Umweltschutz

„Das Moor muss nass“ – und die Bauern tragen die Konsequenzen

Blick auf eine Moorfläche bei Ströhen. Wegen des Klimaschutzes werden in den nächsten Jahren auch landwirtschaftlich genutzte frühere Moorflächen renaturiert werden.

Blick auf eine Moorfläche bei Ströhen. Wegen des Klimaschutzes werden in den nächsten Jahren auch landwirtschaftlich genutzte frühere Moorflächen renaturiert werden.

Ströhen/Hannover. Tim Ahrens steht auf einem Feldweg zwischen Wagenfeld und Ströhen. Vor ihm liegt eine Wiese. Ein paar Meter weiter ist ein kahler Acker. Etwa 250 Meter vor ihm entfernt schimmert es bräunlich. Vereinzelt stehen kleine Birken und Büsche. „Da hinten fängt das Hochmoor an“, sagt der 29-jährige Landwirt aus dem Kreis Diepholz.

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In ein paar Jahren werden er und seine Kollegen auf viele Wiesen und Äcker verzichten müssen. Diese müssen wieder zu dem werden, was sie vor Jahrzehnten einmal waren: Zu einem nassen Moor. Am Montag will sich eine Konferenz mit Wissenschaftlern und Politikern in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin mit dem Thema befassen.

Niedersachsen ist mit einem Mooranteil von 14 Prozent der Landesfläche Moorland Nummer eins in Deutschland. Die Moore werden zu 70 Prozent landwirtschaftlich genutzt, überwiegend als Grünland - die Flächen liefern also Futter für Milchkühe im Nordwesten des Landes.

Treibhausgas-Emissionen wegen trockengelegter Moorflächen

Das Problem, vor dem Meyer und seine Berufskollegen stehen, sind Klimagase. Diese Gase entweichen aus den Böden, weil die Moorflächen seit vielen Jahrzehnten trocken gelegt werden, um sie landwirtschaftlich zu nutzen.

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14 Prozent der Landwirtschaftsfläche sind solche trockengelegten Moorflächen. Diese Flächen sind für mehr als die Hälfte der Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft verantwortlich, haben die Expertinnen und Experten am Greifswald Moor Centrum auf der Grundlage von Daten des Thünen-Instituts errechnet. „Wenn Deutschland bis 2045 klimaneutral werden will, führt kein Weg daran vorbei, die trockengelegten, heute landwirtschaftlich genutzten Flächen wiederzuvernässen“, sagt die Leiterin des Greifswald Moor Centrums, Greta Gaudig. Darauf zielt auch eine Bund-Länder-Vereinbarung.

„Das ist eine Zeitenwende, die vergleichbar ist mit den Herausforderungen des Kohleausstiegs“, sagt Holger Hennies, Präsident des Landvolks Niedersachsen. Bauer Ahrens ist klar, dass er viele seiner Flächen künftig nicht mehr als Grünland wie bisher nutzen kann. Bei seinem Betrieb, den er mit seinem Schwiegervater in Ströhen bewirtschaftet, würden etwa 35 von 300 Hektar betroffen sein.

Zahl des Milchviehs in der Weser-Ems-Region wird zurückgehen

Aber was soll an die Stelle der heutigen landwirtschaftlichen Bewirtschaftung treten? Viele Fragen seien noch ungeklärt, sagt Ahrens. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, klagt er. Kein Landwirt würde im Moment investieren, die Weiterentwicklung der Höfe stocke. „Wir merken auch, dass bei den Flächen ein Wertverlust einsetzt.“

In den Ministerien für Umwelt und für Landwirtschaft wird derzeit an Konzepten gefeilt. Moorbodenschutz müsse freiwillig, gemeinsam und kooperativ sowie gerecht erfolgen, heißt es in einer Stellungnahme aus beiden Häusern. „Fördertechnisch ist ein umfangreicher „Werkzeugkasten“ erforderlich, der auf verschiedenen Ebenen ansetzt.“ Dabei wird auch an Flurbereinigungsmaßnahmen gedacht. Damit sollen Flächennutzungskonflikte zwischen Landwirtschaft und Moorbodenschutz aufgelöst werden.

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Den Moorschützern sei klar, dass die Veränderungen für die Landwirtschaft gigantisch seien, sagt Gaudig. Zum Beispiel dürfte die Zahl des Milchviehs in der Weser-Ems-Region deutlich zurückgehen. Stattdessen müssten Anbautechniken und Kulturen gefunden werden, die mit dem Moorschutz vereinbar sind. Etwa die Paludikultur, bei der zum Beispiel Torfmoose angebaut werden - ein gefragter Rohstoff für die Substrat- und Gartenbauindustrie, denn Torfmoose können Torf ersetzen. Auch der Rohrkolbenanbau könne ein neuer Erwerbszweig sein, sagt Gaudig. Durch sein Luftgewebe sei Rohrkolben sehr gut für die Herstellung von Dämmplatten geeignet.

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Von der Wiedervernässung sind 100.000 Menschen betroffen

Denkbar sei aber auch, dass die Landwirte Geld vom Staat oder aus dem Kohlenstoff-Zertifikate-Handel dafür bekommen, dass sie ihre Flächen wiedervernässen. „Es ist klar, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die Landwirtschaft klimagerecht umzubauen. Das kann man unmöglich auf die Landwirte alleine abwälzen“, sagt Gaudig.

Landvolk-Präsident Hennies macht auf einen anderen Umstand aufmerksam: In Niedersachsen gehe es nicht nur um einzelne landwirtschaftliche Flächen. Teils müssten im Nordwesten des Landes große Flächen wiedervernässt werden, was auch Auswirkungen auf die Siedlungen habe. „Das heißt, Sie brauchen ganz andere wasserbauliche Konzepte in Niedersachsen.“ Betroffen seien 100.000 Menschen. Welche Flächen sich zur Renaturierung der Moore eignen und wie sich das wasserbaulich umsetzen lasse, dafür müsse das Land Konzepte entwickeln. Die Aufgabe sei gigantisch. „Eigentlich brauchen wir eine Landesmoorgesellschaft, die sich um diese Konzepte kümmert.“

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„Das Moor muss nass – und zwar sofort“

Welche Kosten auf das Land zukommen, lasse sich derzeit nicht konkret abschätzen, heißt es aus dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium. Vieles sei noch ungeklärt - das Land wisse zum Beispiel noch gar nicht, welche Flächen für mögliche Klimaschutzmaßnahmen in Mooren relevant seien. Auch den Zeitbedarf für diese Klimaschutzmaßnahmen kann die Landesregierung noch nicht konkret abschätzen.

Dabei drängt die Zeit. „Im Moorschutz gilt das Motto: „Das Moor muss nass - und zwar sofort““, sagt Gaudig. Je mehr Zeit verstreiche, desto mehr Kohlendioxid-Emissionen gingen in die Luft.

Von RND/Elmar Stephan/lni

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