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Stadt Peine BGE-Chef Studt: „Zur Endlagersuche gehört auch eine Portion Demut“
Stadt Peine BGE-Chef Studt: „Zur Endlagersuche gehört auch eine Portion Demut“
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20:00 20.02.2019
Stefan Studt, Vorsitzender der BGE-Geschäftsführung, im Gespräch mit Tobias Mull, stellvertretender Redaktionsleiter der PAZ. Quelle: Nicole Laskowski
Peine

PAZ-Interview mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung.

Herr Studt, seit dem 1. September 2018 sind Sie Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundes-Gesellschaft für Endlagerung (BGE) in Peine. Was waren die Schwerpunkte der ersten Monate Ihrer Arbeit nach der Berufung?

Zunächst einmal habe ich mich mit unseren vielfältigen Projekten vertraut gemacht und habe die Bergwerke befahren. Für mich als Mann von der Küste war das natürlich sehr spannend. Gemeinsam mit Steffen Kanitz, der als zweiter Geschäftsführer und mein Stellvertreter auch am 1. September bei der BGE begonnen hat, habe ich dann auch die neuen Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, die uns sehr gut aufgenommen haben.

Die weitaus größte Herausforderung ist zurzeit die Umstrukturierung des Unternehmens. Wir müssen drei Institutionen zusammenführen. Das ist ein komplexer Prozess, der hoffentlich Mitte des Jahres abgeschlossen ist.

Sie sind studierter Jurist, waren Innenminister in Schleswig-Holstein – wie kommt man mit so einer Vita zur BGE?

Das lässt sich aus meiner Vita gut erklären. Nach dem Referendariat in Bremen und einer ersten beruflichen Station bei der Stadt Delmenhorst bin ich in die schleswig-holsteinische Steuerverwaltung und Mitte der Neunziger schließlich in den politischen Leitungsbereich des dortigen Finanzministerium gewechselt. Das Finanzministerium war damals zugleich auch Energieministerium, sodass ich damals schon erste Anknüpfungspunkte an die Atompolitik hatte.

2012 sind Sie dann vom Leiter der Steuerabteilung in die in die Berufspolitik gewechselt.

Genau. Als Chef der Staatskanzlei und zugleich Bevollmächtigter des Landes beim Bund in Berlin habe ich dann eine Dreier-Koalition aus SPD, Grünen und dem Süd-Schleswigschem Wähler-Verbund (SSW) wesentlich mit organisiert. Als Sprecher der SPD-geführten Länder habe ich dann 2013 die Endlagersuchkommission mit strukturiert, die die Endlagersuche auf neue Füße gestellt hat. Später hatte ich dann als Innenminister und zugleich Minister für Bundesangelegenheiten die gute Möglichkeit, das aktuelle Standortauswahlgesetz im Bundesrat mit zu diskutieren und zu beschließen. Genauso wie für Steffen Kanitz, der in der Kommission sehr intensiv mitgearbeitet und schließlich als Bundestagsabgeordneter diesem Gesetz zugestimmt hat, ist die Geschäftsführung der BGE für uns nun eine besondere und neue Herausforderung.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze bezeichnete Sie in einem Statement zu Ihrer Berufung als erfahrenen und sturmerprobten Manager - sind es genau diese Fähigkeiten, die Sie zu dem Job gebracht haben und eben nicht unbedingt das fachliche Wissen?

Schleswig-Holstein ist ja das Land zwischen den Meeren, der „echte Norden“, da ist man schon sturmerprobt! Politisch waren insbesondere die Jahre 2015, 2016 für mich als Innen- und gleichzeitig auch Integrationsminister stürmisch herausfordernd. Wir haben wie alle anderen auch sehr viele Flüchtlinge aufgenommen und untergebracht. Eine mindestens ebenso große Anzahl war aber als Durchreisende nach Skandinavien in Flensburg, Kiel und Lübeck zu betreuen. Damit waren wir sieben Tage die Woche quasi rund um die Uhr beschäftigt. Und mir liegt es auch fern, dass vom Schreibtisch aus zu betreuen. Ich war viel vor Ort, habe in Einwohnerversammlungen für die Errichtung von Erstaufnahmeeinrichtungen geworben und habe die bis zu 15 Orte verstreut auf das Land auch regelmäßig besucht.

Aber Physiker oder Geologe sind Sie nicht, oder?

Nein, das stimmt. Doch ich denke, für den Vorsitz der Geschäftsführung und die Koordination der Projekte bringe ich hinreichend Berufs- und Lebenserfahrung mit. Meine drei Kollegen – Steffen Kanitz, Dr. Thomas Lautsch sowie seit dem 1. Januar Beate Kallenbach-Herbert – kommen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Welten. In dieser Gesamtheit decken wir die fachlichen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, die sich in der und für die BGE stellen, bestens ab.

 Ministerin Schulze sagte in dem gleichen Statement, dass Sie als neuer BGE-Chef nun die schwierigen Großprojekte zügig angehen werden. Was sind das für Projekte – und was genau macht die so schwierig?

Zum einen ist das die Rückholung aus der Asse, verbunden mit den Stabilisierungsmaßnahmen und der Notfallplanung. Und wir müssen über Tage eine neue Infrastruktur schaffen, wenn wir die Abfälle zurückholen – zum Beispiel mit einer Konditionierungsanlage für die Neuverpackung und einem Zwischenlager. Das ist komplex und technisch nicht einfach.

Für unsere Region besonders interessant – wie sieht es mit Schacht Konrad aus?

Beim Schacht Konrad wird es bekanntlich eine zeitliche Verzögerung geben. Wir rechnen jetzt mit der Fertigstellung im Jahr 2027. Dort haben wir gerade auf den Baustellen über Tage wie beispielsweise am Schacht Konrad 2 größere Zeitbedarfe als angenommen. Zum anderen müssen wir Morsleben stilllegen und das Bergwerk Gorleben in den Offenhaltungsbetrieb überführen.

Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Standortauswahl für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle. Es ist mir sehr wichtig, dass der Prozess so transparent und dialogorientiert wie irgend möglich abläuft. Dafür werden wir Informationsveranstaltungen quer durch Deutschland organisieren. Jeder ist eingeladen, sich regelmäßig zum Beispiel über www.bge.de, www.einblicke.de oder www.bfe.bund.de regelmäßig zu informieren.

Und in dieser Suche und dann auch dem Betrieb eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle liegt ja die Hauptaufgabe der BGE. Sie hatten in diesem Zusammenhang kürzlich die Hoffnung geäußert, dass die BGE nicht schlicht als Atomfirma, sondern als ein Unternehmen mit einer großen gesellschafts- und umweltpolitischen Herausforderung wahrgenommen wird. Worin liegen diese Herausforderungen?

Mir ist es wichtig, dass man uns nicht einfach als Atomfirma bezeichnet, das trifft auch unsere Mitarbeiter. Der Ausstieg aus der Atomenergie war eine richtige Entscheidung. Nun müssen wir alle gemeinsam überlegen, wie wir den Müll entsprechend entsorgen. Hier arbeiten viele engagierte junge Menschen, die Verantwortung übernehmen möchten. Ein offener Umgang mit diesem Thema ist uns sehr wichtig. So haben wir Geschäftsführer im Oktober vergangenen Jahres auch den Anti-Atom-Treck vor unserem Firmengelände empfangen und versucht zu vermitteln, dass wir in diesen wichtigen umweltpolitischen Fragestellungen einen wertvollen Beitrag leisten.  

Hochradioaktive Abfälle bergen noch für eine Million Jahre Gefahren in sich. Wie geht man eine Suche nach einer Lösung, die Hundertausende Generationen Bestand haben muss eigentlich an? Gehört da auch eine gehörige Portion Demut dazu?

Ja, natürlich! Wenn man überlegt, wie lang schon der Zeitraum seit der Geburt Christi war, und das waren nur 2019 Jahre, dann ist die Zahl von einer Million Jahren nicht erfassbar. Wir müssen uns ja z.B. auch Gedanken machen, wie man den Menschen in vielleicht 100.000 Jahren deutlich macht, dass hier ein Endlager ist. Für unsere Mitarbeiter ist es aber auch faszinierend und besonders herausfordernd, sich mit solchen Fragestellungen auseinanderzusetzen und nach Lösungen zu suchen.

 Eine Form der Energieerzeugung, die Millionen Jahre gesundheitsgefährdenden Müll produziert, muss sich Kritik gefallen lassen. Ist der Ausstieg aus der Atomenergie für Sie ein richtiger Schritt?

Ich kann damit gut umgehen. Die wechselhaften Beschlüsse der verschiedenen Bundesregierungen waren zwar irritierend. Jetzt gilt es aber für alle, sich auch der Verantwortung für die hochradioaktiven Abfälle zu stellen. Schon lange waren erneuerbare Energien in den windreichen Küstenländern ein großes Thema. Mit entsprechender Infrastruktur onshore und offshore sowie entsprechendem Leitungsbau wird uns die Energiewende nachhaltig gelingen. 

Die Verursacher der radioaktiven Abfälle, also die Betreiber der Kernkraftwerke, haben für die sichere Verwahrung der Hinterlassenschaften des Atomzeitalters rund 24 Milliarden Euro bereitgestellt. Wird dieses Geld Ihrer Einschätzung nach für mehrere Jahrtausende währende Arbeit in diesem Bereich ausreichen und ist es Ihrer Meinung nach gerecht, dass nach dem möglichen Aufbrauchen dieses Geldes der Steuerzahler einspringen wird?

Das kann ich nicht bewerten. Die Summe ist das Ergebnis intensiver Beratungen und Hochrechnungen. Aus heutiger Sicht dürfte das stimmig sein. Die 24 Milliarden sind für den neuen Standort gedacht. Die Kosten aus der Asse, Konrad und Morsleben werden größtenteils aus Steuergeldern finanziert, bei Konrad zum Teil auch durch die Verursacher. 

Kommen wir auf den Standort Peine zu sprechen. Wie viele Mitarbeiter sind derzeit bei der BGE in der Fuhsestadt tätig?

Wir haben hier derzeit knapp 500 Mitarbeiter. Im ersten modularen Neubauteil werden gerade 45 weitere Arbeitsplätze eingerichtet. Dem wird bis Ende dieses Jahres ein ebenso großer zweiter Teil folgen. Und dann sehen wir mal weiter. Wir bieten insbesondere in den aufwachsenden Bereichen qualifizierte Stellen mit Nachhaltigkeit. Dafür müssen wir als Arbeitgeber attraktiv bleiben und für Peine als Standort werben. Das Arbeitsklima und die Aufgaben spielen für Fachkräfte eine große Rolle bei der Bewerbung, aber natürlich auch das wohnliche Umfeld.

Hand aufs Herz: Kannten Sie vor Ihrer Berufung eigentlich schon Peine?

Den Namen ja, die Stadt ehrlich gesagt nicht. Ich war im Sommer 2018 zum ersten Mal hier. 

In der PAZ-Silvester-Umfrage haben Sie angekündigt, in diesem Jahr mit Bewegung die Stadt Peine und die gesamte Umgebung kennenzulernen. Haben Sie dafür schon konkreten Ideen entwickelt?

Ja, ich habe mir vorgenommen, die Stadt und die Region mit dem Fahrrad zu erkunden, wenn ich denn mal bei Tageslicht aus dem Büro komme. Ich wohne in Vöhrum und freue mich schon auf Frühling und Sommer, wenn die Menschen wieder mehr draußen sind. Ich bin niemand, der sich nur am Arbeitsplatz aufhält und zum Schlafen nach Hause kommt. Ich arbeite gerne viel, aber ich brauche zum Ausgleich auch andere Menschen und andere Themen um mich herum.

Letzte Frage – und dazu eine zentrale in unserer Region: Blau-Gelbe Eintracht oder die Roten aus Hannover – wie halten Sie es mit Fußball?

Tja, als Rendsburger ich bin im Herzen „Holstein Kiel“-Fan! Und das in ständiger Konkurrenz zu meinen beiden Söhnen als sehr treue HSV-Fans in meinem Haus. In meiner Jugend, die ich nördlich von Hamburg verbracht habe, war ich emotional tatsächlich zeitweilig Eintracht Braunschweig sehr verbunden. Paul Breitner in Blau-Gelb fand ich toll und auch die damalige Diskussion um die Trikotwerbung mit dem Jägermeister-Hirsch fiel mir beim Durchfahren von Wolfenbüttel Richtung Asse wieder ein.

Von Tobias Mull

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