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Thema des Tages Weltalzheimertag: Und plötzlich ist die Mutter das vierte Kind
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08:22 07.09.2019
Ein 24-Stunden-Job: Annett Olders aus Gifhorn pflegt ihre an Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter zu Hause. Quelle: Cagla Canidar
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Peine/Gifhorn

Den 70. Geburtstag ihrer Mutter wird Annett Olders nie vergessen. Da lebten ihre Eltern noch mehr als 300 Kilometer entfernt. Die erhoffte schöne Geburtstagsfeier, zu der sie samt Familie anreiste, endete in einem ersten leisen Zweifel: „Da stimmt doch etwas nicht.“ Was nicht stimmte: „Die Vorbereitung war eine Katastrophe. Der Kühlschrank fast leer.“ Annett Olders schob es auf den Stress.

Als ihr Vater starb, rutschte ihre Mutter in ein Loch. Sie reiste häufiger hin, um nach dem Rechten zu schauen. Das Gefühl, das sie heute als „komisch“ beschreibt, verstärkte sich. Immer mehr funktionierte nicht mehr im Alltag so wie gewohnt. Fast täglich musste sie ihre Mutter mehrfach am Telefon zum Einhalten von Terminen und Essen und Trinken mahnen. Dann ging sie der Sache auf den Grund. Dann nach einem Klinik-Check stand die Diagnose fest: Die damals 72-Jährige leidet an Alzheimer-Demenz. „Vermutet hatte ich es da schon.“ Sie und ihre Familie fällten die Entscheidung, die heute 77-jährige Seniorin zu sich nach Gifhorn zu holen.

Immer alles im Blick behalten

Und seitdem steht der Alltag der dreifachen Mutter und der kompletten Familie Kopf. Die Mutter, Pflegegrad 3, weiß nicht mehr, ob und wann sie gegessen hat. Zähneputzen, anziehen - ganz alltägliche Dinge müssen rund um die Uhr kontrolliert werden. Anstupsen, damit ihre Mutter mal in den Garten geht ist das eine - „aber dann muss ich das auch immer im Blick behalten“, sagt die 44-Jährige. Gut, dass sie ihr liebevolles Wesen behalten habe. Da kennt sie ganz andere Fälle, bei denen Erkrankte sogar aggressiv werden.

Das Familienleben ist eingeschränkt

Mal eben aus dem Haus gehen und die Mutter alleine lassen - geht nicht. Aktivitäten mit der Familie am Wochenende - keine Chance. Annett Olders ist eine Powerfrau, aber da hadert sie mit der Situation. Viel Entlastung und Stütze erhält sie Dank des Seniorendienstes „Kümmern und So“ in Gifhorn. „Aber gerade am Wochenende fehlt allgemein im System Unterstützung“, bemängelt die Gifhornerin. Ein Spagat für die gesamte Familie. Sogar in den Urlaub fahren die Familienmitglieder inzwischen getrennt, um allen Beteiligten gerecht zu werden.

Weltalzheimertag: Die Pflege zu Hause hat für die Angehörigen eine Vielzahl an Folgen. Quelle: Getty Images

„Der Rollentausch ist komisch“

Die Mutter als viertes Kind, das im Gegensatz zu Kindern jedoch alles verlernt statt dazu zu lernen - „der Rollentausch ist komisch, aber man wächst da rein“. Noch ist die Mutter körperlich fit und aktiv, die krankheitsbedingten Aussetzer gut zu handeln, sagt sie. „Sie kann eben nichts dafür.“ Ein Fortschreiten der Alzheimer-Demenz mag sie sich aktuell noch nicht ausmalen. Die Mutter mal ins Pflegeheim zu geben, das wäre für Annett Olders ein harter Schritt. Bei „Kümmern und So“ lässt sie sich in einer Schulung Tipps für den Umgang mit Dementen geben. Bettina Welminski von „Kümmern und So“ wirft ins Gespräch ein: „Man muss aufpassen, dass der Pflegende nicht auch noch krank wird.“

„Es wird nicht einmal gesagt: Das ist schön, dass ihr pflegt“

„Sie und ihre Kollegin Antje Schmidt verstehen auch den Ärger von Annett Olders über mangelnde Hilfe der Kassen, den Dschungel an Anlaufstellen, um Kosten abzurechnen. Dabei gehe es doch um die Generation, die so viel geleistet habe, da fehlt ihr die Anerkennung. „Wir sparen in Deutschland am falschen Ende.“ Ihr Appell an alle, weil Demenz künftig häufiger auftreten wird: „Jeder sollte sich schon jetzt damit auseinandersetzen.“

„Es wird nicht einmal gesagt: Das ist schön, dass ihr pflegt“, sagt die 44-Jährige enttäuscht. Wie gut, dass es da „Kümmern und So“ gibt. Bettina Welminski begleitet Annett Olders und ihre Mutter und bestärkt die 44-Jährige: „Seien Sie sicher, ihre Mutter ist ihnen sehr dankbar für alles, was sie tun. Ich spüre das.“

Wenn das Gehirn verrückt spielt

Die Alzheimer-Krankheit (benannt nach dem Neurologen Alois Alzheimer) basiert auf einer hirnorganischen Erkrankung. Zum Krankheitsbild gehören Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Sprachstörungen, Störungen des Denk- und Urteilsvermögens sowie Veränderungen der Persönlichkeit. Diese Störungen sind bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt und nehmen im Verlauf der Erkrankung zu. Sie machen die Bewältigung des normalen Alltagslebens immer schwieriger. Aber es gibt eine Vielzahl weiterer Demenzformen, die je nach Alter, Konstitution und Lebensbedingungen stark variieren können.

Einen Überblick mit vielen Infos und Tipps gibt die Alzheimer-Gesellschaft unter www.deutsche-alzheimer.de.

Hohenhameln: Sinnesparcours geöffnet

In Hohenhameln wird die Generationenhilfe Börderegion e. V. in Kooperation mit der Pflegeeinrichtung „Haus am Pfingstanger“ (Meierkamp 6 in Hohenhameln) am Samstag, 21. September, ab 15 Uhr eine gemeinsame Aktion durchführen. Zusammen mit der Realschule Hohenhameln hat der Verein auf dem Gelände der Pflegeeinrichtung einen Sinnesgarten angelegt, der anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages wieder der Öffentlichkeit zugänglich ist. Der Verein wird mit einem Informationsstand zum Thema Demenz dort vertreten sein. Bei dem Herbstfest tritt auch der Shanty-Chor Bolzum auf.

Der Paritätische in Peine bietet ein Projekt HilDe-Hilfen bei Demenz an. Am Donnerstag, 12. September, wird für die Gruppe ein kleines Konzert mit einer Tischharfenspielerin (Christiane Rosenberger) organisiert. Dieses wird vormittags, während der normalen Gruppenzeit in den Räumlichkeiten der Rheumaliga Peine stattfinden.

Von Andrea Posselt

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