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Stadt Peine „Schtonk!“: Temporeiche Fälscherkomödie in den Peiner Festsälen
Stadt Peine

„Schtonk!“: Temporeiche Fälscherkomödie in den Peiner Festsälen

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20:00 04.12.2021
Der Plan zum Coup beginnt zu reifen (v.l.): Starreporter Hermann Willié (Luc Feit) und Kunstfälscher Fritz Knobel (Carsten Klemm).
Der Plan zum Coup beginnt zu reifen (v.l.): Starreporter Hermann Willié (Luc Feit) und Kunstfälscher Fritz Knobel (Carsten Klemm). Quelle: Sylvia Knapek-Wodausch
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Viel Tempo, schnelle Dialoge und ein gut aufgelegtes Schauspielensemble: Der Kulturring präsentierte in den Peiner Festsälen die Theaterkomödie „Schtonk!“, eine vor wenigen Jahren entstandene Bühnenfassung über verschollene Tagebücher Adolf Hitlers und – wie sich später herausstellt – eine mediale Jahrhundertfälschung.

Zur Geschichte: Im April 1983 erklärte das Magazin „Stern“, dass sich die geheimen Tagebücher von Adolf Hitler in seinem Besitz befänden – und veröffentlichte sie wenige Tage später. Nach nur zwei Wochen wurden sie als Fälschung entlarvt und Deutschland hatte seinen größten Medienskandal. Aus dieser bizarren und für das Magazin teuren Geschichte entstand 1992 eine mehrfach ausgezeichnete Filmsatire von Helmut Dietl und später ein Theaterstück. Das kongeniale Gespann damals – der gefeierte Starreporter Gerd Heidemann und der begabte Kunstfälscher Konrad Kujau – ergänzte sich in einer verhängnisvollen Weise.

Wegen Corona kamen nur etwa 60 Zuschauer in die Peiner Festsäle. Quelle: Sylvia Knapek-Wodausch

Unter den aktuellen und verschärften Corona-Regeln blieben viele Besucher den Festsälen fern und so kamen nur etwas über 60 Gäste, die ausgezeichnet unterhalten wurden. Im Theaterstück verbindet sich der Skandalreporter Hermann Willié (herrlich abgehalftert: Luc Feit) aus einer finanziellen Notlage heraus mit einem vermeintlich ehrbaren Verkäufer von Antiquitäten und historischen Andenken – gerne auch aus Hitlers Zeiten. Dieser dubiose Fritz Knobel (Carsten Klemm) gibt sich als „offizieller Kunstmaler des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg“ aus.

Zupackendes Ensemble des Euro-Studio Landgraf

Beide erhoffen sich aus ihrem Zusammentreffen eine profitable Teamarbeit, beide verschließen im richtigen Moment ihre Augen und Ohren und haben im richtigen Moment die richtige Idee: Warum soll es keine Tagebücher von Adolf Hitler geben? Sind nicht einige eiserne Kisten aus seinem Besitz bei einem Flugzeugabsturz verschwunden? Schneller Szenenwechsel und ein zupackendes Ensemble des Euro-Studio Landgraf bringen die Geschichte zielstrebig voran. Und so erblicken rund 60 Tagebücher aus der „eigenhändigen“ Feder eines Adolf Hitlers das Tageslicht und finden schnell einen Käufer.

Kunstfälscher Fritz Knobel (Carsten Klemm) und seine Frau Biggi (Iris Boss). Quelle: Sylvia Knapek-Wodausch

Das ist Chefsache der „Stern“-Chefetage. Wer wollte nicht erfahren, dass auch ein Hitler eine Intimsphäre hatte und seine Blähungen im Darmbereich beschrieb? Die Nachfrage bestimmt das Angebot und so wird Tag und Nacht an den Büchern geschrieben. Ein überragender Erfolg für beide! Kunstfälscher Knobel schreibt, malt, dichtet und unterscheidet bald nicht mehr zwischen Wahrheit und Hitlers Wahnsinn. Seine Realität kollabiert, seine Zerrissenheit auf der Bühne ist spürbar, während Starreporter Willié um geistliche Hilfe und Absolution sucht. Bis das Lügengespinst in sich zusammenfällt und die Tagebücher als das entlarvt werden, was sie sind: Fälschungen. In diesem Sinne: „Schtonk“!

Von Sylvia Knapek-Wodausch