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Stadt Peine Die Frauenstation im Wandel der Zeit
Stadt Peine Die Frauenstation im Wandel der Zeit
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00:21 15.04.2019
Das erste Peiner Krankenhaus in der Sedanstraße: Obwohl Hausgeburten die Regel waren, gab es bei zehn Betten auch einen Raum für Entbindungen.
Das erste Peiner Krankenhaus in der Sedanstraße: Obwohl Hausgeburten die Regel waren, gab es bei zehn Betten auch einen Raum für Entbindungen. Quelle: privat
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Peine

Nun ist die Frauenstation des Klinikum Geschichte. Im Rahmen der aktuellen Krise des Peiner Klinikums wurde sie am Freitag geschlossen, begründet wird dies seitens der Geschäftsführung mit der angespannten finanziellen und besonders personellen Situation. Dies gab das Klinikum am Montag dieser Woche bekannt.

Adolf Stöhr, ehemaliger Verwaltungsdirektor des Klinikums, stellt aus seinem noch nicht herausgegebenen Buch über die Geschichte des Klinikums einige Daten zur Verfügung. So teilt er mit, dass die Geschichte der inzwischen drei Peiner Krankenhäuser 1887 an der Sedanstraße begann. Damals habe es insgesamt zehn Betten gegeben sowie einen Raum für Entbindungen. Die meisten Entbindungen hätten jedoch in häuslicher Umgebung stattgefunden, nur in medizinisch schwierigen Fällen sei eine Geburt im Krankenhaus erfolgt. Krankenhausärzte habe es damals noch nicht gegeben, die Hausärzte hätten ihre Patienten auch im Krankenhaus behandelt.

Erste Frauenklinik gab es 1928

1917 entstand an der Sundernstraße ein neues Krankenhaus mit 95 Betten, welches bis 1958 zunächst als Stadtkrankenhaus, von 1959 bis 1971 als Kreiskrankenhaus geführt wurde. Auch in diesem neuen Krankenhaus gab es zunächst nur einen Kreißsaal, gynäkologische Operationen wurden durch Allgemeinchirurgen durchgeführt.

1928 kam es dann zur Gründung einer Frauenklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, ein zweiter Kreißsaal wurde eingerichtet, die Bettenzahl auf 170 erhöht. Da dieses allgemeine Krankenhaus jedoch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs überbelegt war, verlegte man 1944 die Geburtshilfe wieder zurück in das frühere Stadtkrankenhaus an der Sedanstraße. Dort blieb sie bis 1953.

Auch einige Zahlen konnte Adolf Stöhr für sein Buch ermitteln. So habe es 1967 an der Sunderstraße 900 Geburten in mittlerweile drei Kreißsälen gegeben.

Landeskrankenanstalt mit Geburtshilfe

Parallel zum Stadtkrankenhaus wurde 1945 in Bülten auf dem Verwaltungsgelände von Schacht Emilie ein Lazarett eingerichtet, das ab 1946 als Landeskrankenanstalt Bülten weitergeführt wurde. Diese übernahm dann 1949 der Landkreis Peine als Kreiskrankenhaus mit 20 Betten und erweiterte es im Laufe der Jahre auf 220 Betten, fünf davon entfielen auf die Geburtshilfe. „1949 wurden dort 54 Kinder geboren“, konnte Stöhr ermitteln, 1959 (dem Jahr der Schließung) waren es 59 Kinder.

Im Jahr 1958 vereinbarten die Oberen von Stadt und Landkreis, dass zukünftig der Landkreis Peine allein für das Krankenhauswesen im Kreisgebiet zuständig sein solle, 1959 übernahm der Landkreis dann das Krankenhaus an der Sundernstraße. Das Kreiskrankenhaus in Bülten wurde geschlossen. Von 1958 bis 1969 gab es zusätzlich eine private Entbindungsklinik.

Zahl der Geburten war sehr schwankend

Die Mitglieder des Kreistages fassten 1961 den Beschluss, südlich des Mittellandkanals neu zu bauen. So entstand das Peiner Klinikum an seinem heutigen Standort. 1971 wurde es eingeweiht, von den damals 525 Betten entfielen allein 90 auf die Frauenklinik. „Es gab vier Kreißsäle und 40 Betten im Neugeborenen-Zimmer“, so Stöhr.

Mit der Zeit ist die Zahl der Betten immer weiter gesunken, zum Schluss waren es noch zwölf, Kreißsäle gab es drei. Im Laufe der Jahre war außerdem die Zahl der Geburten schwankend, der Höhepunkt bildete das Jahr 1993 mit 1103 in Peine geborenen Kindern.

Frauenklinik schließt unabhängig von Gutachten

Das Ergebnis des Sanierungsgutachtens der AKH-Gruppe liegt noch nicht vor, gehandelt wurde trotzdem schon: Ab sofort ist die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Peiner Klinikum geschlossen –nach über 90-jähriger Geschichte. Mit stetigem Geburtenrückgang und dem Aufsuchen der Patienten von Kliniken im Umkreis auch bei anderen gynäkologische Behandlungen wurden seitens der Geschäftsführung der Schritt begründet – ursprünglich hatte das AKH im Februar die Schließung der Klinik zum 30. Juni angekündigt. Zunehmende personelle Schwierigkeiten hätten laut AKH-Sprecher Ralf Kuchenbuch die frühere Schließung erforderlich gemacht.

Schließung unabhängig von Gutachten

Nachdem die Bettenzahl der Station immer weiter reduziert wurde, standen zum Schluss lediglich noch zwölf für die Patientinnen zur Verfügung, Kreißsäle für Entbindungen gab es drei. Im Zeitraum von 2016 bis 2018 kamen in Peine 1285 Kinder zur Welt, für wirtschaftliches Arbeiten hätten es etwa 900 mehr sein müssen.

Da die Schließung der Station unabhängig vom noch ausstehenden Ergebnis des Gutachten erfolgt, gebe es für die Beschäftigten keinen Sozialplan, teilte Kuchenbuch mit. Man hätte den Mitarbeitern anderweitige Stellen bei gleichen Gehalts- und Arbeitsbedingungen im Peiner Krankenhaus beziehungsweise innerhalb der AKH-Gruppe angeboten. Einige Hebammen hätten mittlerweile Anstellungen im Umland gefunden, war aus deren Umfeld zu erfahren.

Notfallbehandlung wird zugesichert

Für Notfälle stehe das Klinikum auch weiterhin zur Verfügung, betonte Sprecher Kuchenbuch. „Eine Notfallbehandlung erfolgt in jedem Fall. Möglicherweise wird die Patientin danach jedoch weiterverlegt.“

Das Bedauern über die Schließung der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist in Peine und Umgebung groß, lebhaft wurde in den sozialen Medien diskutiert oder sich in Lesebriefen geäußert. Die Peiner Landfrauen hatten ein Forderungspapier veröffentlicht, am 11. Mai wollen Mütter gemeinsam mit dem Hebammenverband und der Peiner Ortsgruppe der Gewerkschaft Verdi für den Erhalt beziehungsweise die Wiedereröffnung der Abteilung demonstrieren.

Von Antje Ehlers