Schönheit, die von innen kommt

„Crimes of the Future“: David Cronenberg kehrt zum Körperhorror zurück

Freigiebiger Organspender: Viggo Mortensen als Saul zwischen Léa Seydoux (l.) als Caprice und Kristen Stewart als Timlin in einer Szene des Films „Crimes Of The Future“.

Freigiebiger Organspender: Viggo Mortensen als Saul zwischen Léa Seydoux (l.) als Caprice und Kristen Stewart als Timlin in einer Szene des Films „Crimes Of The Future“.

Der Kunstbetrieb der Zukunft sieht auch nicht so anders aus als der von heute: Mit einem Gläschen in der Hand steht das geneigte Publikum herum, macht Smalltalk und erfreut sich an der Performance. Bei genauerem Hinsehen mutet die Show jedoch gewöhnungsbedürftig an: Ein Mann liegt auf einem sargähnlichen OP-Tisch. Seine Partnerin schneidet mit an Greifarmen befestigten Messern Organe aus ihm heraus.

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Willkommen in der blutigen Welt des David Cronenberg: Der Meister des Body Horrors ist zurück, der in frühen Filmen wie „Die Fliege“ (1986) oder „eXistenZ“ (1999) die Verschmelzung von Kunst, Sex, Mensch und Maschine vorangetrieben hat. Der Kanadier kann nach eigenen Worten zwar mit dem Begriff Körperhorror wenig anfangen, gilt aber als Meister dieses Faches.

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Saul (Viggo Mortensen) heißt der Mann unterm Messer. Wie ein mittelalterlicher Mönch im schwarzen Umhang mit Kutte läuft er durch eine abgeranzte Welt, die wie unsere Vergangenheit aussieht. Tatsächlich ist er ein Star: In seinem Körper wachsen „brandneue Organe“ heran. Und weil er wie auch der Rest der Menschheit keinen Schmerz mehr verspürt, holt Partnerin Caprice (Léa Seydoux) diese Organe unter Applaus aus ihm heraus.

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Ein wenig Selbstironie hätte diesem Horrorladen gutgetan

So viel lässt sich sagen: Regisseur Cronenberg ist kein Freund invasiver OP-Techniken. Das Ganze hat angeblich einen erotischen Touch: „Operieren ist der neue Sex“, heißt es hier. Aber so sexy sieht das alles gar nicht aus, jedenfalls nicht so wie einst bei den orgiastischen Unfällen auf dem Highway in „Crash“ (1996).

Dafür lädt der Regisseur zu Fantasien darüber ein, wie sich der menschliche Körper im Spätkapitalismus verwerten lassen könnte. Ist das, was wir geboten bekommen, die endgültige Perversion der plastischen Chirurgie? Saul will an einem „Inner Beauty Contest“ in der Kategorie „Best Original Organ“ antreten.

Und was hat es mit dem toten Sohn auf sich, den Saul von dessen Vater zur Obduktion angeboten bekommt? Ermordet wurde das Kind von der eigenen Mutter. Sie hat die evolutionäre Verwandlung des Nachwuchses nicht ertragen. Ihr Sohn konnte Plastik verdauen und verknusperte schon mal einen Mülleimer. Auf diese Idee bei der Verwertung unseres Plastikmülls muss man erst mal kommen.

Zudem ist da noch die Regierungsstelle für neuartige Organe, die Saul auf dem Kieker hat. Der Job von Wippet (Don McKellar) und Timlin (Kristen Stewart) ist es, darauf zu achten, dass die biologische Entwicklung des Menschen keine unerwünschte Wendung nimmt. Wo kommen wir hin, wenn jeder seine Organe wachsen lässt, wie er will?

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An Ideen mangelt es Cronenberg nicht, offenbar aber am Budget, um diese stil- und effektvoll umzusetzen. Manches sieht aus wie billig erstanden auf der Resterampe. Auch ein wenig Selbstironie hätte diesem Horrorladen gutgetan. Erfreuen kann man sich an der Umdefinition von Schönheit: Hier ist sie wirklich mal etwas, das von innen kommt.

„Crimes of the Future“, Regie: David Cronenberg, mit Viggo Mortensen, Léa Seydoux, Kristen Stewart, 107 Minuten, FSK 16

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