Kulturring Peine: „Aus dem Nichts“ sorgt für Stille in den Festsälen
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Stadt Peine Parallelen zu NSU-Morden: Drama „Aus dem Nichts“ sorgt für Stille in den Festsälen
Stadt Peine Parallelen zu NSU-Morden: Drama „Aus dem Nichts“ sorgt für Stille in den Festsälen
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17:45 22.10.2019
Der Vater (Martin Molitor) des angeklagten André Möller (Philip Wilhelmi, 2.v.r.) vermutete seinen Sohn als Täter und gab der Polizei Hinweise. Quelle: Antje Ehlers
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Peine

Zwei Menschen sind tot. Vater und Sohn, kurdischer Abstammung, mit deutscher Nationalität und fest integriert. Ums Leben gekommen sind sie bei einem Anschlag in einer Straße mit türkischen und kurdischen Geschäftsleuten. Ein Szenario, wie es in vielen deutschen Städten – auch in Peine – denkbar wäre. Das dürfte auch so manchem Theaterbesucher der Vorstellung „Aus dem Nichts“ bewusst geworden sein, der die Festsäle durch die Neue Straße in Richtung Südstadt verlassen hat.

Film ist preisgekrönt

Das Drama nach dem gleichnamigen preisgekrönten Film von Fatih Akin lehnt in der Bühnenfassung von Miraz Bezar zwar an die filmische Vorlage an, ist jedoch eine eigene Erzählung. Es bot keine leichte Kost für das Peiner Publikum, und das kündigte auch Theaterleiter Dr. Thomas Renz in seiner kurzen Einführung an. Ihm sei zwar bewusst, dass „mit schweren Stücken das Theater nicht vollzukriegen“ sei. Zum Hintergrund: Der Saal war halb voll.

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Renz wolle aber erreichen, dass sich eine Kleinstadt wie Peine mit weltbewegenden Themen befasse. „Es ist sehr beängstigend, dass die Befürchtung, dass rechter Terror in Vergessenheit gerät, sich gerade durch die jüngsten Anschläge auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die Attentate in Halle nicht bestätigt“, so der Theaterleiter.

Opfer gerät in Fadenkreuz der Ermittlungen

Zum Stück: Katja (Anna Schäfer) verliert bei einem Anschlag ihren Mann Nuri und Sohn Rocco. Während sie meint, die Täterin vor dem Haus Geschäft ihres Mannes erkannt zu haben und der Polizei entsprechende Hinweise gibt, gerät sie selbst ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Katja vermutet aufgrund eigener Recherchen die Täter in der rechten Szene, die Arbeit der Polizei konzentriert sich jedoch auf das Drogenmilieu.

Selbst Katjas Mutter (Maika Troscheit) vermutet aufgrund eines Zeitungsartikels einen kriminellen Hintergrund ihres verstorbenen Schwiegersohns. Es kommt zum Zerwürfnis mit ihrer Tochter. Auch mit Birgit (Constanze Aimée Feulner), ihrer besten Freundin und anfangs eine große Unterstützerin, überwirft sich Katja schließlich. Einzig Danilo, Anwalt und Freund ihrer Familie, bleibt an ihrer Seite.

Ahnung bestätigt sich

Die Täter werden gefasst, es bestätigt sich, dass der Anschlag rechtsmotiviert war. Den Prozess jedoch gewinnen die Angeklagten und kommen frei, die Tat kann ihnen nicht zweifelsfrei zugewiesen werden. Eine dritte Person soll beteiligt gewesen sein, die Identität bleibt unklar.

Nun plant Katja selbst ein Attentat auf die ehemals Verdächtigten, ob es dazu kommt, bleibt offen. Vielmehr gibt es einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der Verstrickungen von Politik und Justiz offenlegt und die Zuschauer fragend und nachdenklich hinterlässt. Das Stück ist auf Parallelen zu den NSU-Morden ausgelegt.

Stille im Theaterraum

Nach dem Ende des Stücks ist es minutenlang still im Theaterraum, es dauert eine Weile, bis der erste Zuschauer zaghaft anfängt zu klatschen. Nach und nach stimmen alle ein und erheben sich zu verdienten stehenden Ovationen für die Schauspieler, die mit hoher Identifikationen mit den Figuren und teils enormem körperlichen Einsatz zu überzeugen wussten. Ein berührender Abend.

Von Antje Ehlers