du hast die gleichen Gewerke. Die Abläufe beim Dreh bleiben dieselben, ob das jetzt ein Streamer ist oder ein Kinofilm. Das ist der gleiche Arbeitsrhythmus.

In kommenden Serien wie „House of the Dragon“ oder der „Der Herr der Ringe“-Serienadaption stecken große Produktionsbudgets. Sehen Sie das Kino ob dieser finanzstarken Konkurrenz in Gefahr?

Die Gefahr ist auf jeden Fall da. Die Zeit hat sich geändert. Es gibt aber auch wiederum Filme, die es nur im Kino geben sollte. Ich fände es am besten, wenn sich Streaming und Kino ergänzen und sich gegenseitig befeuern würden. Der letzte Film, den ich im Kino gesehen habe, war „Corsage“. Und den hätte ich niemals gestreamt sehen wollen. Das ist ein solches Meisterwerk, und es war so ein Trip, im Kino zu sitzen. Das hätte sich gar nicht auf meinen kleinen Bildschirm zu Hause übertragen. Das Kino besteht weiter. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass die Menschen weiterhin ins Kino gehen.

„Kleo“ lässt im Serienfinale die Tür für eine Fortsetzung offen. Wird es eine zweite Staffel geben?

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Das wissen wir noch nicht. Das hängt davon ab, wie fleißig geschaut wird.

RND/Teleschau

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