Die Zukunft des Reality-Fernsehens?

„Das große Promi-Büßen“: Wenn das Trash-TV die Moral entdeckt

Elena, Simex und Calvin müssen beim „Promi-Büßen“ im Schlamm kämpfen.

Elena, Simex und Calvin müssen beim „Promi-Büßen“ im Schlamm kämpfen.

Köln. Es ist laut im dürftig eingerichteten Realitycamp – dabei ist es mitten in der Nacht. Helena Fürst, einst bekannt als „Anwältin der Armen“ im RTL-Abendprogramm, mittlerweile Krawallnudel in sämtlichen Realityformaten, echauffiert sich lauthals über ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Auslöser des Zoffs: Fürst will schlafen, der Rest des Camps will quatschen – es kommt zum Eklat.

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Es ist eine Szene, wie man sie aus Realityshows nur zu gut kennt. Irgendein Kandidat zettelt einen Streit an, andere steigen darauf ein und provozieren. Dann blendet die Regie dramatische Musik ein, zoomt in Zeitlupe und mit Schwarz-Weiß-Effekten auf die erzürnten Gesichter, filmt jede noch so unterirdische Beleidigung oder Handgreiflichkeit mit – um sie dann genüsslich mit einer großen Portion Gehässigkeit dem Fernsehzuschauer zu präsentieren.

Doch diesmal ist etwas anders: Der Bildschirm wird plötzlich schwarz. In großer, weißer Schrift wird dem Zuschauer erklärt: „Zum Schutz aller Beteiligten wurde die Produktion unterbrochen. Für Helena Fürst endete die Zeit im Camp noch in dieser Nacht.“ Näher erklärt wird der Vorfall nicht. Es ist ein Novum im deutschen Realitykosmos.

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Das „Promi-Büßen“ will alles anders machen

Die beschriebene Szene stammt aus der neuen Pro-Sieben-Sendung „Das große Promi-Büßen“ – einer klassischen Krawall-Realityshow, die jedoch ganz offensichtlich etwas anders machen will als ihre viel kritisierten Vorgänger.

Das Format hat einen moralischen Überbau, es wirkt wie wie ein Mittelweg zwischen Billigunterhaltung und einem Hauch Weltverbesserung – wenngleich Letzteres wohl nicht so ernst gemeint ist wie behauptet.

Das Konzept der Sendung: Elf „Promis“, die man allenfalls aus anderen Realityformaten kennt, werden am österreichischen Erzberg zusammen in ein Camp gepfercht und benehmen sich wie gewohnt daneben. Über allem jedoch schwebt diesmal der erhobene Zeigefinger: Hier im Camp sollen sie für ihre Sünden büßen.

Pöbel-Promis zeigen Reue

Mit dabei sind Kandidatinnen und Kandidaten, die schon in anderen Realityformaten negativ aufgefallen waren. Matthias Mangiapane und Carina Spack etwa sind Urheber eines der größten Mobbingeklats, der jemals über deutsche TV-Bildschirme geflimmert ist. In der inzwischen abgesetzten Sat.1-Trash-Show „Promis unter Palmen“ hatten sie Mitkandidatin Claudia Obert vor laufenden Kameras derart fertiggemacht, dass diese schließlich in Tränen ausbrach und auf dem Boden im Wohnzimmer schlafen musste. Zuschauerinnen und Zuschauer empörten sich daraufhin über das Verhalten und über den Sender Sat.1.

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Andere Kandidatinnen und Kandidaten fielen mit anderen Fehltritten auf. Ein Teilnehmer mit dem Namen Calvin Kleinen ist bekannt für seine sexistischen Sprüche, ein Youtuber namens Simex wurde mit fragwürdigen Inhalten auf der Videoplattform berühmt – hier soll er unter anderem Menschen mit Hundekot beworfen haben. Alle Kandidatinnen und Kandidaten sollen im Laufe der Sendung mit ihren Verfehlungen konfrontiert werden.

Dafür wiederum sorgt Dragqueen Olivia Jones. Sie zeigt Mangiapane Ausschnitte seiner Mobbingattacke, die Kamera filmt seine Reaktion. Zunächst lächelt Mangiapane noch trotzig, später zeigt er tatsächlich so etwas wie Reue. Andere Kandidatinnen wie Carina Spack beginnen, offenbar beschämt von ihrem eigenen Verhalten, während der Konfrontation zu weinen.

Was soll das?

Wozu braucht es diese Sendung? Nun, vermutlich hat Pro Sieben nicht ganz zufällig die Moral für sich entdeckt. Ebenso wenig dürfte es beim „großen Promi-Büßen“ allein um Unterhaltung gehen. Vielmehr stecken die Privatsender mit ihren trashigen Realityformaten in einer großen Zwickmühle.

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Die Billigshows, zuletzt häufig ein toxischer Mix aus Alkoholmissbrauch, Sexismus, Homophobie und totaler Eskalation, bringen zwar gute Quoten – sie passen aber nicht mehr in die Zeit. Der Protest aus der Zuschauerschaft ist nach jedem Eklat riesig, immer wieder müssen sich die Sender erklären. Und: Die Formate passen auch nicht mehr zum neuen Image, das sich alle großen Privatsender eigentlich geben wollen.

Der Sender RTL hatte zuletzt diverse anstößige Formate aus dem Programm entfernt, die eigentlich verlässliche Einschaltquoten gebracht hatten. Symbolisch dafür steht der Rauswurf Dieter Bohlens aus der Krawall-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, der inzwischen bekanntlich rückgängig gemacht wurde.

Imagewandel bei Pro Sieben und Sat.1

Auch die ProSiebenSat.1-Gruppe hat eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen. Waren fragwürdige Formate über viele Jahre ein fester Bestandteil von Sat.1, hat der Sender inzwischen angekündigt, das Genre Scripted Reality aus dem Programm zu werfen. Pro Sieben hingegen bringt immer wieder Politikformate ins Programm und warb bekannte Gesichter vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab. An der nachrichtlichen Magazinsendung „Zervakis und Opdenhövel live“ will der Sender trotz mittelmäßiger Quoten festhalten.

Mit diesem Imagewandel scheint das klassische Trash-TV einfach nicht mehr kompatibel. Im „Sommerhaus der Stars“ bei RTL hatten sich Kandidaten zuletzt angespuckt, später zettelte der Basketballer Andrej Mangold einen Mobbingexzess vor laufender Kamera gegen eine andere Kandidatin an.

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Zuvor hatte Sat.1 bereits den Mobbingeklat von Spack, Mangiapane und „Lifecoach“ Bastian Yotta bei „Promis unter Palmen“ ausgeschlachtet und viel Kritik ernten müssen. Im selben Format zeigte Sat.1 nur ein Jahr später eine homophobe Hasstirade. Pöbelprinz Marcus von Anhalt überzog eine teilnehmende Dragqueen mit schwulenfeindlichen Beschimpfungen.

Reality-TV wird braver

„Promis unter Palmen“ ist inzwischen aus dem Sat.1-Programm verschwunden, andere Trash-Formate wurden spürbar entschärft. Das letzte „Sommerhaus der Stars“ bei RTL verlief im vergangenen Jahr ohne skandalöse Zwischenfälle. Das allerdings machte sich auch schnell an den Einschaltquoten bemerkbar – diese waren, im Gegensatz zu früheren Staffeln, eher durchschnittlich.

„Das große Promi-Büßen“ wirkt nun, als teste man mit dem Format die mögliche Zukunft des Reality-TV. Ein Showkonzept, das mit der hochempfindlichen Empörungskultur in den sozialen Netzwerken kompatibel ist – und trotzdem nicht auf größtmöglichen Krawall, Mobbing und Sexismus verzichten muss.

Man zeigt zwar weiterhin das fragwürdige Verhalten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – legitimiert all das aber, indem man es rügt und ahndet.

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Fehltritte finden trotzdem statt

Die zusammengecasteten Kandidatinnen und Kandidaten sind genauso toxisch und narzisstisch wie eh und je. Sie alle sind bekannt als Eskalationsherde aus anderen Formaten – treffen sie aufeinander, wird es niveaulos. Dafür wurden sie vermutlich eingeladen.

Schon in den ersten Folgen fallen die Protagonisten in ihre altbekannten Muster zurück. Die Gruppe hat sich auf Helena Fürst eingeschossen, die sich wiederum von jeder Kleinigkeit provozieren lässt. Mobbingikone Carina Spack meint irgendwann, dass Fürst ja „fast niemand hier haben“ wolle. Es ist das altbekannte Spiel: Alle gegen eine.

Calvin Kleinen, der eigentlich für seine sexistischen Sprüche büßen soll, wird minutenlang gezeigt, wie er die Brüste einer anderen Kandidatin kommentiert – nur um dann in einer späteren Folge von Olivia Jones dafür ermahnt zu werden.

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Die Zukunft des Reality-TV?

Natürlich sind auch die Spiele und Challenges genauso menschenunwürdig wie in jedem anderen Format. Mal müssen die Teilnehmenden massenweise Butter in sich hineinschaufeln, mal müssen die Kandidatinnen und Kandidaten im Schlamm rangeln und dürfen anschließend nicht duschen, mal muss jemand zur Strafe tagelang die Chemietoilette der anderen Campbewohnerinnen und -bewohner ausleeren.

Immerhin: Wenn es endgültig zu bunt wird, geschieht das, worauf alle anderen Formate zuletzt liebend gern verzichtet hatten: Die Produktionsfirma unterbricht die Sendung, schmeißt Kandidatin Helena Fürst aus dem Format und verzichtet auch darauf, den Vorfall auszuschlachten. Es ist ein kleiner, aber auch dringend notwendiger Lichtblick aus der Realityhölle. Ob die Zuschauerinnen und Zuschauer den neuen Weg auch mitgehen werden?

Noch fährt das Format eher mittelmäßige Einschaltquoten ein – über die Abrufzahlen aus den Mediatheken ist nichts bekannt. Zum Auftakt schauten 1,18 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer zu, in der zweiten Woche sank die Quote auf 1,13 Millionen. Nach der Zukunft des Realityfernsehens jedenfalls sieht das noch nicht aus.

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