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Stadt Peine „Mittel verursacht Übelkeit und Erbrechen“
Stadt Peine „Mittel verursacht Übelkeit und Erbrechen“
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22:00 19.10.2017
Die beiden Angeklagten (35 und 43 Jahre) mit ihren Anwälten (Mitte) im Gerichtssaal.   Quelle: Wiebke Barth
Peine/Hildesheim

Das Mittel MMS (Miracle Mineral Supplement) reizt die Schleimhäute, wirkt ätzend und kann zu Übelkeit und Durchfall führen. Das hat Prof. Dr. Sönke Behrends, Facharzt für Pharmakologie und Wissenschaftler an der TU Braunschweig, im Prozess erklärt. Zwar sei die intravenöse Gabe des in MMS enthaltenen Natriumchlorit erlaubt für Patienten, die an amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt seien, erklärte der Sachverständige. Doch bei dieser Darreichung würden die Schleimhäute nicht betroffen. Zudem handele es sich um eine sehr schwer verlaufende Krankheit und es gebe schwache Hinweise auf eine positive Auswirkung des Mittels.

Besonders gefährlich sei MMS2, das allerdings nur einen geringen Teil der zwischen 2008 und 2014 bei den Angeklagten bestellten Mengen ausmachte.

Das Calciumhypochlorit in den Kapseln reagiere mit Magensäure zu giftigem Chlorgas und könne zur Magenperforation führen. Außerdem gebe es Interaktionen mit anderen Medikamenten, die dadurch wirkungslos werden könnten. Gefährlich sei auch die große Menge Wasser – 600 Milliliter acht Mal am Tag – die Patienten laut Dosierungsanleitung zu den Kapseln trinken sollen. Für Kinder oder Menschen mit Herzinsuffizienz könne diese Menge tödlich sein.

Die Verteidiger der beiden Brüder wiesen darauf hin, dass keine Beschwerden von Käufern bekannt seien. Das sei nicht verwunderlich, meinte Prof. D. Behrends. Einerseits werde in der Packungsbeilage schon auf Erbrechen und Durchfall als Folge hingewiesen. Andererseits sei es Patienten oft peinlich, dass sie ein nicht medizinisch anerkanntes Mittel eingenommen hätten.

Auch ein weit verbreitetes Arzneimittel wie Aspirin könne erhebliche Nebenwirkungen haben, wandte Anwalt Seelkopf ein. Das sei zwar zutreffend, aber hier gebe es auch erwiesenermaßen eine positive Wirkung, konterte Behrends.

Zuvor hatte der Vertriebsleiter einer in Karlsruhe ansässigen Chemikalienhandlung berichtet, das Unternehmen habe die Firma „Luxusline“ in Hildesheim bis 2011 mit Natriumchlorit beliefert: „Das ist eine Allerwelts-Chemikalie, damit werden Rohrleitungen gereinigt.“

Wegen der toxischen Wirkung musste der Käufer eine schriftliche Erklärung zur Nutzung abgeben. Darin hieß es, der Stoff werde zur Trinkwasseraufbereitung und im Schwimmbadbereich eingesetzt. Als der Händler von der Verwendung in MMS erfuhr, lieferte er nicht mehr.

Eine Mitarbeiterin des Landkreises Peine berichtete, eine Warnung aus Österreich wegen des problematischen Handels sei 2011 eingegangen. Sie habe einen Testkauf gemacht und erinnere sich an den beißenden Gestank: „Ich hatte den ganzen Abend ein Kratzen im Hals.“ Der Landkreis zeigte die Händler an.

Dem Antrag der Verteidigung, das Verfahren einzustellen, kam das Gericht nicht nach. Ob es sich beim Verkauf der Substanzen um Straftaten handele, soll die Beweisaufnahme ergeben.

Von Wiebke Barth

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