„Ich kann durch Memes Angst ausdrücken“

Darf man den Krieg in der Ukraine zum Meme machen?

Memes zum Krieg können zwiespältige Gefühle auslösen.

Memes sind Bilder und kurze Videosequenzen, die durch unterschiedliche Bildüberschriften immer wieder in einen neuen Kontext gesetzt werden – und dadurch lustig werden. Sie sind wie eine Art Running Gag im Internet. Über Meme-Plattformen wie 9gag oder in sozialen Netzwerken werden sie verbreitet und gehen oft viral, auch während des Kriegs in der Ukraine. Welche Funktion haben Memes? Warum sind sie vor allem bei der Generation Z so beliebt? Und ist es makaber, über Memes zum Krieg zu lachen?

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Die Digitalberaterin und Professorin für Social Media Hanna Klimpe kennt sich mit Memes und politischer Kommunikation in sozialen Netzwerken aus und beantwortet diese Fragen im Interview.

Frau Klimpe, warum sind Memes so beliebt? Welche Funktionen haben sie vor allem in schwierigen Zeiten wie während des aktuellen Kriegs in der Ukraine?

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Memes sind witzig und dienen der Unterhaltung. Sie sind aber auch ein Kommunikationsmittel, mit dem man Ängste ausdrücken kann, ohne sich persönlich gleich individuell ausdrücken zu müssen und sich damit auch sehr angreifbar zu machen. Ich kann da Angst ausdrücken und jeder versteht das, ohne dass ich sagen muss „Ich, Person XYZ, habe Angst vor einem Atomkrieg“ oder „Ich habe Angst, dass Putin noch weitere Länder angreift“. Man kann sich also ein bisschen hinter Memes verstecken.

Warum sind Memes bei der Generation Z so beliebt, also jungen Menschen, die ab 1995 geboren wurden?

Memes betreffen definitiv nicht nur die Gen Z, sondern auch die Millennials – vor allem die Generationen, die man als Digital Natives bezeichnet. Die sind es gewohnt, permanent online zu sein. Memes machen als Kommunikationsform auch nur Sinn, wenn man sie immer wieder konsumiert und man relativ viel Zeit im Internet verbringt. Man kann Memes schlecht Leuten erzählen, die nicht dauernd online sind.

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Kann man in ernsten Zeiten wie während des Kriegs in der Ukraine Memes verwenden und darüber lachen, was los ist in der Welt? Oder ist das makaber?

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Es ist ein bitteres Lachen, das bleibt einem eher im Halse stecken. Und so hat Kunst, und Memes sind ja auch Kunst, immer funktioniert. Wenn man an Charlie Chaplins „Der große Diktator“ denkt oder an Theaterstücke wie Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“, dann wird einem auffallen, dass Kunst immer mit Sarkasmus, totaler Übertreibung und Dekontextualisierung gespielt hat und Menschen geholfen hat, mit Ereignissen zurechtzukommen. Das versteht eine bestimmte Altersgruppe nicht. Aber das ist ja kein Grund, warum es einer anderen Altersgruppe nicht helfen dürfte.

Welches Gefahrenpotenzial geht von Memes aus?

Erst mal – und das ist eine Funktion, die auch heilsam sein kann ­– zeichnen Memes oft Worst-Case-Szenarien, wie die Memes zu einem vermeintlichen dritten Weltkrieg, World War III. Diese Art der Memes gibt es nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine, sondern seit fünf oder sechs Jahren, eher als eine Reaktion auf ein allgemeines Unsicherheits- und Bedrohungsgefühl. Es kann heilsam sein, sich durch ein lustiges Meme mit einem Worst-Case-Szenario zu konfrontieren.

Hanna Klimpe ist Professorin für Social Media an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Sie setzt sich unter anderem mit politischen Kommunikationsdynamiken in sozialen Netzwerken auseinander.

Hanna Klimpe ist Professorin für Social Media an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Sie setzt sich unter anderem mit politischen Kommunikationsdynamiken in sozialen Netzwerken auseinander.

Memes haben allerdings immer eine eher metaphorische und emotionalisierende als wirklich eine faktische Bedeutung. Sie haben immer auch etwas sehr Theatralisches, etwas Spielerisches, wo Sinn beliebig konstruiert wird und man kreativ werden kann. Das Bewusstsein dafür gerät, je mehr man davon konsumiert, in den Hintergrund. Und das kann auch dazu führen, dass man Memes für 1:1-Darstellungen von Realität hält – da liegt natürlich eine Gefahr.

Memes funktionieren außerdem über das Prinzip der Wiederholung. Meme-Seiten wie 9gag verleiten damit auch zum „Doomscrolling“ [Anm. d. Red.: exzessives Konsumieren negativer Nachrichten], also immer noch eins und noch eins und noch eins anzuschauen. Die Frage ist immer: Wo hilft es mir und wann kippt das, weil ich zu viele Memes konsumiere und sie zu ernst nehme?

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Eignen sich Memes durch die Emotionalität nicht ideal für Desinformation und Propaganda?

Ja, Memes bergen große Gefahr für Desinformation, weil sie erstens sehr emotional und über Bilder funktionieren – oft über Bilder, mit denen man schon bestimmte Assoziationen hat. Sie können im wahrsten Sinne des Wortes das Bild von einem Konflikt prägen.

Gerade dadurch, dass sie so etwas Spielerisches haben, kann man auch sehr subversiv Desinformation platzieren und die für Propaganda nutzen. Gamification wird sehr stark benutzt, um Desinformationen zu verbreiten. Das sieht man auch bei rechtsradikaler Propaganda, die wird oft verkauft, als sei alles nur ein Spiel. So kann man bei Memes auch sagen: „Haha, das ist alles nur ein Witz.“ Aber es setzt sich halt fest.

Man kann über Memes sehr stark die politische Haltung prägen – gerade von jungen Leuten. Dem muss auch entgegengewirkt werden. Memes entstehen oft auf Reddit. Das ist eine Plattform, die sehr wenig reguliert wird und etwas unter dem Radar läuft. Memes können da schon viral gehen, ohne dass jemand hinterfragt, was da eigentlich dargestellt wird.

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Auch der offizielle Twitter-Account der Ukraine hat schon solche Memes gepostet. Darauf ist eine Karikatur abgebildet, in der Adolf Hitler Wladimir Putin die Wange tätschelt. Darunter schrieb der offizielle Twitter-Account der Ukraine: „This is not a meme, but our and your reality right now.“ – „Das ist kein Meme, sondern unsere und eure aktuelle Realität.“ Wie ist das zu verstehen?

Das ist natürlich auch eine Machtdemonstration. Damit will man zeigen, dass man immer noch lässig genug ist, um Memes posten zu können. Gleichzeitig macht man den Ernst der Lage deutlich. Das ist ein sehr geschickter kommunikativer Schachzug, womit man eine Zielgruppe, vor allem Gen Z und Millennials, erreicht.

Karikaturen haben in kriegerischen Auseinandersetzungen ja schon immer eine Rolle gespielt. Inwiefern unterscheiden sich Memes von Karikaturen?

Es ähnelt sich insofern, als dass in beiden Fällen ein sehr komplexer Konflikt auf ein Bild und eine schmissige Headline reduziert wird – letzteres passiert übrigens auch auf Twitter. Wir wissen: Bilder sind immer noch emotionaler als Text. Die Diskussion, dass Memes die Funktion von Karikaturen übernommen haben, gab es zum Beispiel auch schon im US-Wahlkampf im Jahr 2016. Trump hat da Memes systematisch eingesetzt, in denen Hillary Clinton als Dämonin dargestellt wurde.

Ein Karikaturist braucht außerdem ein gewisses künstlerisches Talent, der muss zeichnen können und eine Zeitung finden, die das veröffentlicht. Memes kann im Prinzip jeder Mensch selber machen. Jeder Mensch kann ja auch zu ihrem Ruhm oder ihrem Vergessen beitragen, indem er sie teilt oder nicht teilt. Memes haben durch das Verbreiten und Austauschen in sozialen Netzwerken einen stärker kommunikativen und partizipativen Charakter als Karikaturen.

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