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Stadt Peine Feuerwehrmann und Top-Azubi: Flüchtling Ahmed Ibrahim ist in Peine angekommen
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Feuerwehrmann und Top-Azubi: Flüchtling Ahmed Ibrahim ist in Peine angekommen

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11:10 28.11.2021
Seine dreijährige Berufsausbildung zum Straßenbauer hat Ahmed Ibrahim als „Bester der Innung Braunschweig“ abgeschlossen. Seine Arbeit gefällt ihm, am liebsten fährt er Radlader.
Seine dreijährige Berufsausbildung zum Straßenbauer hat Ahmed Ibrahim als „Bester der Innung Braunschweig“ abgeschlossen. Seine Arbeit gefällt ihm, am liebsten fährt er Radlader. Quelle: Ulrich Jaschek
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Stederdorf

Auf die Begriffe „Bayern München“ und „Dortmund“ begrenzte sich noch vor sechs Jahren der deutsche Sprachschatz von Ahmed Ibrahim. Er weiß: zu gering, um sich so in Peine als seiner neuen Heimat zu etablieren. Doch das hat er inzwischen mit Bravour geschafft. Er ist in die Stederdorfer Feuerwehr eingetreten und schloss seine Ausbildung im Straßenbau als Jahrgangsbester ab. Doch bis der damals allein reisende 17-jährige Sudanese die Fuhsestadt erreichte, hatte er eine langwierige und lebensgefährliche Reise zu überstehen. Das ist die Geschichte von Ahmed Ibrahim.

Angst vor gewalttätigen Soldaten

„Für mich gab es damals nur eines“, sagt er in heute tadellosem Deutsch, „weg aus dem Sudan!“ Zu groß war für den athletischen jungen Mann die Gefahr, von durch seine Heimat marodierender Soldateska wahllos aus der elterlichen Wohnung gezerrt und sowohl in eine Uniform und zu Gräueltaten gezwungen zu werden. Via Tschad und Libyen erreicht er per Schlauchboot über das zum Glück in dieser Zeit unbewegte Mittelmeer Italien und kommt auf weiteren abenteuerlichen Wegen bis nach Peine. Hier wartet schon der nächste Glücksfall auf ihn: Familie Haubenreißer aus Stederdorf („ihr Herz ist so offen wie ihr Haus“) kümmert sich nicht nur um ihn, sondern nimmt ihn wie einen Sohn auf. „Ich hatte keinen Integrationskurs“, sagt Ibrahim rückblickend, die deutsche Sprache habe er gelernt, „weil alle um mich herum Deutsch gesprochen und auch Rücksicht genommen haben“.

Als Flüchtling zum Klassensprecher gewählt

Er besucht die Peiner Burgschule, etabliert sich durch Fleiß, Ausdauer, Zuverlässigkeit und Talent, erwirbt sich nicht nur die Anerkennung seiner Mitschüler, deren sowohl Klassen-, Schulsprecher und Mitglied des Kreisschülerrates er wird, sondern auch die der Lehrerschaft. Augenzwinkernd erzählt er von Telefongesprächen mit seinen Eltern, die nicht glauben mochten, dass er anstatt in Deutschland zu arbeiten, noch weitere drei Jahre zur Schule ginge.

Seine Freizeitleidenschaft hat Feuerwehrmann Ahmed Ibrahim in Blickweite: Das Haus der Freiwilligen Feuerwehr Stederdorf. Quelle: Ulrich Jaschek

Zielgerichtet greift er in ein Regal zu einem der diversen prall gefüllten Aktenordner und befördert aus einer Klarsichtfolie sein Abschluss-Zeugnis. Sein Deutsch ist danach „ausreichend“, seine Kenntnisse beispielsweise in Geschichte und Erdkunde „gut“, andere „befriedigend“ und sein „sehr gut“ im Sport deckt sich mit seiner Leidenschaft, Fußball im Verein zu spielen oder auf dem Handorfer See zu surfen. Dass Familie Haubenreißer („meine zweite Familie!“) ihn unermüdlich unterstützt und beraten hätten, wird er nicht müde, immer wieder zu erwähnen.

Sechs Praktika absolviert er neugierig

Nicht weniger als sechs Berufspraktika, beispielsweise im Rettungswagen, in der Autowerkstatt oder beim Krankenhaus („die wollten wissen, ob ich Blut sehen kann!“) absolviert er neugierig. Das Praktikum im Straßenbau-Unternehmen Benckendorf fasziniert ihn allerdings so sehr, dass er seine dreijährige Berufsausbildung dort beginnt („meine Eltern staunten über die weiteren drei Jahre Ausbildung!“) und sie als „bester Straßenbauer der Innung Braunschweig“ abschließt. Nun kenne er sich nicht nur mit Plänen und Berechnungen aus, sondern beispielsweise auch, in welch unterschiedlichen Stärken Schotterschichten in Unterbauten einzufügen sind. Besonderer Spaß in der Praxis? „Die Arbeit mit dem Radlader“, sagt er und lacht.

Sogar der Fernsehsender RTL drehte in Peine schon einen Beitrag über Flüchtling Ahmed Ibrahim (links), der zusammen mit Alpha Jalloh sich zum Feuerwehrmann ausbilden ließ. Quelle: Christian Meyer

Arbeitgeber hat ihn übernommen

Das Schöne an seinem Beruf sei, dass ja jedes Bauwerk ein Unikat sei, auf das er später zeigen und sagen könne, „dass ich das mitgebaut habe“. Was er an der hiesigen Schul- und der Berufsausbildung so besonders schätze, seien die Sorgfalt und die damit verbundene Dauer – aber auch, dass das eigene Engagement geschätzt werde. Inzwischen ist Ibrahim nach Ende der Ausbildung im Juli dieses Jahres vom Arbeitgeber übernommen worden und kann nun seine Familie im Sudan auch finanziell unterstützen.

Der Begriff „Heimweh“ gehört zwar nicht zu seinem Sprachschatz, aber er wünsche sich sehr, seine Angehörigen wieder zu umarmen, statt sie nur auf dem Display des Telefons zu sehen. Worauf er sich nun freue, sei das ihm bis vor sechs Jahren unbekannte Weihnachtsfest „mit diesem Baum mitten im Zimmer und dem „wunderbaren Essen“, dass es in dieser Form nur einmal im Jahr gebe. Zu seinen weiteren Zielen befragt, erwähnt er seinen Chef, der während einer Feier anlässlich des hervorragenden Ausbildungsabschlusses von der „Karriere-Leiter“ sprach, die man ihm gerne halten wolle – er müsse allerdings selbst hinaufsteigen.

Von Ulrich Jaschek