Wie steht es um die Pflege?

Pflegeratspräsidentin: Von den Versprechen der Politik ist bei Pflegenden „noch nichts angekommen“

Eine Pflegekraft begleitet eine Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur.

Es fehlt massiv an Pflegekräften. Ungerechte Löhne, Überstunden, psychische Belastung: ein altes Problem, das sich in der Corona-Pandemie immer wieder zugespitzt hat. Jetzt, da die Corona-Infektionen erneut in der Bevölkerung steigen, nehmen sie auch bei Pflegenden zu. Es kommt erneut zu Personalausfällen, wo es ohnehin an Menschen fehlt. Schon lange fordern Verbände und Pflegende angemessenere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Doch diesem Wunsch, dieser Notwendigkeit, ist die Politik bis heute nicht angemessen nachgekommen. Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates, ist selbst gelernte Krankenschwester und Pflegepädagogin. Im Interview mit dem RND spricht sie darüber, wie es derzeit um die Pflege in Deutschland steht, was sich ändern muss und was passiert, wenn es das nicht tut.

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Frau Vogler, während der Pandemie wurden Pflegekräfte als Helden gefeiert und es gab große Versprechen von der Politik. Ist davon bislang irgendetwas angekommen?

Bei den Kolleginnen und Kollegen ist vor Ort direkt noch nichts angekommen. Bis dort etwas angelangt, dauert es viel zu lange. Das Gesundheitssystem ist in vielen Punkten zu bürokratisch und nicht mehr nachvollziehbar und das führt zu einer schlechten Gesundheitsversorgung. Wir brauchen dringend eine Reform des Gesundheitssystems. Manchmal haben wir den Eindruck, dass die politisch Agierenden, wenn sie an der Regierung sind, diesen unübersichtlichen Strukturen fast hilflos gegenüberstehen und am Ende wieder nur symptomatisch tätig werden.

Christine Vogler ist ausgebildete Krankenschwester und Diplom-Pflegepädagogin. Seit 2021 ist sie Präsidentin des Deutschen Pflegerates.

Christine Vogler ist ausgebildete Krankenschwester und Diplom-Pflegepädagogin. Seit 2021 ist sie Präsidentin des Deutschen Pflegerates.

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Was sollte denn Ihrer Meinung nach unbedingt getan werden?

Wir brauchen in den Gesundheitsfachberufen mehr und vor allem gut qualifiziertes Personal. Dazu müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die ehemalige Kolleginnen und Kollegen überzeugen und zurückholen und diejenigen vor Ort halten. Sie brauchen vor allem bessere Arbeitsbedingungen und müssen finanziell entlastet werden durch angemessenere Löhne oder zumindest durch eine Befreiung von der Lohnsteuer. Sie wären schneller und gerechter – anders als durch Prämien – in einer besseren finanziellen Lage.

Sollten Pflegende in diese Prozesse auch selbst mehr eingebunden werden?

Ja, Pflegende sollten zum einen ein Mitspracherecht im System erhalten. Das wird ihnen gerade in den Selbstverwaltungssystemen, zu denen Krankenkassen und Krankenhäuser gehören, verweigert. Zum anderen sollten sie auch Pflegeprozesse selbstständig steuern und regeln können und nicht zu Assistentinnen und Assistenten von Ärztinnen und Ärzten degradiert werden. Ihnen sollten mehr Aufgaben übertragen werden, wie im Bereich der Wundversorgung, der Aufklärungsarbeit, der Diagnostik oder auch beim Verschreiben von Medikamenten. Das ist auch für die Menschen, die wir versorgen, sehr sinnvoll.

„Die Gesundheitseinrichtungen sind diejenigen, die konsequent an der Pandemiebekämpfung dranbleiben, während sich die Gesellschaft ein bisschen aus dem Staub gemacht hat.“

Was könnte passieren, wenn man dem Personalmangel jetzt nicht entschieden entgegenwirkt?

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Dann werden wir irgendwann Menschen nicht mehr versorgen können, ganz einfach. Wo keine Leute sind, kann auch keiner Hand anlegen.

Aktuell befinden wir uns, gemessen an den Infektionszahlen, mitten in der Sommerwelle: Inwiefern zeigt sich diese bereits in den Pflegeeinrichtungen?

In den Pflegeeinrichtungen bildet sich genau das ab, was sich auch in der Gesellschaft zeigt. Das war auch vor zwei Jahren schon so. Wenn die Zahlen in der Gesellschaft nach oben gehen, gehen sie natürlich auch in den Pflegeheimen und Kliniken bei den Beschäftigten wie auch bei den Patienten und Patientinnen und Bewohnerinnen und Bewohnern nach oben.

Und dann fallen natürlich wieder mehr Leute aus.

Genau. Das ist der dann folgende Effekt.

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Wie bereiten sich denn die Pflegeeinrichtungen auf den Herbst vor?

Die Hygienerichtlinien werden in den Pflegeheimen, in den Gesundheitseinrichtungen und in den Krankenhäusern grundsätzlich umgesetzt. Diese haben wir auch bereits vor Corona gelebt. Maske tragen, regelmäßige Testungen und die Impfpflicht – all das wird natürlich zusätzlich konsequent umgesetzt. Das, was die Einrichtungen tun können, das tun sie.

In der Gesellschaft ist eher eine gewisse Nachlässigkeit zu beobachten.

Die Gesundheitseinrichtungen sind letztendlich diejenigen, die konsequent an der Pandemiebekämpfung dranbleiben, während sich die Gesellschaft ein bisschen aus dem Staub gemacht hat, weil sie sich einer allgemeinen Impfpflicht verweigert hat. Und wenn die Infektionsraten dann in den Gesundheitseinrichtungen steigen, weil diese in der gesamten Gesellschaft zunehmen, zeigen alle auf die Pflegeheime und Kliniken. Dabei hat die Gesellschaft ihren Anteil an dem Infektionsgeschehen.

„Die alte Dame, die ihre Insulinspritze benötigt, der alte Herr, der seine Wickel für die Beine braucht – auch sie können nicht versorgt werden, wenn keine Pflegepersonen mehr da sind.“

Im Winter gab es die große Befürchtung, dass viele Pflegekräfte jetzt nach den Erfahrungen während der Corona-Pandemie abspringen – auch hinsichtlich der Impfpflicht. Lässt sich sagen, wie viele Pflegekräfte tatsächlich gekündigt haben?

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Nicht präzise, wir haben keine staatliche Pflegeberichterstattung – das macht gezielte Aussagen schwierig. Wir wissen punktuell, dass Menschen die Arbeitszeiten zum Teil reduziert haben. Als die Not zu Beginn der Pandemie groß war, haben viele die Arbeitszeit befristet erhöht und es sind auch Kolleginnen und Kollegen in den Dienst zurückgekommen. Aber das hält auf Dauer natürlich nicht.

Dennoch gibt es einen beträchtlichen Anteil Pflegender, die ihren Beruf trotz allem nicht verlassen wollen, oder?

Richtig. Eine Studie aus NRW hat jüngst gezeigt, dass Auszubildende nach der Ausbildung zu 80 Prozent in dem Beruf bleiben wollen. Aber die Azubis schauen natürlich auch auf die Arbeitsbedingungen während der Ausbildung und den Arbeitgeber. Denn außer der Politik sind auch weitere Player für die Bedingungen im System verantwortlich: Ärzte, das Management der Einrichtungen, die Selbstverwaltungspartner sowie die Krankenkassen. Sie alle treffen Entscheidungen oder verhalten sich und tragen so zur Situation der Pflege mit bei.

Wir sprechen viel über die Situation auf den Intensivstationen oder generell über die Lage in den Kliniken. Gerät die Altenpflege dabei ein wenig aus dem Blick?

Wir aus der Pflege verlieren sie nicht aus dem Blick. Im Journalismus hingegen haben wir schon den Eindruck. Der Begriff Altenpflege greift aber zu kurz: Es geht um die stationäre Langzeitpflege und die ambulante Versorgung. Letzteres ist der größte Bereich der Pflege. 75 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Medial geht der Blick dort hin, wenn es um Kinder geht oder es ganz dramatische Geschichten sind. Schwarze Schafe zu benennen ist nicht falsch. Aber wenn dann die vielen Tausenden Einrichtungen, die richtig gute Arbeit machen, nicht gezeigt werden, verzerren Medien das Bild von Pflege und machen ebenso Stimmung gegen den Beruf.

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Mit welchen Konsequenzen?

Die alte Dame, die ihre Insulinspritze benötigt, der alte Herr, der seine Wickel für die Beine braucht – auch sie können nicht versorgt werden, wenn keine Pflegepersonen mehr da sind. Diese Versorgung zu sichern und Pflegeberufen gute Bedingungen zu schaffen, ist eine Aufgabe aller – sowohl der Politik als auch der Gesellschaft. Das muss uns endlich klar werden.

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