RND-Kolumne

Gulaschsuppe in der Achterbahn: von Sommersport und Schaukelkneipen

Nach zweieinhalb Jahren Corona zieht es die Menschen magnetisch an die frische Luft: Sommeraktivitäten boomen!

Die Menschheit verwendet im Sommer viel Energie darauf, sich neue Vergnügungen mit fancy Namen auszudenken. Der Trendsport „Racketlon“ zum Beispiel kombiniert Tischtennis, Badminton, Squash und Tennis. Als ich das las, dachte ich zunächst, man dresche in einem geschlossenen Raum mit Badmintonschlägern auf einen Tischtennisball und zähle die Punkte wie beim Tennis. Nix da. Beim Racketlon spielt man einfach vier Duelle in vier Sportarten hintereinander. Was ist denn das für ein Beschiss?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Beim Bikepolo spielen die Kombattanten Polo auf Fahrrädern. Beim Aerial Yoga baumeln die Yogenden an Tüchern von der Decke, was besser „Extreme Fledermausing“ heißen müsste. Und beim Hyrox kombiniert man Laufen mit klassischen Work-outs. Früher hieß das einfach Trimm-dich-Pfad. Sogar das klassische Verlaufen im Wald hat mittlerweile einen coolen Namen. Man sagt jetzt nicht mehr „Keine Ahnung, wo wir sind?!“. Man sagt jetzt „Trailrunning“.

In Neopren sehe ich aus wie ein Flummi auf Beinen

Nach zweieinhalb Jahren Corona zieht es die Menschen magnetisch an die frische Luft. Aber Obacht beim Ausleben der Vergnügungssucht! Viele Trendsportarten sind Mogelpackungen, weil sie einfach Klassiker kombinieren. Nehmen wir das allseits beliebte Stand-up-Paddling. Es ist ein Mix aus Surfen, Rudern, Treppenhaus fegen und Seiltanzen. Beim Besuch eines Badesees stellte ich kürzlich fest, dass Menschen inzwischen lieber auf Brettern stehen statt im Wasser zu planschen. Man zwängt sich dafür in eine durch Emulsionspolymerisation von 2-Chlor-1,3-butadien hergestellte und xanthogenatmodifizierte Chloropren-Kautschuk-Masse, besser bekannt unter ihrem Nom de Plume: Neopren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich selbst bin ungeeignet fürs Stand-up-Paddling. Der jüngste Versuch, mich in einen Neoprenanzug zu kleiden, implizierte den Verlust meiner menschlichen Würde. Man könnte mich höchstens direkt in Gummi gießen, bis ich aussehe wie ein Flummi mit Beinen. Ich bin von Natur aus gut isoliert, aber schwer zu tragen. Ein Board, das mich transportieren könnte, müsste ungefähr die Ausmaße des Badesees selbst haben. Und das schmälert das Vergnügen für alle Beteiligten dann doch ganz erheblich.

Extreme Liegewiesing am Badesee

Dafür praktiziere ich am Badesee mit großer Ausdauer Extreme Liegewiesing und Hardcore-Pommesessing. Dabei kommt es auf eine strategisch günstige Positionierung an: minimal entfernt vom Kiosk, maximal entfernt von lärmenden Red-Bull-Adoleszenten in Großgebinden. Ansonsten brauche ich nicht viel am Badesee: Handbibliothek, Kopfhörer, iPhone, Autan, Sonnenspray, Sonnenschirm, Akkuventilator, Handtücher, Kopfkissen, Elektrogrill, Dreimannzelt, Kühlschrank mit Kaltgetränken, Kaffeemaschine, Campingbus, Wechselstrom, Stacheldraht. Das Nötigste halt.

Es gibt da einen ganz interessanten Effekt: Sobald die Kinder größer als ein Meter sind und man für einen Ausflug zum Badesee nicht mehr den halben Hausstand mitführen muss, fangen Eltern selbst an, massenhaft Zeug für alle Fälle anzuschleppen. Früher reichten ein Handtuch und ein Joint. Heute sieht die Amüsierparzelle auf der Liegewiese ungefähr so aus wie die Beach Edition von Fort Knox. Der Tag wird kommen, an dem die Menschheit ihr ganzes Zeug auf einem Stand-up-Paddelboard durch deutsche Binnengewässer kajolt. Robert Habeck gefällt das. Möglicherweise löst das Teile unseres Mobilitätsproblems.

Ein Wald ist ein guter Kompromiss zwischen drinnen und draußen

Ich halte mich grundsätzlich gern im Freien auf. Jedenfalls bei gutem Wetter, in geeigneter Kleidung, auf gefällefreien Ebenen, bei gesicherter Versorgungslage durch Speisen und Getränke, bei ausreichender medizinischer Versorgung, mit deutscher Reiseleitung und einem engmaschigen Netz von sanitären Anlagen. Und natürlich ausschließlich in niederschlagsarmen, reizklimafreien Gegenden, deren Erkundung keinerlei sportlichen Ehrgeiz erfordert. Meine geringe Neigung zu Outdoor-Aktivitäten allerdings verhält sich umgekehrt proportional zu meinem Interesse an Outdoor-Ausrüstung. Ich blättere mit großer Ausdauer in Katalogen voller Steigeisen und Kletterseile, die ich nie verwenden werde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Stream-Team

Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. – jeden Monat neu.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Neulich war ich im Wald. Ich fand es gemütlich, wie die Ästlein knackten, bis ich merkte, dass das meine Gelenke waren. Trotzdem blieb ich draußen. Im Vergleich zu anderen Outdoor-Landschaften kommt ein Wald einer Behausung schließlich ziemlich nah, mehr als zum Beispiel die Wüste Gobi oder ein Fels auf Feuerland. Ein Wald ist ein guter Kompromiss zwischen drinnen und draußen.

Schaukelfutter in Greifswald

Noch lieber als draußen bin ich eigentlich nur drinnen. Gern auch auswärts. Kürzlich weilte ich in Greifswald. Es ist ein wirklich hübscher Ort, der freilich das Schicksal vieler mittelgroßer Städte teilt: Man weiß insgesamt zu wenig darüber. So war mir unbekannt, dass mehr als 20 Schiffe nach Greifswald benannt wurden, darunter eine Huker-Galeasse aus dem 19. Jahrhundert und ein Eimerkettenschwimmbagger. Zudem führt ein Flüsschen namens Ryck durch Greifswald, was die Frage aufwirft, warum noch kein Lokalpolitiker mit dem Wahlslogan „Es muss ein Ryck durch Greifswald gehen“ angetreten ist.

Sie erfreuen sich in Greifswald der Segnungen moderner Erlebnisgastronomie. Dessen wurde ich gewahr, als ich eine gehobene Burgerbraterei aufsuchte. Die Gehobenheit ließ sich an zweierlei ablesen: erstens an den Preisen und zweitens an der Gestaltung. An einzelnen Tischen standen keine Stühle oder Bänke. Stattdessen hing eine Zwei-Personen-Schaukel an Ketten von der Decke. Man kann sich dort also während des Verzehrvorgangs in ein mildes Delirium schaukeln. Vielleicht hilft es, den Preis von 22,20 Euro für einen Cheeseburger mit Pommes und kleiner Cola zu vergessen (extragutes Fleisch kostet extragute 2,90 Euro). Aber so eine Schaukel kostet halt sicher mehr als ein Stuhl.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Spaghetti Bolognese in der „Wilden Maus“

Ich selbst bin, was das Niederlassungsmöbel beim Essen angeht, eher konservativ. Ich wählte einen Stuhl. Ich bin gegen Schaukelfutter. Ich möchte beim Verzehr eines tropfenden Burgers nicht vorwärts- und rückwärtsschaukeln. Stühle haben sich bewährt. Ich sehe keinen Fortschritt darin, mit Karacho gegen die Tischkante zu ömmeln, wenn ich gerade sehr teure Pommes mit Ketchup auf meiner Gabel balanciere.

Trotzdem könnte es natürlich sein, dass die Zukunft der Erlebnisgastronomie in der Kombination des Ernährungsvorgangs mit einem klassischen Fahrgeschäft liegt. Möglich, dass sich Hipster in Kürze ihre Quinoabowls in einer klimaneutralen Schiffsschaukel servieren lassen. Gulaschsuppe in der Achterbahn, Spaghetti Bolognese in der „Wilden Maus“, Scholle mit Bratkartoffeln auf dem Stand-up-Paddel-Board – warum denn nicht? Das Restaurant hätte zweifellos ein Alleinstellungsmerkmal. Swing and Dine!

Piña Colada im Freifallturm

Ich stellte mir vor, wie Menschen sich in einem Kettenkarussell namens „Frittenkarussell“ Pommes servieren lassen – von Kellnern, die in einem noch viel größeren Kettenkarussell außen drumherum kreiseln. Möglicherweise könnte man auch eine fliegende Fritteuse in den Prozess einbauen, um den Fun-Factor zu erhöhen. Und was spricht gegen Piña Colada in einem Freifallturm? Sie sitzen ganz oben mit einem vollen Cocktailglas in der Hand. Und wenn Sie abstürzen, bleibt die Piña Colada kurz in der Luft stehen wie in einem „Roadrunner“-Cartoon und fällt Ihnen dann flächendeckend ins Gesicht.

Im Sinne der hedonistischen Konsequenz müsste natürlich gleich das ganze Restaurant inklusive Gastraum, Bar und Küche ein einziges großes Trampolin sein, auf dem Kellner, Gäste, Pommes und Burger wild durcheinanderfliegen. Und beim „Surprise-Menü“ wissen Sie als Gast vorher nicht, welche der Speisen Ihnen per Zufall in den Mund geschossen werden. Der Nachtisch wird dann mit dem Eimerkettenschwimmbagger „Greifswald“ direkt im Freibad nebenan serviert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

I feel you, Mark Twain

Das menschliche Gehirn erbringt seine besten Leistungen bei Außentemperaturen zwischen 18 und 22 Grad. Darüber und darunter ist mit Einschränkungen zu rechnen. Bei Hitze erwärmt sich der Kopfinhalt und kann gefährlich anschwellen. Das Denkvermögen nimmt rapide ab, der Organismus wechselt in den Notfallmodus und schaltet wie bei „Apollo 13″ alle Systeme ab, die nicht zum Überleben gebraucht werden. Die Folge: Der Geist kippt in den anaeroben Bereich wie ein stehendes Gewässer im August, nur ohne Frösche. Das ist der Moment, in dem Ihnen RTL-Sommershows plötzlich intellektuell zu anspruchsvoll erscheinen.

Ansonsten gilt für Freizeitvergnügungen, was Jerry Seinfeld einst sagte: „So etwas wie Spaß für die ganze Familie gibt es nicht.“ Die Kinder wollen Action, der Vater möchte in Ruhe herumsitzen und Kaltgetränke zu sich nehmen. Und die Frau möchte historische Sakralgebäude besichtigen, in deren Innerem Männer denken: „Drei Eimer Farbe, und hier sieht’s wieder tiptop aus!“

Nichts gegen Trendsport und Erlebnisgastronomie. Aber was körperliche Aktivitäten im Sommer angeht, halte ich es mit Mark Twain. Der hat einst geschrieben: „Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.“ I feel you, bro. Schönen Sommer noch.

In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag – dazu gehören persönliche Erlebnisse, aber auch Kuriositäten aus Politik, Gesellschaft und Kultur.

Mehr aus Kultur

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen