Sophie Rois über die Liebe: „Bei Partner denke ich an Tennis, wie unsexy“

Die Schauspielerin Sophie Rois.

Die Schauspielerin Sophie Rois.

Wenn am Mittwochabend bei der Berlinale die Bären vergeben werden, kann sich auch Sophie Rois Hoffnungen machen: Sie ist Hauptdarstellerin im Wettbewerbseitrag „AEIOU – Das kurze Alphabet der Liebe“ von von Regisseurin Nicolette Krebitz. Rois, 1961 im österreichischen Linz geboren, zählt zu den Ausnahmeschauspielerinnen – sowohl am Theater als auch im Film. Ihr Markenzeichen ist ihre Reibeisenstimme. Für ihre Rolle der Erika Mann in Heinrich Breloers TV-Mehrteiler „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ (2001) erhielt sie den Grimmepreis. Den Deutschen Filmpreis gewann sie mit Tom Tykwers Film „Drei“ (2010). Der Film „AEIOU – Das kurze Alphabet der Liebe“ startet am 5. Mai in den Kinos.

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Frau Rois, Sie könnten am Mittwoch einen Berlinale-Bären gewinnen: Spaziert es sich als Hauptdarstellerin eines Wettbewerbsfilms besonders gut über den roten Teppich?

Was den Wettbewerb betrifft: Ich bin keine Sportlerin und glaube nicht an Hitlisten für den besten Film oder die beste Schauspielerin. Es gibt da diese depressive Aussichtslosigkeit als Ausgangspunkt meines Handelns. Aber ich freue mich über die Nominierung, sie bedeutet Anerkennung.

Moment, was schätzen Sie an depressiver Aussichtslosigkeit?

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Schauen Sie, ich bin 1961 geboren. Ich komme aus einem anderen Jahrhundert. Damals gab es das Prinzip der ununterbrochenen Selbstoptimierung noch nicht. Ich war nie ein Punk, dazu fehlt mir der soziale Hintergrund. Aber ich bin in dieser Luft aufgewachsen, dieses Prinzip der Selbstermächtigung im Angesicht der Aussichtslosigkeit. Etwas durchzusetzen, was noch nicht angesagt ist. Ich habe angefangen beim Intendanten Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. Damals wusste keiner, dass daraus eine Ära wird. Mit Christoph Schlingensief habe ich 1993 „Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“ gemacht – damals hielt man so etwas für Dreck. Und vor allem die, die ihn später als er Krebs hatte als Großkünstler hochstilisiert haben. Mit Pollesch habe ich seine erste Inszenierung an der Volksbühne gemacht. Mit Detlev Buck seinen ersten großen Kinofilm „Wir können auch anders“: Wir alle haben uns ausprobiert und uns nicht ans bestehende Erfolgsrezept drangehängt.

Wie oft kommt Ihnen eine Paarkonstellation wie in Ihrem Berlinale-Film „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ unter: Eine ältere Frau und ein Teenager verlieben sich?

So was gibt es im echten Leben öfter als im Film. Es hat etwas Erfrischendes, dass dieses Verhältnis im Film nicht weiter problematisiert wird. Aber auch wenn Anna und Adrian rund 40 Lebensjahre trennen, verbindet sie doch etwas: Sie sind beide Außenseiter. Ihnen fehlt ein robustes Ich, mit dem sie durch die Welt stapfen. Was mich einnimmt für diese Anna: Sie hat überhaupt keinen Ehrgeiz mehr in ihrem Beruf und legt eine gewisse Arroganz den Zumutungen ihrer Branche gegenüber an den Tag. Für die gibt es keinen Blumentopf mehr zu gewinnen. Und damit stellt sich für sie eine Art von Freiheit ein. Es gibt da auch diesen sympathischen Narzissmus bei ihr, der mich belustigt. Dann tritt mit dem Taschendieb Adrian plötzlich eine kriminelle Heiterkeit in ihr Leben und verändert alles.

Ist die erfüllende Liebe etwas, dem wir hinterherjagen sollten – oder kommt sie vorrangig in Filmen und Büchern vor?

Über Erfüllungen kann ich Ihnen nichts sagen. Ich bin nur irritiert, wenn man immer vom Partner spricht. Ich denke dabei nur an Tennis, wie unsexy. Dieser Partner also wird nach Güteklassen und Qualitätskriterien ausgesucht – nach dem Motto: Nichtraucher, Normalgewicht, kinderliebend. So wie man den Yogakurs aussucht.

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Wie würden Sie denn Liebe definieren?

Ich bin nicht die Liebesbeauftragte. Aber Liebe ist für mich ihrem Wesen nach schon die Liebe zum Fremden, zum Anderen.

Was braucht es noch?

Na, man muss schon etwas tun für die Liebe. Die Liebe muss gemacht werden. Mut braucht es. Und vielleicht braucht auch nicht jeder die Liebe. Aber was es sicher gibt, sind schicksalhafte Begegnungen. Die tragen etwas Unausweichliches in sich. Da fragt man sich nicht mehr, ob der andere ins eigene Leben passt. Man glaubt daran. Gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Führen Datingplattformen wie Tinder zum Glück?

Keine Ahnung, wahrscheinlich ist es so für viele. Ich war da noch nie. Aber das ist eine Altersfrage. Andere Generationen ticken anders. Bei aller Individualität sind wir doch Produkte unserer Zeit. Man inhaliert seine Zeit, ob man will oder nicht. Mich haben die Siebzigerjahre der Kreisky-Jahre in Österreich geprägt. Damals galt das Versprechen vom immerwährenden sozialen Wohlstand. Man hatte keine Angst vor dem sozialen Abstieg. Ehrgeiz war total uncool und das Prinzip der Selbstoptimierung unbekannt, man hat losgelegt. Das habe ich bei Castorf wiedergefunden: Der hatte keine Angst, was falsch zu machen. Der wollte nicht unbedingt dazugehören. Der ging voll ins Risiko. Das machte den Sexappeal der Volksbühne aus.

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In Ihrem Berlinale-Film sitzen zwei Männer irgendwann in den Siebzigern in einer Talkshow und geben Urteile über den Körper Ihrer Filmfigur ab. Steigen bei dieser Szene Assoziationen ans wirkliche Leben in Ihnen auf?

Ich finde, man sieht in dieser Szene ganz gut, wie die Zeiten sich doch verändert haben. Das würde sich heute in einer Talkshow nicht noch mal so abspielen. Man kann aber doch immer noch beobachten, dass wenn irgendwo ein Mann auf den Tisch haut und brüllt, das als Zeichen seiner Autorität gesehen wird. Eine Frau, die dasselbe tut, gilt als hysterisch. Den Willensbekundungen von Männern wird immer noch eine ganz andere Bedeutung beigemessen. Ich glaube aber, dass sich das gerade alles verändert.

Meinen Sie, dass das Kinopublikum den Altersunterschied zwischen Anna und Adrian vergisst?

Genau das frage ich mich auch. Für mich fühlen sich die 40 Jahre keinesfalls wie ein Skandal an. In umgekehrter geschlechtlicher Besetzung – junge Frau, alter Mann – gibt es so etwas ja oft. Die Distanz zwischen den beiden ist aber gerade das Reizvolle in dieser Geschichte, und irgendwann wirft sich Anna in die Liebe hinein. Ich freue mich für die beiden.

Wie wird es wohl mit Anna, Adrian und ihrer Liebe weitergehen?

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Das ist dann der nächste Film. Darüber denke ich nicht nach.

Haben Sie einen Lieblingsliebesfilm?

Die Liebesgeschichte zwischen dem Außerirdischen Dick Solomon und dem Erdling Doktor Mary Albright in der Sitcom „Third Rock From the Sun“ ist einfach hinreißend!

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