Superspreader­event in China erwartet

Mit einer Corona-Welle ins Jahr des Hasen – doch die Regierung will davon nichts wissen

Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz geht in einem öffentlichen Park in Peking an einem Plakat für das bevorstehende Mondneujahr vorbei. Das Jahr des Hasen beginnt offiziell am 22. Januar.

Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz geht in einem öffentlichen Park in Peking an einem Plakat für das bevorstehende Mondneujahr vorbei. Das Jahr des Hasen beginnt offiziell am 22. Januar.

Seit Tagen bereits sind die Bahnhöfe und Flughäfen der Metropolen wieder gefüllt. Täglich machen sich Millionen Chinesen auf den Weg, um die Verwandtschaft in ihren Heimat­orten zu besuchen. Denn Samstag­nacht möchten sie gemeinsam das Jahr des Hasen begrüßen – mit selbst­gemachten Teigtaschen, während in den Wohn­zimmern die obligatorische „Neujahrsgala“ des Staats­fernsehens läuft.

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Für viele Familien ist es das erste Wiedersehen seit drei Jahren, nachdem die letzten Neujahrsfeste aufgrund der rigiden Reise­bestimmungen ins Wasser gefallen sind. Für 2023 werden während der 40-tägigen Saison immerhin bis zu zwei Milliarden Einzeltrips erwartet, was ungefähr 70 Prozent des Niveaus von 2019 darstellt.

Doch auch wenn die Wahrsager des Landes ein „Jahr der Harmonie“ erwarten, stehen die nächsten Wochen vor allem im Schatten von Corona. Denn nachdem in den großen Städten während der letzten Wochen eine beispiellose Infektions­welle mit mehreren Hundert Millionen Ansteckungen gewütet hat, befürchten die Behörden nun eine ungleich schwer­wiegendere Belastungsprobe in den Hinterlandprovinzen.

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Versorgungslage vielerorts prekär

Die regionalen Unterschiede im Gesundheits­system sind in der Volksrepublik eklatant: In Peking und Shanghai erreichen die Kliniken zwar das Niveau von Industrie­nationen, doch in den wirtschaftlich rückständigen Gebieten ist die Versorgungslage hingegen prekär. Oftmals fehlt es in den Dorfkliniken an ausgebildetem Personal und grundlegenden Medikamenten, die nächst­gelegenen Intensiv­betten liegen meist mehrere Auto­stunden entfernt. Dort braucht es bei der immensen Nachfrage nicht selten Kontakte, um überhaupt Zugang zu erhalten. Und für viele unter­privilegierte Senioren ist ein Krankenhaus­aufenthalt ohnehin ein abstrakter Luxus, da sie die Rechnungen mit ihrer mageren Rente nicht bezahlen können.

Auch Staatschef Xi Jinping zeigt sich besorgt. Am Mittwoch­abend hat sich der 69-Jährige nun erstmals über die Corona-Situation geäußert: „Ich mache mir am meisten Sorgen um die ländlichen Gebiete und die Bauern. Die medizinischen Einrichtungen sind in ländlichen Gebieten relativ schwach.“

Doch gleichzeitig verhindert die Regierung mit einer beispiellosen Intransparenz, dass die Bevölkerung die Corona-Lage vor Ort realistisch einschätzen kann. Nachdem die täglichen Corona-Zahlen zunächst höchst unzuverlässig vermeldet und schließlich vollständig eingestellt wurden, berichteten die Behörden jüngst von rund 60.000 Covid-Toten seit den Öffnungen Anfang Dezember. Dabei handelt es sich jedoch weiterhin um ganz offensichtlich geschönte Daten.

Bis zu 36.000 Tote pro Tag?

Akkurater dürften die derzeitigen Modell­rechnungen ausländischer Daten­analysten sein. Das Londoner Unternehmen Airfinity hat beispielsweise prognostiziert, dass rund 600.000 Personen in den letzten anderthalb Monaten an dem Virus gestorben sein dürften – also das Zehnfache der offiziellen Zahlen. Gegen Ende des Monats dürfte die Omikron-Welle in der Volksrepublik demnach ihren Höhepunkt erreicht haben – mit etwa 36.000 Toten am Tag.

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Solche Prognosen widersprechen auf drastische Weise dem Propaganda­­narrativ der Regierung. Diese hat schließlich stets behauptet, die Volksrepublik China habe die Pandemie weltweit als einziger Staat erfolgreich gemeistert. Doch der vorschnelle Sieg über das Coronavirus, der von der einstigen Null-Covid-Bastion bereits Ende 2020 ausgerufen wurde, stellte sich freilich nur als vorschnelle Moment­aufnahme heraus.

Krematorien arbeiten rund um die Uhr

Insgesamt fällt Chinas Bilanz gemischt aus: Mit massiven Lockdowns und unter erheblichen Einschränkungen des Wirtschafts­lebens konnte das Reich der Mitte zwar eine tödliche Welle der Delta-Variante überspringen, muss nun wohl aber die rasanteste Durchseuchung seit Beginn der Pandemie hinnehmen. In Peking, wo die meisten Korrespondenten ansässig sind, waren die Folgen mit bloßem Auge zu sehen: Die Krematorien arbeiteten rund um die Uhr, vor den Fieber­kliniken bildeten sich lange Schlangen.

Wie tragisch die Situation in den Provinzen ausschaut, lässt sich hingegen nur durch vereinzelte Berichte erfassen. Denn die Zensur­behörden haben bereits eine einmonatige Kampagne zum Neujahrsfest angekündigt, während der man besonders fokussiert gegen „Gerüchte“ und „düstere“ Postings auf den sozialen Medien vorgehen möchte. Dementsprechend ist das Leiden der Patienten in den Notaufnahmen kein Thema auf den gängigen Online­plattformen wie Weibo. Nichts soll die festliche Neujahrs­stimmung stören: Dass derzeit Zehntausende Chinesen täglich am Coronavirus sterben, findet auch in den Fernseh­nachrichten keinerlei Erwähnung.

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