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Filmfestival in Frankreich

Vincent Lindon: der Mann, der über die Goldene Palme in Cannes entscheidet

Der Schauspieler und Filmfestivalpräsident Vincent Lindon in Cannes.

Cannes. Bei seinen täglichen Auftritten auf dem roten Teppich sah der Mann pumperlgsund aus. Dabei haben wir ihn im Kino kürzlich noch gesehen, wie er sich Steroide mit einer Spritze in den Hintern jagte, bis sein künstlich aufgepumpter Körper kollabierte. Da spielte Vincent Lindon einen alternden Feuerwehrhauptmann in Julia Ducournaus viel diskutiertem Cannes-Sieger „Titane“, der in seiner Einsamkeit eine junge Frau als seinen seit vielen Jahren vermissten Sohn akzeptiert.

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Klar, das war nur eine Rolle für den 1959 geborenen Franzosen. Aber er verschmolz so sehr damit, dass man sich doch mal kurz wundern darf. Lindon spielt gern mit vollem Körpereinsatz. Nun ist er als Jurypräsident zurückgekehrt nach Cannes. Seine Stimme bei der Entscheidung über die Goldene Palme am Samstag hat Gewicht.

Erster Franzose seit 2009, der als Präsident fungiert

Der Verlegersohn ist der erste Franzose seit 2009, der als Präsident fungiert. Damals übernahm Isabelle Huppert diese im Kinoland Frankreich nicht zu unterschätzende Aufgabe. Im Vorjahr präsidierte Spike Lee und verplapperte sich bei der Abschlusszeremonie, als er vorzeitig den Sieg von „Titane“ bekannt gab. Das dürfte Lindon am Samstag kaum passieren.

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Angeblich war Lindon nicht die erste Wahl, obwohl er mit insgesamt neun Filmvorstellungen ein erprobter Cannes-Gänger ist. Penélope Cruz soll abgesagt haben, Marion Cotillard ebenso. Voraussetzung für den Job ist immerhin ein knapp zweiwöchiges Loch im Terminkalender. Ein Jurymitglied muss im Schnitt täglich zwei bis drei Filme sichten – und sie vor allem bewerten.

Es ist wie beim Film: Jede Einstellung ist das Wichtigste auf der Welt in dem Moment, in dem sie gedreht wird, sonst lohnt es sich nicht einmal, diesen Beruf auszuüben.

Vincent Lindon über das Amt als Präsident in Cannes

Dabei ließe sich kaum ein Besserer als Lindon für diesen Job finden. Es gebe Bedeutsameres in der Welt, hat er in Interviews gesagt. Und doch: „Es ist wie beim Film: Jede Einstellung ist das Wichtigste auf der Welt in dem Moment, in dem sie gedreht wird, sonst lohnt es sich nicht einmal, diesen Beruf auszuüben. Präsident der Jury ist das Gleiche. Ich werde es sehr ernst nehmen.“

Und weiter: „Die Zukunft von Filmemachern liegt in unseren Händen, und es kann das Leben von sieben Leuten verändern, wenn sie so eine Auszeichnung bekommen, also nehmen wir das nicht auf die leichte Schulter.“

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Neunköpfiges Gremium

Seiner Verantwortung in dem insgesamt neunköpfigen Gremium ist er sich also voll bewusst. Zusammen mit Rebecca Hall (Britin), Noomi Rapace (Schwedin), Deepika Padukone (Inderin), Asghar Farhadi (Iraner), Joachim Trier (Norweger), Jeff Nichols (Amerikaner), Jasmine Trinca (Schwedin) und Ladj Ly (Franzose) wird er die Goldene Palme vergeben.

Mit Lindon als Jurypräsidenten könnten Filme mit sozialem Bezug einen kleinen Vorteil haben. Davon gab es eine ganze Reihe, egal ob sie im Iran spielten („Holy Spider“), in Belgien („Tori et Lokita“) oder in Rumänien („R. M. N.“).

Jahrgang 2022 so politisch aufgeladen wie lange nicht mehr

Es ist kalt geworden in der Welt. Der Jahrgang 2022 war so politisch aufgeladen wie schon lange nicht mehr – und im Hintergrund drückte der Krieg gegen die Ukraine auf die Stimmung. Allerdings: In Cannes gewinnen immer wieder Filme, die kaum jemand auf dem Zettel hatte.

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Lindon liebt engagiertes Kino: In „Welcome“ (2009) spielte er einen Bademeister in Calais, der einem Migranten bei der Überquerung des Ärmelkanals hilft. In „Der Wert des Mensch“ (2015) verkörperte er einen Arbeitslosen, der im französischen Ämterlabyrinth seine Würde zu verteidigen sucht – und wurde für diese Rolle mit dem Darstellerpreis in Cannes geehrt. In „Un autre monde“ (2021) brach sein leitender Angestellter unter der Arbeitslast zusammen. Eine französische Zeitschrift nannte ihn mal das „Alltagsgesicht des modernen französischen Films“.

Lindon las Macron die Leviten

Im Mai 2020 und mit Blick auf die Corona-Krise las Lindon dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron in einem viel beachteten Video die Leviten. Es ging ihm dabei nicht nur um das zusammengesparte Krankensystem, das an seine Grenzen geriet. Er prangerte generell den zerstörerischen Liberalismus und das übergroße Ego des französischen Präsidenten an.

Auch die Boulevardpresse hat aus der Präsidentschaft Lindons in den vergangenen gut eineinhalb Festivalwochen Honig gesaugt: Lindon war lange zusammen mit Claude Chirac, der Tochter des späteren französischen Präsidenten Jacques Chirac, ebenso mit Caroline von Monaco, und dann mit der französische Schauspielerin Sandrine Kiberlain. Vielleicht schaut die ein oder andere ja bei der Palmen-Vergabe vorbei.

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