22. Juli 2016

Wahnsinn wie bei Shakespeare: Sky-Doku erinnert an Anschlag auf Münchner OEZ

„22. Juli – Die Schüsse von München“

„22. Juli – Die Schüsse von München“

Wer heutzutage fernsieht, fühlt sich nur selten noch an Shakespeares Tragödien erinnert. Hier ein moderner King Lear im Familienepos, da ein Liebesdrama wie bei Julias Romeo, oft eher Zitate als Wesenskerne. In der Sky-Doku „Die Schüsse von München“ dagegen brüllt Hamlets letzter Satz fast unablässig vom Bildschirm: Der Rest, sprach Dänemarks König am Ende einer Kette Katastrophen, sei Schweigen. Ein Schweigen, das auch Hüseyin Bayri ergreift, als er 420 Jahre später vom fatalsten Terroranschlag seit dem aufs Oktoberfest in unmittelbarer Nähe erzählt. Vor allem aber ist es ein Schweigen, das Autor Johannes Preuß in seiner Aufbereitung auch zulässt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Der 22. Juli“, sagt sein Augenzeuge zum Jahrestag des rechtsextremen Anschlags auf das Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) in einer kargen Fabrikhalle und hält quälend lange 15 Sekunden inne: „Ich versuche irgendwie, diesen Tag aus meinem Kopf rauszulöschen.“ Es folgen weitere zwölf Sekunden Grabesstille, in denen sich nur der Rauch seiner Zigarette im Raum bewegt: „Keine Chance.“ Es sind in ihrer Lautlosigkeit symbolträchtige, bedrückende, zutiefst ergreifende Szenen wie diese, die den Vierteiler auf Sky Crime ab heute fast körperlich spürbar machen.

Ergreifende Erinnerung an Schüsse in Münchner OEZ

Am 22. Juli 2016 ist Hüseyin Bayri vor Ort, als der 18-jährige Münchner Ali „David“ Sonboly erst im OEZ, dann davor neun Menschen erschießt und fünf weitere verwundet, weil sie aus seiner Sicht anders waren. Keine Blutsdeutschen nämlich. „Volksfremde“, wie er es in rechtsradikalen Chatrooms verbreitet hatte. Feinde, die der Deutsch-Iraner auslöschen wollte. Einen davon hält Bayri sterbend im Arm, als Sonboly auch auf ihn zielt. Und wie er sechs Jahre später diesen Moment der Todesnähe schildert, untermalt vom Klicken der Ladehemmung, herrscht wieder Schweigen in München.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Zwischen Paris und Berlin, Bataclan und Breitscheidplatz haben schon Filmschaffende vieler Genres versucht, den Irrsinn des extremistischen Terrors in Bilder und Worte zu fassen. Aber die von Johannes Preuß und Martin Bernstein, Polizeireporter der „Süddeutschen Zeitung“, sind von einer ganz eigenen Dringlichkeit. Und das liegt nicht nur an ihrer exzellenten Recherche, der Riege Beobachtender und Beteiligter aus Medien, Politik, Wissenschaft, Polizei bis hin zu Jugendfreunden des Terroristen. Es liegt daran, wie die zwei Filmemacher alle wesentlichen Ereignisse zu einem Paar seltsamer Begriffe verdichten: Matrix und Menetekel.

Das Stream-Team

Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. – jeden Monat neu.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Ersterer umschreibt die Kinodystopie einer virtuellen Wirklichkeit, in der sich Keanu Reeves alias Neo ebenso wähnte wie Ali Sonboly alias David. Letzterer umschreibt Vorzeichen, etwa Anders Breiviks Terroranschläge, die Sonboly vom Datum bis zur Waffe bewusst kopieren wollte. Dazwischen zeigt die Dokumentation eindrücklich, wie soziale Medien die öffentliche Wahrnehmung solcher Ereignisse in Echtzeit verzerren. Zur Erinnerung: Als der Nachahmungstäter exakt fünf Jahre nach Utøya neun Münchner mit Migrationsvordergrund förmlich exekutierte, kamen nicht nur Menschen zu Tode, sondern auch Teile der Wahrheit.

Acht Stunden lang hielten Fake News aller Kanäle die Mär am Leben, halb Bayern sei in der Gewalt bewaffneter Islamisten. Fast 40 Monate sollte es dauern, bis Staat und CSU den rechtsextremistischen Angriff nicht mehr als Amoklauf eines Mobbingopfers kleinreden. Erst dadurch werden die viermal 45 Minuten zur fesselnden Lehrstunde in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Denn Preuß und Bernstein zeichnen „Die Schüssen von München“ zwar in aller gebotenen Präzision nach. Vor allem aber zeigen sie, was darüber hinaus so furchtbar ist: eine erregungssüchtige Gesellschaft am Rande des Wahnsinns. Katastrophen von Trumps Putschplänen bis Putins Krieg später wissen wir: Es wird sogar noch irrer – als hätte Shakespeare das Drehbuch geschrieben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Kultur

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen