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Omikron-Mitentdecker: „Omikron durchrauschen zu lassen ist keine gute Idee“

Südafrika, Soweto: Fahrgäste, von denen einige einen Mund-Nasen-Schutz tragen, warten am Taxistand in Baragwanath.

Herr Preiser, Sie forschen als Virologe an der südafrikanischen Stellenbosch Universität bei Kapstadt und waren einer der Ersten, der Ende November auf Omikron aufmerksam gemacht hat. Wie entdeckt man eine besorgniserregende Variante?

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Seit Ende 2020 die Alpha- und Beta- und im Laufe des Jahres 2021 die Delta-Variante auftraten, wurde klar, dass immer wieder neue Varianten des Coronavirus entstehen können, die Probleme mit sich bringen. Deshalb analysieren wir in Südafrika in einem Labornetzwerk die Genomsequenzen von sehr vielen PCR-Proben, um zu schauen, ob und wie sich das Virus verändert.

Bei Omikron war es dann so, dass ein Privatlabor mehrere Ausbrüche untersuchte und positive Proben an das Netzwerk schickte zur Sequenzierung. Solche Sequenzen hatte man bis dahin noch nie gesehen. Wir schauten uns das näher an. Sehr schnell war klar: Das ist jetzt etwas ganz Neues. Bereits das Mutationsmuster legte eine hohe Ansteckungsgefahr von Omikron nahe.

Wolfgang Preiser arbeitet als Virologe an der Stellenbosch Universität nahe Kapstadt in Südafrika. Er forscht unter anderem zur Wirksamkeit der Booster-Impfung bei Omikron.

Wolfgang Preiser arbeitet als Virologe an der Stellenbosch Universität nahe Kapstadt in Südafrika. Er forscht unter anderem zur Wirksamkeit der Booster-Impfung bei Omikron.

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Trotzdem haben die Fallzahlen in Südafrika kurz vor Weihnachten bereits ihren Höhepunkt erreicht – seitdem fallen sie wieder. Ist die Omikron-Welle nach wenigen Wochen schon wieder vorbei?

So scheint es. Im Moment sieht es nicht danach aus, als ob das Virus hier schnell erneut aufflackert. Vielleicht haben wir jetzt ein paar Monate Ruhe. Aber sicher ist das nicht. Zum einen könnten neue Varianten kommen. Zum anderen ist in Südafrika gerade Sommer und seit Anfang Dezember sind Schul- und vielerorts Betriebsferien. Dadurch fallen gerade viele Kontakte weg, und Treffen im Privaten finden oft draußen statt.

Nach den Ferien könnte es also wieder zu einem Anstieg der Fallzahlen kommen?

Genau, aber das ist eben nur eine von mehreren Optionen. Prognosen sind schwierig. Wir wissen nicht, was bei sinkenden Temperaturen passieren wird. Es ist im Moment auch schwierig, die Infektionslage zu bewerten. Wer sich in Südafrika testen lassen will, muss meist selbst zahlen. Nur wer ins Krankenhaus kommt, kriegt einen Abstrich. Selbst bei schwerem Verlauf gibt es keine Garantie, auf Intensivstation behandelt zu werden. Anders als in Deutschland wird viel mehr danach geschaut, wer die besten Überlebensaussichten hat.

Bei Corona kann sich noch alles mögliche bilden. Die Welt erfährt womöglich viel zu spät davon.

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Weiß man denn inzwischen, wo die neue Variante ihren Ursprung hat?

Das ist noch unklar. Es gibt nicht den einen Patienten Null. Die bislang ältesten Omikron-Nachweise aus Südafrika und Botswana wurden nachträglich als solche eingestuft und stammen von Anfang November. Das ist aber nicht automatisch die Quelle. Omikron könnte auch aus einem Land kommen, wo wenig getestet und noch weniger sequenziert wird. Vielleicht wurde die Variante nur zufällig als erstes in Südafrika bemerkt, weil wir unser gutes Überwachungssystem haben.

Müsste man dann nicht mehr Länder mehr Proben sequenzieren lassen?

Großbritannien und Dänemark sind ganz vorne mit dabei. Unter den Schwellenländern hat Südafrika die beste Infrastruktur aufgebaut. Deutschland und die USA sequenzieren einen Teil der positiv getesteten Proben, da fehlt aber leider oft die systematische Aufarbeitung. Es nützt nichts, wenn ich meine Laboranalyse vorantreibe, mich aber nicht mit den Kollegen und Kolleginnen anderswo austausche. Es gibt auch immer noch viele Länder, die gar nicht systematisch auf Tests und Sequenzierungen setzen. Wir müssten aber eigentlich überall die Augen offen halten. Bei Corona kann sich noch alles mögliche bilden. Die Welt erfährt womöglich viel zu spät davon.

Ein erfreulicher Omikron-Faktor

Erstaunlich schnell haben Forschende weltweit untersucht, wie krank Omikron macht.

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Das stimmt. Es gibt nach anderthalb Monaten sehr viele Daten – Laborexperimente, epidemiologische Studien mit erkrankten Patienten und Patientinnen, aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Impfquoten und Raten von Vorerkrankungen. Experimente mit Hamstern konnten zeigen, dass das Virus nicht so leicht die Lunge befällt, sondern eher in den oberen Atemwegen verweilt. Alle Untersuchungen sind für sich genommen nicht perfekt aussagekräftig, zeigen aber in der Summe in dieselbe und zum Glück relativ erfreuliche Richtung: Omikron verursacht weniger schwere Covid-19-Verläufe als Delta.

Wie muss man sich das Gesundheitsrisiko durch Omikron jetzt vorstellen?

Wer geimpft ist, hat viel bessere Karten, kann aber auch auf der Intensivstation landen. Geboosterte haben ein geringes Risiko, schwer zu erkranken; abgesehen von Risikogruppen, bei denen der Impfschutz kaum oder nicht wirkt. Wer gar nicht geimpft ist, hat mit Omikron ein statistisch gesehen geringeres Risiko zu erkranken als noch bei Delta.

Trotzdem ist das keine harmlose Erkältung. Ein schwerer Verlauf ist immer noch möglich, auch wenn das Risiko geringer ist als bei den früheren Varianten. Anekdotisch kann ich aus Südafrika berichten, dass bei uns im Krankenhaus im Moment fast ausschließlich Ungeimpfte mit Omikron-Infektion behandelt werden. Von denen sterben auch einige. Alleine vorgestern sind hierzulande 181 Patienten an Covid-19 verstorben; fast alle ungeimpft. Omikron durchrauschen lassen ist also keine gute Idee.

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Kinder und Doppelinfektionen – die offenen Fragen zu Omikron

Als Omikron in Südafrika entdeckt wurde, gab es auch die Sorge, dass die neue Variante Kinder schwerer krank machen könnte.

Da kann man Entwarnung geben. Es gibt Einzelfälle, aber das ist die Ausnahme. Letzte Woche ist bei uns im Krankenhaus beispielsweise ein Kleinkind an Covid-19 verstorben. Aber das passiert selten. Der Verdacht, dass bei Omikron generell ein höheres Krankheits- und Sterberisiko für die Jüngeren besteht, hat sich anhand von Daten aus Südafrika bislang glücklicherweise nicht erhärtet. Südafrika hatte auch Glück, dass Omikron im Sommer auftauchte. In Europa ist Winter, da könnten noch Doppelinfektionen zum Problem werden.

Wie meinen Sie das?

Doppelinfektionen mit Atemwegserregern sind nicht ungewöhnlich. Es könnte zum Beispiel vorkommen, dass sich viele Kinder gleichzeitig mit Corona und Influenza oder dem RS-Virus anstecken und im Krankenhaus behandelt werden müssen. Bei Omikron ist noch unklar, ob Doppelinfektionen die Erkrankung verschlimmern.

Sind Doppelinfektionen auch bei Erwachsenen möglich?

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Bei Erwachsenen kann das auch vorkommen, gerade wenn in Europa jetzt die Influenzasaison beginnt. Trifft das Coronavirus im Körper auf ein Influenzavirus, kann aber keine neue Variante entstehen. Das könnte nur passieren, wenn man sich mit zwei Corona-Varianten, etwa Omikron und Delta, gleichzeitig infiziert. Das ist theoretisch auch möglich. Gefährlich würde es, wenn dann genetische Bausteine so miteinander vermischt werden, dass ein neues Virus mit problematischen Eigenschaften entsteht. Bislang ist so ein Fall aber nicht bekannt. Es gab Hinweise aus Zypern, aber das war wohl ein Fehlalarm.

In Deutschland gibt es im Moment viele Menschen ohne Impfschutz. Ist das in Südafrika auch ein Problem?

Es sind hierzulande etwa 45 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft – mit Biontech oder Johnson & Johnson. Dabei gibt es inzwischen ausreichend Impfstoff. Aber auch hier sind viele Menschen skeptisch, auch hier gibt es Verschwörungstheorien zur Corona-Impfung. Anders als in Deutschland hatten aber schon sehr viele Menschen Kontakt mit dem Virus. Studien zeigen, dass bereits vor der Omikron-Welle rund drei Viertel der Bevölkerung in Südafrika eine Covid-Infektion durchgemacht hat. Das hat dazu beigetragen, dass die Omikron-Welle relativ harmlos verlief. Ob durchgemachte Infektion oder Impfung – vor einer Infektion mit Omikron bietet sie keinen guten Schutz, vor schwerer Erkrankung jedoch glücklicherweise schon.

Omikron-Welle in Südafrika: Ein anderer Umgang

Der Umgang mit Corona ist also ein anderer als in Europa?

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Man hat versucht, durch sehr strikte Maßnahmen die Pandemie einzudämmen. Doch herrschen hier andere Verhältnisse als in Europa. Leider zeigt sich, dass man sich vor allem in ärmeren Verhältnissen nicht so gut schützen kann: beengte Wohnverhältnisse, große Familien, die zusammenleben, Minibustaxen, in denen zehn bis fünfzehn Menschen dicht gedrängt zur Arbeit fahren. Da kann man sich kaum effektiv vor einer Infektion schützen. Was bedeutet, man nimmt hohe Infektionszahlen und damit auch mehr Erkrankte und Tote in Kauf.

Nicht zuletzt, weil so viele Südafrikaner bereits an Covid-19 verstorben sind, sind jetzt weniger schwere Fälle aufgetreten. Schutzmaßnahmen müssten bei Omikron noch besser eingehalten werden. Die Entscheidungsträger in Südafrika haben die Regeln aber nicht nennenswert verschärft, als sich abzeichnete, dass die Hospitalisierungsrate nicht dramatisch ansteigt. Es gilt weiterhin Maskenpflicht in der Öffentlichkeit, bei Großveranstaltungen ist die Teilnehmerzahl begrenzt.

Mit Ihrem Blick aus Südafrika: Was wurde in rund zwei Pandemiejahren gelernt?

Die Pandemie verändert manche Dinge zum Positiven – hoffentlich auch langfristig. HIV-Patienten und Patientinnen können zum Beispiel plötzlich Medikamente gleich für mehrere Monate abholen und müssen nicht alle vier Wochen zur Klinik und lange warten. Es gibt hier im Land auch Bestrebungen, eine eigene mRNA-Impfstoffproduktion aufzubauen, um unabhängiger von den Industrieländern zu werden. Was Südafrika mit Europa verbindet, ist die Erkenntnis, dass die Gesundheitskommunikation in der Krise nicht gut funktioniert und die Menschen verwirrt.

Die Folge sind Abwehrhaltungen, die sich gegen den Staat und die Politik richten und mit dem Schutz vor Krankheiten eigentlich nicht mehr viel zu tun haben. Eine Pandemie ist letztlich eine Naturkatastrophe so wie Überschwemmungen, Vulkanausbrüche und andere. Weder Verleugnen noch die Suche nach Schuldigen hilft dagegen, doch solche Verhaltensweisen sind seit langer Zeit berichtet und treten auch jetzt wieder zutage.

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