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Stadt Peine Überlebenskunst: So kommt eine Großfamilie über die Runden
Stadt Peine Überlebenskunst: So kommt eine Großfamilie über die Runden
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07:57 11.09.2019
Überlebenskunst zwischen Sozialleistungen und Konsumdruck: Tanja Boegemann bringt sich und ihre fünf noch bei ihr lebenden Kinder über die Runden. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn/Peine/Wolfsburg

Kinderarmut ist bei aller Kaufkraft in Gifhorn, Wolfsburg und Peine ein Thema. Statistisch gesehen sind je nach Region neun bis 15 Prozent der Kinder von Armut betroffen. Fachleute sehen jedoch eine noch höhere Dunkelziffer.

„Wir können nicht wie andere einfach in den Heidepark fahren oder ins Kino gehen“, sagt Tanja Boegemann aus Gifhorn. Fünf ihrer acht Kinder im Alter von sechs bis 21 Jahren leben noch bei ihr. Bis zum Mai „war das Geld am Ende des Monats knapp, aber wir mussten den Cent nicht noch einmal umdrehen“. Da war die Familie noch komplett. Inzwischen hat sich die 44-Jährige von ihrem Mann getrennt. Jetzt fallen ihre Sprünge noch kleiner aus als sonst schon.

„Wir fahren gern zum Tankumsee.“ Das kostet nicht allzu viel. „Mit alten klapprigen Rädern. Die machen an allen Ecken und Enden Lärm, aber sie fahren.“ Mehr gibt Boegemanns Budget für Freizeit nicht her. Sie lebe von 2500 Euro im Monat aus Hartz IV, Unterhalt und Kindergeld. Nach 850 Euro Warmmiete für das Einfamilienhaus – für sie der einzige Luxus – und 170 Euro Strom bleibe nicht mehr viel übrig.

So sieht es in der Region aus

Boegemann ist nur ein Beispiel. Die Stadt Wolfsburg zahlt an 3628 Kinder Sozialleistungen von Hartz IV über Asylbewerberleistungen bis Wohngeld. Thomas Fast, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Brawo Stiftung, spricht davon, dass aktuell 14,7 Prozent der Kinder in der VW-Stadt betroffen sind.

Die Quote im Kreis Peine liege bei 15,2 Prozent (3679 betroffene Kinder). Zum Vergleich: Am schlimmsten in der Region trifft es Salzgitter mit 30 Prozent (5353 Kinder).

Fachleute warnen vor der Dunkelziffer

Der Kreis Gifhorn steht mit 2234 Kindern und 8,8 Prozent am besten da. Doch das sind nur die, die in der Statistik auftauchen, sagen Albert Meltzow und Holger Ploog, Manager von Kinderhilfsfonds in Kreis und Stadt Gifhorn. Ploog: „Leider kennen wir die Zahl derer nicht, die arbeiten und nur etwas mehr als die Regelsätze von Hartz IV und anderen Unterstützungsformen verdienen.“

Immer mehr Kinder bekommen Sozialleistungen: Laut Stadt Wolfsburg spielt die Steigerung von 42 Prozent seit 2009 bei den Fallzahlen bei Asylbewerberleistungen und Hilfe zum Lebensunterhalt eine Rolle. Fast sieht noch einen weiteren wichtigen Punkt: „Uns bricht die Mittelschicht weg. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Wir müssen gucken, dass diese Kinder nicht noch weiter abgehängt werden.“

Kinder sind dem Konsumdruck ausgeliefert

Die Gifhornerin Tanja Boegemann hat ihre liebe Müh und Not. Vor allem mit dem Konsumdruck, dem Kinder ausgeliefert sind. Bei den Töchtern wechsele die Kleidung auf die jüngere. Doch: „Gerade in der Schule müssen es Markenklamotten sein, sonst werden die Kinder gemobbt.“ Ebenso Smartphone: Ihr Vertrag ermögliche es ihr, alle zwei Jahre ein neues Gerät zu nehmen. Das Vorgängermodell gehe an die Kinder. „Ich versuche, ihnen das zu geben, damit sie nicht ausgelacht werden.“

Auch Lebensmittel sind eine Herausforderung. Zur Tafel? „Da komme ich nicht hin, ich habe keinen Führerschein“, sagt die Gifhornerin. Und dann die Schule: Für Tochter Leony (13) waren jetzt 78 Euro für jene Bücher fällig, in die Leony reinschreiben muss – „Ich versuche so viel Bücher wie möglich zu leihen“, sagt die Mutter –, sowie 80 Euro für Material. „Ich bekomme Gott sei Dank ’Bildung und Teilhabe’, und das wurde auch erhöht.“

Erstklässler holen in einer Schulmensa ihr Mittagessen ab – unterstützt vom Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes. Tausende Kinder in armen Familien im ganzen Land profitieren davon. Quelle: dpa (Archiv)

Ohne Spenden geht es nicht

Boegemann ist froh, dass es Institutionen wie das DRK und die AZ-Aktion Helfen vor Ort gibt. Mit Spenden komme sie über die Runden. Gerade bemühe sie sich um einen neuen Halbtagsjob, doch ihr ist klar: Sie wird weiter auf Unterstützung angewiesen sein. „Ich kann nur versuchen, es besser zu machen.“

Mittagessen und mehr: Diese Initiativen helfen armen Kindern

Seit vielen Jahren gibt es in der Region verschiedene Initiativen, die sich der Hilfe für Kinder aus armen Familien verschrieben haben. Ihre Projekte werden immer mehr, und damit ihr Spendenbedarf immer höher.

Der Kinderfonds der Stadt Gifhorn Kleine Kinder immer sattstartete vor elf Jahren mit einem Projekt: Für Kinder in 14 Kitas gab es damals ein warmes Mittagessen. Inzwischen zählt Fondsmanager Holger Ploog 14 Kernprojekte. Es geht nicht mehr allein um die tägliche Mahlzeit oder den Obstkorb. Die Ehrenamtlichen bieten Leseförderung, Schwimmunterricht, Selbstbewusstseinsstärkung und Hausaufgabenbetreuung.

Ähnlich hat sich der Kinderfonds des Landkreises Gifhorn Kinder brauchen Zukunftentwickelt. Er erwuchs aus dem 2004 gegründeten DRK-Kinderfonds für das tägliche Mittagessen in Kitas. Heute gibt es darüber hinaus Schulstarterpakete, Frühkindliches Augenscreening, Bewegungs-Angebote und Umweltbildung mit Tieren.

Auch die AZ-Aktion Helfen vor Ortsetzt sich für arme Kinder ein. Für 300 gab es in diesem Jahr finanzielle Unterstützung für Schulbücher, für 250 Finanzspritzen für Klassenfahrten – „Es melden sich immer mehr Schulen bei uns, damit arme Kinder mitkommen können“ –, für 500 Kinder 2018 eine Weihnachtsbescherung. „Vielleicht werden wir bekannter“, sagt Nina Siebert. Aber sie fürchtet, dass auch die tatsächlich steigende Bedürftigkeit ein Grund ist, mit immer mehr Kindern zu tun zu haben.

Auch in Wolfsburg haben sich Stadt, VW, Kirchen und IG Metall zur Initiative „Starthilfe“ zusammengeschlossen, um bedürftigen Kindern zu helfen. Stadt-Sprecherin Monia Meier: „In enger Abstimmung arbeitet die Starthilfe mit anderen gesellschaftlichen Kräften, wie Wohlfahrtsorganisationen, Vereinen, Selbsthilfegruppen, Stiftungen, aber auch Handel und Handwerk zusammen, um die Hilfe für die betroffenen Kinder auf eine möglichst breite Basis zu stellen und ihre Chancengleichheit dauerhaft zu erhöhen.“

Woher kommt das Geld dafür? Gifhorns Kreis-Kinderfonds habe einen Finanzbedarf von 75 000 bis 85 000 Euro jährlich, sagt Fondsmanager Albert Meltzow. „Wir haben das Glück, über die Jahre von einigen Großspendern wie Volksbank Brawo, Sparkasse, VW-Belegschaft, Butting, Lions und vielen kleineren Spendern treu unterstützt zu werden, sodass wir bisher die Nachhaltigkeit unserer Projekte immer sicherstellen konnten.“

Dass die Menschen in der Region bereit sind, armen Kindern zu helfen, hat die Volksbank Brawo Stiftung mit ihrer Charity-Aktion „Walk for help“gezeigt. 1,14 Millionen Euro kamen dabei herum. „Die gehen wieder in Projekte in der Region“, sagt Thomas Fast, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Beispiel: In Gifhorn fließt das Geld ins Projekt Familienbegleiter. Ehrenamtliche Mentoren passen zum Beispiel auf Geschwister auf, wenn die Mutter mit dem behinderten Kind zum Arzt muss.

Von Dirk Reitmeister

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