Amtsgericht Verden

Asche vertauscht: Gericht verurteilt 57-Jährigen wegen Störung der Totenruhe

Eine für eine Bestattung vorbereitete Urne steht auf einem Friedhof (Symbolbild).

Eine für eine Bestattung vorbereitete Urne steht auf einem Friedhof (Symbolbild).

Verden. Wegen Störung der Totenruhe ist ein ehemaliger Bestatter aus Achim bei Bremen am Mittwoch in einem Prozess vor dem Amtsgericht verwarnt worden. Außerdem verhängte Richterin Johanna Horsthemke gegen den 57-jährigen Angeklagten eine Geldstrafe in Höhe von 2.000 Euro, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Mann gab zu, in acht Fällen Urnen mit der Asche Verstorbener vertauscht und in falschen Gräbern beigesetzt zu haben. Entlastend wirkte sich die schwere Depression aus, unter der der Angeklagte seit Jahren leidet.

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Der Prozess lief aufgrund des Corona-Infektionsschutzes in einem Saal des Landgerichtes der Kreisstadt Verden, weil dort mehr Platz ist. Die Krankheit sei keine Entschuldigung für die Taten, erkläre sie aber, führte die Richterin aus. Zum Strafmaß sagte sie, der Angeklagte sei geständig, habe deutlich Reue gezeigt und sei strafrechtlich unbescholten. Er habe in einer psychischen Druck- und Notsituation gehandelt. Auf Störung der Totenruhe steht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Der Mann wurde zeitweise medikamentös behandelt, hat sich aber selbst aus der Therapie entlassen. Begonnen hatte nach Angaben des Verteidigers Michael Brennecke alles bei einer Beerdigung, die komplett vorbereitet war – nur die Urne des Verstorbenen fehlte noch. Der Angeklagte habe aufgrund seiner Depression nicht die Kraft aufgebracht, das den Angehörigen zu sagen und den Termin zu verschieben. Die Hinterbliebenen hätten sich auf eine schnelle Bestattung eingestellt.

Ein Fehler löst Kettenreaktion aus

So sei eine andere Urne beerdigt worden. Das habe sich in den folgenden Jahren wie in einer Kettenreaktion fortgesetzt. Der gesamte Vorgang und dass Angehörige in vielen Fällen am falschen Grab getrauert hätten, tue dem Angeklagten unendlich leid. Brennecke ergänzte, er persönlich sei verwundert, dass es offensichtlich keine Kontrollen in einem so hoch sensiblen Bereich gebe. Aufgedeckt wurden die Fälle letztlich durch Unregelmäßigkeiten, die der Feuerbestatter bemerkte.

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Während der Einlassungen seines Verteidigers kamen dem Angeklagten die Tränen. Mittlerweile hat der Mann seine Lizenz als Bestatter verloren, sein Unternehmen ist insolvent. „Er ist wirtschaftlich ruiniert und gesellschaftlich stigmatisiert“, fasste sein Rechtsanwalt zusammen. Er lebe von gelegentlichen Tischlerarbeiten und Mieteinnahmen. Ihm sei aber immer wichtig gewesen, die Urnen zu bestatten und nicht einfach verschwinden zu lassen.

Gibt es noch deutlich mehr Fälle?

Einziger Zeuge vor Gericht war ein Polizeibeamter. Er bestätigte, dass schon die erste Vernehmung des Beschuldigten aufgrund der Depression schwierig gewesen sei. Bei einer Durchsuchung des Bestattungsinstituts habe sich den Beamten ein chaotisches Bild geboten. Bei einer zweiten Vernehmung habe der geständige Mann gestammelt: „Alle sind unter der Erde, alle sind unter der Erde.“

Bis heute ist nicht klar, ob es noch mehr Urnen gibt, die in falschen Gräbern bestattet wurden. Richterin Horsthemke vermutete „eine Vielzahl von Fällen, die noch gar nicht aufgedeckt worden sind“. Die im Prozess erwähnten acht Urnen konnten zwischenzeitlich aufgrund beigefügter Schamottsteine mit Nummern eindeutig identifiziert, exhumiert und ordnungsgemäß beigesetzt werden.

Der Vorwurf des Betrugs in einem Fall wurde fallengelassen. Der Angeklagte akzeptierte das Urteil. Die Staatsanwaltschaft will binnen einer Woche entscheiden, ob Rechtsmittel eingelegt werden.

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Von RND/epd

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