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Stadt Peine Nazi-Lehrer enttarnt: Stadt Peine ehrt Jürgen Gückel mit Bodenstedt-Preis
Stadt Peine Nazi-Lehrer enttarnt: Stadt Peine ehrt Jürgen Gückel mit Bodenstedt-Preis
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13:14 07.01.2020
Der Neujahrsempfang der Stadt Peine im Forum: Autor und Journalist Jürgen Gückel (rechts) wurde mit dem Bodenstedt-Preis ausgezeichnet. Quelle: Ralf Büchler
Peine

Er hat jahrelang recherchiert, Spuren verfolgt, nach Erinnerungen geforscht – und am Ende seinen Stederdorfer Grundschullehrer als Nazi-Gewaltverbrecher entlarvt. In seinem Buch „Klassenfoto mit Massenmörder“ hat der Peiner Journalist Jürgen Gückel diese Geschichte geschildert. Am Montagabend ist ihm beim Neujahrsempfang der Stadt Peine für sein Werk der Bodenstedt-Preis verliehen worden.

„Herr Gückel schrieb ein Buch der ganz besonderen Art“, sagte Peines Bürgermeister Klaus Saemann (SPD) bei der Preisverleihung. „Es macht auch deutlich, dass Täter und Opfer diese schreckliche Zeit einfach hinter sich lassen wollten.“ Tatsächlich war Gückel während der Arbeit an dem Buch häufig Unwillen begegnet, die „alten Geschichten“ aus der Nazi-Zeit wieder aufzuwärmen. Man solle doch Rücksicht auf die Nachkommen der Täter nehmen, hieß es da etwa, schließlich wohnten die Familien noch immer im Ort. Aber Jürgen Gückel ließ sich nicht aufhalten, denn er hatte ein ganz persönliches Anliegen: Das Bild in seinem Kopf, wie während des Unterrichts sein Lehrer Wilke verhaftet und abgeführt wird, passte einfach nicht zu den Daten und Fakten, die der Journalist von Mitschülern, aus Dokumenten und Interviews zusammentrug.

Die Preisträger des Abends

Der erste Preisträger des Peiner Bürgerpreises ist Siegfried Menzel. Der ehemalige Leiter der Kämmerei der Stadt Peine ist Gründungsmitglied des Peiner Fördervereins für Jugend und Kultur und bestimmt dort bis heute die finanziellen Geschicke des Vereins maßgeblich mit. 

Der zweite Preisträger ist Lutz Seidel, der aufgrund seiner fast 30-jährigen ehrenamtlich Tätigkeit in der Bäcker-Innung Peine und jetzt in der Bäcker-Innung Braunschweiger Land geehrt wurde.

Hans-Jürgen Glapa überzeugte durch sein Engagement für den Schuldienst und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW – und das seit knapp drei Jahrzehnten.

Als herausragender Einzelsportler wurde Jens Zimmermann für den internationalen Meistertitel in der 50 Kilogramm-Klasse und nebenbei noch für Platz 7 bei der Europameisterschaft geehrt.

Zudem hat man zwei Jugendmannschaften für ihre sportlichen Erfolge geehrt. Die Trampolinmannschaft des MTV Vater Jahn Peinewurde Deutscher Meister 2018, und so erhielten Lea Asche, Leah Abel sowie Sheridan Kola gemeinsam mit ihrer Trainerin Daniela Kola die Mannschafts-Ehrung.

Die zweite Jugendmannschaft des Jahres ist das Kata Team des Judo-Clubs Peine. Das Team setzt sich aus Sonja Schacht und Bennett Brandes zusammen, die für ihren Titel „Deutscher Meister 2019“, gemeinsam mit ihrem Trainer Jan Smeikal geehrt wurden.

Die Kreise, die Gückel auf der Suche nach der Wahrheit zog, wurden immer größer, führten ihn in Archive in der ganzen Bundesrepublik und offenbarten schließlich das Unglaubliche: Der vermeintliche Lehrer Wilke hatte die Identität seines gefallenen Bruders angenommen, um der Bestrafung durch die Siegermächte nach Kriegsende zu entgehen. Denn in Wirklichkeit war er kein harmloser Dorfschullehrer, sondern ein brutaler NS-Massenmörder, der mindestens 6600 Menschen getötet hat oder töten ließ.

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Die Erkenntnis, wie nah ein solcher Mensch den Stederdorfer Volksschülern, seinen Nachbarn und sogar seiner eigenen Familie gekommen war, ohne dass jemand Fragen stellte, ist das eigentlich Atemberaubende an Gückels Buch. „Es hat der Stederdorfer Ortsgeschichte im Nachkriegsdeutschland eine völlig neue Facette hinzugefügt“, sagte auch Saemann in seiner Laudatio.

Überwältigt von der Auszeichnung

Autor Gückel selber ist ganz überwältigt von der Auszeichnung mit dem Bodenstedt-Preis. „Das ist eine ganz besondere Anerkennung, in meiner Heimatstadt so geehrt zu werden, nachdem ich jahrzehntelang woanders gearbeitet habe“, sagte er der PAZ. Der Erfolg des Buches liege für ihn aber vielmehr in dem Beitrag zur Diskussion über die NS-Zeit in Deutschland und die Frage, was uns das heute noch angeht. Besonders die interessierte Reaktion vieler junger Leute habe ihn regelrecht gerührt, schildert der Stederdorfer.

Zahlreiche Besucher fanden sich am Montagabend zum Neujahrsempfang der Stadt im Peiner Forum ein.

Obendrein ist das Buch auch wirtschaftlich erfolgreich. Der wissenschaftliche Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, bei dem „Klassenfoto mit Massenmörder“ im September erschienen ist, druckt jetzt bereits die zweite Auflage – ganz ungewohnt für ein Haus, dessen Erzeugnisse sonst eher auf der langen Strecke Erfolg haben. In der PAZ ist am Montag die letzte Folge des Buches erschienen, das als Fortsetzungsroman abgedruckt wurde.

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Das Thema „Umgang mit der Nazi-Zeit“ bleibt aber aktuell – darum lädt die PAZ für Dienstag, 14. Januar, um 19.30 Uhr zu einer Diskussion über die Frage „Verdammt lang her – oder doch nah dran?“ ins Peiner Kreismuseum ein. Außer Jürgen Gückel werden Dr. Jens Binner vom Kreisheimatbund und Stederdorfs Ortsbürgermeister Holger Hahn über die Impulse sprechen, die das Buch über den falschen Lehrer für die Betrachtung der braunen Zeit im Peiner Land gegeben hat.

Von Stefanie Gollasch

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