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Stadt Peine Die weihnachtliche Einsamkeit des Organisten
Stadt Peine Die weihnachtliche Einsamkeit des Organisten
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08:00 21.12.2019
Abgewandt und trotzdem mittendrin: Christof Pannes an der Orgel in der Jakobikirche. Quelle: Ralf Büchler
Peine

Weihnachten wird wieder hinter seinem Rücken stattfinden. Wie jedes Mal, seit 25 Jahren schon. Der große, festlich geschmückte Baum, die Kerzen, die außerordentlich gut gefüllten Bänke – all das wird Christof Pannes nur auf dem nicht mal schulheftgroßen Monitor rechts neben seiner Orgelklaviatur sehen können. Denn er sitzt mit dem Gesicht zum Instrument, und doch ist er derjenige, der in den Heiligabend-Gottesdiensten in der Jakobikirche den Ton angibt. Wie geht das, so quasi im Blindflug?

„Man muss die Vibrations der Gemeinde aufnehmen“, sagt Pannes, der seit 1994 Kantor in Peine ist und jetzt seine Weihnachtsgottesdienste Nummer 76, 77 und 78 bestreiten wird. Er muss gar nicht sehen, was hinter ihm im Kirchenraum stattfindet, er spürt es: „90 Prozent meiner Aufmerksamkeit sind bei der Gemeinde, der kleine Rest ist die Konzentration auf mein Orgelspiel.“ Auf dem Monitor beobachtet er nur den Pastor, damit er weiß, wann sein Einsatz kommt.

Keine künstlerischen Eskapaden

Den Rest entscheidet der Organist da oben auf seinem einsamen Platz allein: großes oder kleines Vorspiel, flottes oder eher gemächliches Tempo, das alles bemisst Pannes je nach Stimmung der Gemeinde. Schleppt das Publikum, zieht er den Rhythmus ganz sachte an, achtet aber immer darauf, nicht vorzupreschen, sondern die Sänger stets mitzunehmen. Selbst die Tonhöhe passt der Musiker der Gemeinde an – und dem amtierenden Pastor: „Ich weiß genau, wer die Liturgie eher etwas höher oder lieber tiefer singt, entsprechend spiele ich sie dann“, erklärt er. Mit den Liedern verfährt er genauso: Hört er beim ersten Stück eines Gottesdienstes viele tiefere Stimmen, spielt der die folgenden Lieder ein paar Töne tiefer, als sie im Gesangbuch verzeichnet sind.

Keiner sang – es war das falsche Lied

Der Kantor, der mit diversen Chören und Orchestern höchst anspruchsvolle Programme umsetzt, stellt sich als Organist im Gottesdienst ganz in den Dienst der Gemeinde – künstlerische Eskapaden findet er da eher unangebracht: „Früher habe ich gern aufwendige Einleitungen gespielt, bevor ich zum eigentlichen Lied kam, das habe ich mir weitgehend abgewöhnt.“ Nur einmal noch geriet das Präludium außerordentlich lang – da hatte Pannes mit einem Lied begonnen, aber niemand sang mit. Kein Wunder, er hatte sich vertan und das falsche Stück gespielt. Also variierte er so lange in diversen Schnörkeln und Kurven, bis er zum richtigen Lied übergeleitet hatte. Und die Gemeinde sang erleichtert mit.

Aufwendige Notenblätter braucht Pannes nicht, vor ihm auf dem schmalen Notenständer steht ganz simpel genau das gleiche Gesangbuch, das unten die Gottesdienstbesucher vor sich haben. „Ich sehe die Noten der Melodie, und entlang dieses Geländers improvisiere ich“, erklärt der Musiker. So kommt es, dass die Stücke immer ein kleines bisschen unterschiedlich ausfallen – selbst bei weihnachtlichen Evergreens wie „Stille Nacht“ oder „O du fröhliche“.

Erholung in der adventsfreien Zone

Dreimal wird Pannes am Dienstag an seiner Orgel Platz nehmen und eine Gemeinde durch den Weihnachtsgottesdienst begleiten. Sein Arbeitsplatz wird aussehen wie immer, obwohl Heiligabend ist – eine Kerze oder sonstige Deko wird er nicht aufstellen. „Ist eigentlich eine ganz hübsche Idee, aber ich muss auch aufpassen, dass ich es mit dem weihnachtlichen Flair nicht übertreibe“, sagt der Organist. Es sei ohnehin schon eine Herausforderung, auch beim dritten Gottesdienst spät am Heiligen Abend noch innerlich bei der Sache zu sein – irgendwann droht einfach der weihnachtliche Overkill. Pannes hat schon früh die Erfahrung gemacht, dass zu viel des Guten zu Überdruss führt: „Als ich damals in Peine angefangen habe, hatte ich an meine Wohnungstür ein Schild mit der Aufschrift ,Adventsfreie Zone‘ gehängt – ich brauchte einfach einen Rückzugsort ohne vorweihnachtliches Gepräge.“

„In der Christnacht fliegt das Dach weg“

Bei den Heiligabend-Gottesdiensten weiß er inzwischen ziemlich genau, was ihn erwartet. Am Nachmittag ist sein Publikum eher laut und unruhig, die zahlreichen Kinder in dieser Andacht mit Krippenspiel vibrieren förmlich vor Vorfreude und Spannung. Der mittlere Termin um 18 Uhr ist vergleichsweise still, und für Pannes ist schwer vorhersehbar, wie singfreudig das Publikum dieser Christvesper sein wird. „Das ist sehr variabel, bei der Christnacht mit der Kantorei hingegen fliegt noch mal richtig das Dach weg – da kommen die Menschen, die wirklich gern singen.“

Ein Mann der Musik

Er ist Theologe, Organist, Chorleiter – und seit 1994 dem Peiner Land treu: Christof Pannes (56), der aus Remscheid stammt, setzt als Kirchenkreiskantor anspruchsvollste Musik um. So anspruchsvoll, dass renommierte Musiker aus anderen Städten gern aushelfen, wenn plötzlich Not am Mann ist – wie zuletzt bei der Messias-Aufführung Mitte Dezember in St. Jakobi, als ein Kollege aus Celle für einen erkrankten Mitwirkenden einsprang und sich anschließend höchst beeindruckt von der Qualität der Musik in Peine zeigte.

Schon als Sechsjähriger begann Pannes Klavier zu spielen, mit 14 Jahren begann er Orgelunterricht zu nehmen. An der Musikhochschule Köln absolvierte er ein Kirchenmusik-Studium, später folgte noch Theologie in Bonn und Göttingen. Über Stationen in Schleiden und Kopenhagen kam er schließlich als Kantor nach Peine. Neben seiner vielfältigen Tätigkeit als Organist, Chorleiter und Dirigent lehrt er seit 2012 an der Musikhochschule Hannover Chor- und Ensembleleitung.

Welche Lieder gesungen werden, bespricht der Kantor gemeinsam mit dem Pastor. „Zu Weihnachten wählen wir natürlich nicht total unbekannte Stücke aus, die Menschen kommen ja mit einer bestimmten Erwartung, die wir nicht enttäuschen wollen“, sagt Pannes.

Der Favorit ist relativ neu

Ohne die Stille Nacht wird es also auch in diesem Jahr nicht gehen. Die liebsten Weihnachtslieder des Musikers sind aber andere: das älteste Stück im Gesangbuch, „Nun komm, der Heiden Heiland“, und das melancholische „Die Nacht ist vorgedrungen“, das erst 1938 geschrieben wurde. Ob er letzteres eben kurz anspielen könnte? „Gern“, sagt der Kantor, schwingt sich auf seine Orgelbank und greift beziehungsweise tritt in Tasten und Pedale. Majestätische Molltöne füllen den leeren Kirchenraum, und doch vermittelt das wohltuend unkitschige Stück Hoffnung – geradezu ideal für ein Weihnachtslied.

Möchten Sie das Lied hören? Hier spielt es Christof Pannes für Sie – in zwei Klangvarianten:

Und in einer anderem Variante:

Eine kleine Sehnsucht ...

Aber so eine für Heiligabend eher exotische Wahl kann höchstens das Programm ergänzen, nicht bestimmen. Wenn die Kirchen rappelvoll sind, sollen die Besucher auch ihre gewohnten Lieder singen dürfen. „Es wird insgesamt immer weniger gesungen, umso wichtiger, dass wir das zumindest an Weihnachten hinbekommen“, sagt Pannes. Also wird er auch dieses Jahr wieder die alten Bekannten im Gesangbuch aufschlagen, sich bestmöglich in die Stimmung seines Publikums einfühlen und sein 26. Weihnachten an der St.-Jakobi-Orgel verbringen. Hat er gar keine Sehnsucht, einmal, ein einziges Mal nur am Heiligen Abend keinen Einsatz zu haben? Doch, räumt der Kantor sofort ein. „Ich träume von meinem ersten Weihnachtsfest im Ruhestand, da bleibe ich endlich mal zu Hause.“

Zehntausende strömen in die Kirchen

Für viele Menschen gehört es zu Weihnachten wie die Gans und der Baum: An Heiligabend geht man in die Kirche, selbst diejenigen, die sonst das ganze Jahr über kein Gotteshaus betreten, nehmen das angebotene Ritual gern in Anspruch. Entsprechend voll sind die Kirchen an den Feiertagen.

Im Kirchenkreis Peinewerden vom Nachmittag des Heiligen Abends bis 2. Weihnachtstag abends 156 Gottesdienste gefeiert. 2018 waren allein an Heiligabend 20 500 Menschen in den Kirchen. Etwa 40 Geistliche sind gleichzeitig im Einsatz – darum werden außer den hauptamtlichen Pastoren auch Pastoren im Ruhestand, Pastoren im Ehrenamt, Vikare, Prädikanten und Diakone eingesetzt. Hinzu kommen zwölf Lektoren sowie zahlreiche Ehrenamtliche, Kirchenvorsteher und natürlich Organisten im Einsatz.

Im Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen wurden an Heiligabend 2018 in den 29 Kirchengemeinden 97 Gottesdienste gefeiert – insgesamt kamen dazu 20 585 Menschen in die Kirchen.

Im Kirchenkreis Gifhorn werden Heiligabend 92 Gottesdienste gefeiert – 2018 waren es noch 87. Damals kamen rund 21 500 Besucher, allein 2500 besuchten die Andachten in St. Nicolai.


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Von Stefanie Gollasch

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