Studie: Smartphones und Co. können Herzschrittmacher stören

Ein Smartphone kann für die Schrittmacherfunktion laut Expertinnen und Experten nur dann zum Problem werden, wenn das Telefon direkt über dem Implantat liegt.

Ein Smartphone kann für die Schrittmacherfunktion laut Expertinnen und Experten nur dann zum Problem werden, wenn das Telefon direkt über dem Implantat liegt.

Sollten Träger von Herzschrittmachern sich vorsorglich von bestimmten Smartphones und Smartwatches fernhalten? Im iPhone 12 und der Apple Watch 6 verbaute Magnete können Schrittmacher in ihrer Funktion stören, berichten Forschende um Seth Seidman vom Center for Devices and Radiological Health (CDRH) der US-Gesundheitsbehörde FDA im Fachmagazin „Heart Rhythm“. Auch in vielen anderen Smartphones ist ein starker Magnet eingebaut, über den das Gerät per Induktion geladen wird.

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Mindestabstand von 15 Zentimetern sollte eingehalten werden

Medizinerinnen und Mediziner waren dem Bericht nach erstmals im Januar auf das Problem aufmerksam geworden. Durch Auflegen eines iPhones deaktivierten sie bei Patientinnen und Patienten den implantierten Defibrillator. Der deutsche Experte Philipp Sommer, Direktor der Klinik für Elektrophysiologie und Rhythmologie der Uniklinik Bochum, ist über die Stärke des berichteten Effekts überrascht. Funktionsstörungen in Alltagssituationen seien insgesamt aber sehr selten, betont er.

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„Wir klären unsere Patientinnen und Patienten über alle möglichen Interferenzen auf, die im Alltag auftreten könnten“, erklärt Sommer. Einen Sicherheitsabstand von 15 Zentimetern empfiehlt er für alle potenziellen Störquellen. Das gilt nicht nur für Smartphones, sondern auch für andere Geräte wie Mikrowellen. „Dann ist man eigentlich auf der sicheren Seite.“

Smartphones können den Magnetmodus aktivieren – und die Funktionen einschränken

Rund 100.000-mal schlägt das menschliche Herz jeden Tag, und das ein Leben lang. Erkrankungen können den Herzschlag aus dem Takt bringen. Beispielsweise durch einen Herzinfarkt oder eine Entzündung gehen Herzmuskelzellen kaputt. Als Folge können lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auftreten. Zum Schutz versorgen Kardiologen herzkranke Patientinnen und Patienten mit einem Schrittmacher oder implantierten Defibrillator, kurz ICD. Das kleine Gerät sitzt unter der Haut und überwacht den Herzrhythmus. Schlägt das Herz zu langsam, greift der Schrittmacher. Ein implantierbarer Defibrillator kann zusätzlich in lebensbedrohlichen Situationen einen elektrischen Schock abgeben und die Zellen wieder miteinander synchronisieren.

Wird der Schrittmacher durch äußere Einflüsse in seiner Funktion gestört, kann das gefährlich werden. Der starke Magnet eines Smartphones kann den Forschenden zufolge potenziell den sogenannten Magnetmodus von Herzschrittmachern einschalten. Ärzte aktivieren diesen integrierten Schutzmechanismus zum Beispiel bei einer Operation. Wenn der Defibrillator während des Eingriffs einen Schock abgeben würde, wäre das für die Chirurgen gefährlich. Die Kardiologen legen deshalb einen starken Magneten auf die Brustwand der Patientinnen und Patienten und deaktivieren damit gewollt die Schockabgabe. Nach der Operation entfernen sie den Magneten und der Defibrillator ist wieder funktionsfähig. Eine versehentliche Aktivierung des Modus ohne ärztliche Betreuung ist für Patientinnen und Patienten bedrohlich: Eine auftretende Herzrhythmusstörung wird dann nicht erkannt und kann nicht gestoppt werden.

Abstand von 15 Zentimetern ausreichend, um den Schrittmacher zu deaktivieren

Seidman untersuchte mit seinem Team, ab welchem Abstand das iPhone 12 einen Defibrillator in seiner Funktion zu behindern droht. Dazu bestimmten die Wissenschaftler die Feldstärke des Magneten in kleinen Abständen zum Smartphone. Sowohl das iPhone 12 als auch die Apple Watch 6 erzeugten in unmittelbarer Nähe ein Magnetfeld, das stärker als bei den von Ärzten bei OPs benutzten Magneten war. Solche Geräte sind damit stark genug, um den Magnetmodus von Schrittmachern zu aktivieren, wie die Forschenden schreiben.

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Trägt ein Patient oder eine Patientin sein oder ihr Smartphone unmittelbar über dem ICD, kann die Schockfunktion demnach unbemerkt und schnell deaktiviert werden. Der Magnetmodus eines herkömmlichen Herzschrittmachers, der nicht zur Schockabgabe fähig ist, stellt kein so großes Risiko dar: Hier würde der Schrittmacher das Herz mit einer festgelegten Frequenz schlagen lassen. Das führt zu Symptomen, ist aber selten akut gefährdend.

Mit zunehmendem Abstand nimmt die Magnetstärke ab. Sei das Gerät mehr als 15 Zentimeter entfernt, bestehe keine Gefahr mehr, so die Forschenden. Apple selbst weist in den Herstellerangaben auf die mögliche Interferenz hin. In der Hemdtasche sollten Betroffene das Smartphone also lieber nicht tragen. Doch was, wenn es versehentlich doch zur Aktivierung des Magnetmodus kommt? „Sobald das iPhone vom Defibrillator runterbewegt wird, ist die Aktion auch wieder weg“, erklärt Sommer. Der Magnetmodus wird dann deaktiviert und der Defibrillator funktioniert wie vorher.

RND/dpa

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