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11:18 08.09.2012
Von Patrick Hoffmann
Die zweite Klasse der Albert-Schweizer-Grundschule hat Sportunterricht bei Kathrin Lutz.
Die zweite Klasse der Albert-Schweizer-Grundschule hat Sportunterricht bei Kathrin Lutz. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Natürlich würde Kathrin Lutz ihren Sportunterricht gerne etwas aufwendiger gestalten. Sie würde den Jungen und Mädchen gerne eine Ballsportart beibringen. Oder erste Versuche an den Turngeräten wagen. Aber das geht nicht. „Ein richtiger Sportunterricht“, sagt die Grundschullehrerin, „ist nicht möglich. Viele Kinder haben ja schon Probleme, eine Rolle vorwärts zu machen. Wir müssen deshalb erst einmal die motorischen Fähigkeiten verbessern.“ Und so sitzen die Zweitklässler an diesem Vormittag auf einem Rollbrett und versuchen, sich mit Händen und Füßen durch die Turnhalle zu bewegen.

Beispiele wie jenes an der Albert-Schweitzer-Schule in Hannover gibt es viele. Sportlehrer wie Kathrin Lutz stecken dabei in einem Dilemma. Einerseits wird dem Sport in der Gesellschaft ein immer höherer Stellenwert zugesprochen. Etliche Studien belegen, wie wichtig regelmäßige Bewegung auch für einen erfolgreichen Schulabschluss ist. Andererseits gehört der Sportunterricht immer noch zu den sogenannten weichen Fächern, zu jenen, die an vielen Schulen zu kurz kommen und oft auch mal ganz ausfallen. „Das ist fatal“, sagt Boris Rump vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). „Bewegung steigert nachweislich die Konzentrationsfähigkeit und ist daher ebenso wichtig wie alle anderen Fächer. Wir fordern deshalb schon seit Jahren eine dritte verpflichtende Sportstunde in der Woche.“

Davon aber sind die deutschen Schulen weit entfernt. Im Schnitt, das hat die viel beachtete Sprint-Studie des DOSB 2006 ergeben, finden gerade einmal zwei Stunden Sport pro Woche statt. Auch an der Albert-Schweitzer-Schule. „Aber das ist viel zu wenig“, sagt Lutz. „Viele behaupten, der Sportunterricht sei nicht so wichtig. Aber das stimmt nicht.“ Ihre Erfahrung ist: Zehn Minuten Sport am Tag reichen schon, um sich anschließend in Mathe oder Deutsch wieder besser zu konzentrieren. Im Lehrplan aber sind diese zehn Minuten nicht vorgesehen. Eine tägliche Sportstunde erst recht nicht. Genau die würde sich Lutz jedoch wünschen.

Dass das geht, zeigt ein Beispiel aus Göttingen. An der Geschwister-Scholl-Schule haben sie vor fünf Jahren das Projekt „Kinder in Bewegung“ gestartet. Die Schüler haben hier von der 5. bis zur 7. Klasse mindestens viermal pro Woche Sportunterricht. Das Angebot ist auf 30Schüler pro Jahrgang begrenzt, „auch wenn die Nachfrage deutlich größer ist“, wie Schuldirektor Tom Wedrins sagt. „Uns geht es dabei nicht darum, den Leistungssport zu fördern“, sagt er. Ganz im Gegenteil: Die Klasse sei offen für jeden. „Wir wollen den Kindern zeigen, dass Sport guttut und dass er hilft, besser zu lernen.“

Wenn sich also Lehrer, Eltern und Wissenschaftler einig sind, wie wichtig der Sportunterricht ist, warum wird er dann nicht besser gefördert?

Eine Antwort erhält man zum Beispiel an der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule in Hannover. Lothar Knölke ist Direktor dieser Schule. Er kennt die Wünsche von Eltern und Schülern. Er weiß aber auch um die Probleme, diese Wünsche umzusetzen. „Natürlich wäre es mir lieber, es gäbe mehr Sportunterricht“, sagt Knölke. Er selbst hatte ja früher als Schüler auch vier Stunden Sport. „Das müsste Standard sein“, findet er. „Aber mir fehlen die Fachlehrer dafür.“ Und wenn er dann mal einen Lehrer hat, der sowohl Deutsch als auch Sport unterrichten kann, dann müsse er halt abwägen, wie er ihn einsetze. „Wenn ich die Eltern vor die Wahl stelle, ob Sport oder Deutsch ausfallen soll: Wofür werden sich die Eltern wohl entscheiden?“ Es ist eine rhetorische Frage.

An der Dietrich-Bonhoeffer-Schule hat dieser Lehrermangel natürlich Folgen: Schwimmunterricht gibt es nicht, auch deshalb, weil ein Schwimmbad in der Nähe fehlt. Sportunterricht wird für einige Klassen nur ein Halbjahr lang angeboten. Stattdessen bietet die Schule am Nachmittag diverse Sport-AGs an. Freiwillig. Ein Ersatz ist das nicht.

Wohin das führt, ist schon heute messbar: Laut Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kann jedes dritte Schulkind nicht schwimmen. Ein Viertel aller Kinder, das belegt eine Studie des Robert-Koch-Instituts, treibt keinen Sport. Außerdem, das ergab die Sprint-Studie, ist die Beweglichkeit der Kinder, deren Schnelligkeit, Ausdauer und Kraft in den vergangenen 25 Jahren um zehn bis 15 Prozent zurückgegangen. Und der Trend dürfte sich noch verschärfen, wenn das Angebot an Ganztagsschulen in den kommenden Jahren weiter ausgebaut und die Zeit für Vereinssport immer knapper wird. „Spätestens dann muss der Sportunterricht auch von den Bildungspolitikern gestärkt werden“, sagt Knölke. Sonst, glaubt er, „haben wir bald amerikanische Verhältnisse. In den USA wird der Sport ja auch immer und überall propagiert - aber nur wenige Menschen bewegen sich ausreichend.“

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