Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Stadt Peine Wenn aus Arbeitsalltag Kunst wird
Stadt Peine Wenn aus Arbeitsalltag Kunst wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:41 26.03.2019
Ehemalige Stahlwerker und Künstler begegneten sich zum Gedankenaustausch.
Ehemalige Stahlwerker und Künstler begegneten sich zum Gedankenaustausch. Quelle:  Birthe Kussroll-Ihle (9)
Anzeige
Peine

Die Sirene heult durch die geöffnete Tür des Peiner Stahlwerks. Sie tönt in den langen Flur, in dem Bilder, Skulpturen und Fotos entlang der beiden Fensterfronten platziert sind, die zugleich den Blick auf das Außengelände gewähren. Einen Moment unterbricht sie die Unterhaltung der Betrachter. Drei ehemalige Mitarbeiter des Stahlwerks trafen sich anlässlich der Vorbereitungen für die Ausstellung „Hot Stuff - Kunst im Stahlwerk“ - die am kommenden Wochenende zwei Tage im Informationszentrum der Peiner Träger GmbH (PTG) stattfindet - mit fünf Künstlerinnen von KiP, Kunst im Peiner Land“ zum Gedankenaustausch – eine nicht alltägliche Begegnung voller Erinnerungen, Emotionen, Wissen, Sichtweisen und Inspiration für alle Beteiligten.

„Wenn die Sirene geht, wird vor jedem Aufguss die Anlage getestet, das Geräusch ist mir noch ganz gegenwärtig“, sagt Thomas Klar, ehemaliger Energieanlagenelektroniker, der seit 17 Monaten im Ruhestand ist. Der 62-Jährige hat bereits 1972 seine Lehre als Starkstromelektriker im Stahlwerk absolviert, erinnert sich: „Jeden Tag hat mich etwas Neues erwartet, Sorgen wurden gesammelt und wenn der Fehler nicht behoben werden konnte, ging die Arbeit damit an die Nachfolgeschicht über.“ Geräusche, wenn es funkt, pufft, zischt, dazu Gerüche, Feuer, Funken, Stahl, Schlacke und Schrott, Maschinen, Menschen und Materialien, gepaart mit dem Farbenspiel in Gelb, Rot und Schwarz – dieses Gesamtgefüge war Anlass für die KiP-Initiatorinnen Britta Ahrens und Sabine Effenberger, eine Ausstellung im und über das Stahlwerk sowie seine Beschäftigten zu initiieren. Mit Unterstützung von Gabriele Handke, stellvertretende Betriebsrätin, nahmen unlängst rund 25 Maler, Bildhauer und Fotografen an einer Führung durch das Stahlwerk teil, bei der sie die Erlaubnis zum Fotografieren hatten. Auf der Grundlage der Aufnahmen sind die Werke für die Ausstellung entstanden.

Viele Erinnerungen der Ehemaligen kommen zutage

„Ob es die Stranggießanlage, die gigantischen Eimer, die Stahlproduktion, der flüssige Stahl oder die glühenden Brammen sind, man erkennt vieles auf den Bildern wieder“, bemerkt Wolfgang Selle, ehemaliger Hüttenfacharbeiter und Betriebsassistent des Materiallagers, der 1954 schon im Stahlwerk gelernt hatte. „51 Jahre und 11 Monate war ich hier beschäftigt, ich kenne noch die braune Wolke über Peine“, erinnert sich der 79-Jährige.

Die technischen Veränderungen bei der Stahlproduktion, die Weiterentwicklung beim Abtransport der Schlacke von Ofen Eins und Ofen Zwei habe er miterlebt. Kunst aus Stahl? „Da fallen mir die sogenannten Stahlspritzer-Uhren ein, die bei vielen von uns im Wohnzimmer hingen“, weiß Selle und Klar ergänzt: „Ja, die Proben wurden mit langen Löffeln entnommen.“

Künstler mit Interesse für Details

Der gelernte Dreher Udo Hummel bemerkt mit einem Fingerzeig: „Hinter der Doppeltür beginnt die Stranggießanlage, ich habe sie mit in Betrieb genommen.“ Als Springer für die Anlagen sei er bis 2013 tätig gewesen. „Ich war überrascht, welche Details die Künstler interessiert haben, zum Beispiel der für uns natürliche Staub auf den Fenstern“, sagt Handke. Die Wahrnehmung über das flirrende Sonnenlicht, das besonders im Sommer durch die Fenster bricht und jeden Sonnenstrahl mit Staub benetzt, ist polarisierendes Thema.

 Kunstschaffende haben Eindrücke vom Stahlwerk in verschiedenen Kunstformen umgesetzt. Vorab haben sie das Werk besichtigt und Eindrücke gesammelt.

Die ehemaligen Stahlwerker assoziieren mit dem Staub die Entstaubungsanlage, Messungen zu ihrer Sicherheit an den Arbeitsplätzen, Schutzmasken für besonders staubbelastete Einsatzbereiche, Husten und viel Schwarz in Taschentüchern beim Naseputzen. „Wie Schneegestöber“ empfindet eine Künstlerin indes das Ergebnis einer Blitzaufnahme im Stahlwerk, die dem Staub aus der Perspektive etwas Bizarres verleiht. Aufwirbelnde Assoziationen und viel Aufsehen – Kunst im Stahlwerk ist nicht Alltäglich.

Von Birthe Kussroll-Ihle