Corona: Keine Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung in Peine 
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Stadt Peine Vor 75 Jahren: Peine wurde kampflos an US-Truppen übergeben
Stadt Peine Vor 75 Jahren: Peine wurde kampflos an US-Truppen übergeben
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14:31 07.05.2020
Die Übergabe der Stadt Peine an die Amerikaner (von links): Captain Daniel A. Grundmann, Dolmetscher Hans-Michael Finger, der kommissarische Landrat Max Heinemann, Bürgermeister Dr. Wiard Bronleewe und Krankenhausdirektor Dr. Heinrich Meyeringh. Quelle: Karl-Heinz Heineke (Archiv)
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Peine

Der 8. Mai ist der „Tag der BefreiungDeutschlands vom NS-Regime und dem Faschismus. Ausgerechnet zum 75. Jahrestag muss die Gedenkveranstaltung am Ehrenmal im Peiner Herzberg wegen Corona abgesagt werden. PeinesTag der Befreiung“ ist allerdings der 10. April 1945, als die Stadt kampflos an die vorrückenden amerikanischen Truppenverbände übergeben wurde. Von unmittelbaren Kriegsauswirkungen blieb die Peine dadurch weitgehend verschont – und der Bevölkerung wurde großes Leid erspart.

Einsatz für Demokratie und Gesellschaft

„Heute mahnt uns der 8. Mai, sich konsequent für unsere Demokratie und eine Gesellschaft einzusetzen, die vielgestaltig und bunt ist und in der braunes, nationalistisches, rassistisches und rechtes Gedankengut keinen Platz mehr haben darf“, betonen Peter Baumeister und Britta Lindemann für die Peiner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). Man wolle sich nicht von neonazistischen und fremdenfeindlichen Gedanken vergiften lassen und werde in Peine weiterhin diesen Bestrebungen konsequent entgegentreten und sich für den solidarischen und toleranten Zusammenhalt der Gesellschaft einsetzen. „Dazu rufen wir alle demokratisch gesinnten Bürgerinnen und Bürger, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Schulen und gesellschaftlichen Gruppen auf.“

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SPD-Kernstadt-Vorsitzender Julius Schneider ruft dazu auf, Blumen am Mahnmal im Herzberg niederzulegen, um dem Kriegsende zu gedenken. „Am 8. Mai 1945 ist Deutschland vom Faschismus befreit worden. Daraus erwächst für uns heute die Verantwortung faschistisches Gedankengut frühzeitig zu bekämpfen, damit es nie wieder einen solchen Terrorstaat in Deutschland geben wird.“

Die Ereignisse im April 1945

In Peine spitzten sich die Ereignisse bereits im April 1945 zu: „Nachdem am Sonntag, 8. April 1945, der Volkssturm aufgelöst worden war, erwartete man stündlich die Ankunft der amerikanischen Panzerspitzen, besonders am Montag schien es allgemein, als ob sie in die Stadt einfahren würden“, erinnerte sich der Zeitzeuge Hans-Michael Finger. In Vorbereitung der Übergabe Peines an die Amerikaner hatte der damalige Bürgermeister Dr. Wiard Bronleewe ihn am 7. April 1945 zu seinem offiziellen Dolmetscher ernannt. „Der Montag, 9. April, war so voller Spannung; ich selbst war am Nachmittag zum Rathaus befohlen worden, um eventuell die Amerikaner zu empfangen. Sie kamen aber nicht und hatten in Rosenthal und Eixe halt gemacht. Am Nachmittag gegen 18 Uhr fand ein Bombenangriff auf Peine statt, bei dem mehrere Häuser der Breiten Straße und Wallstraße stark beschädigt wurden.“

Die Übergabe in Rosenthal am 10. April 1945. Quelle: Archiv

Das Schicksal der Stadt hing an einem seidenen Faden, als am Dienstag, 10. April 1945, eine Delegation unter Führung von Bürgermeister Bronleewe aufbrach, um den bereits nach Rosenthal vorgedrungenen Amerikanern die kampflose Übergabe Peines anzubieten. Es ging darum, die bereits konkret vorbereitete Zerstörung Peines in letzter Minute zu verhindern. Die Mission war insofern gefährlich, als aus Berlin noch immer Durchhalteparolen ausposaunt wurden.

Gleichwohl hatten leitende Verwaltungsbeamte sowie die Parteiführung Weisung erhalten, sich bei Feindannäherung in den Harz abzusetzen. Sie taten das am 9. April. Bronleewe und der kommissarische Landrat Heinemann zeigten dagegen Charakter und blieben in Peine, um „alles, was kommen sollte, gemeinsam zu tragen“ (Bronleewe). Hätte auch der Bürgermeister die Stadt verlassen, wäre im praktisch herrenlosen Peine keine autorisierte Person als Verhandlungspartner verfügbar gewesen.

Waffen und militärische Ausrüstung mussten auf dem Marktplatz unter der Germania-Figur abgegeben werden. Die Germania steht heute an der Ecke Senator-Voges-Straße/Sedanstraße. Quelle: Archiv

Die Geschehnisse des 10. April wurden vor allem dadurch bekannt, dass einige Mitglieder der Bronleewe-Delegation die Dinge aus ihrem Erleben schriftlich fixierten. Der Bürgermeister selbst tat das am 16. Juni 1948. Weitere Dokumente erstellten zwei seiner Mitstreiter. Bei ihnen handelte es sich zum einen um Dr. Heinrich Meyeringh (1889 bis 1979), damals Chef des städtischen Krankenhauses, und zum anderen berichtete der Betreuungsoffizier der in Peiner Lazaretten liegenden deutschen Soldaten, Major Mathias Volkenborn. Dieser legte seine Dokumentation erst am 23. Oktober 1969 vor.

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Von Jan Tiemann