Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Sport Überregional Gerd Bleidorn treibt Sledge-Eishockey in Deutschland voran
Sportbuzzer Sportmix Sport Überregional Gerd Bleidorn treibt Sledge-Eishockey in Deutschland voran
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:30 12.01.2012
Von Björn Franz
Gerd Bleidorn hat das Sledge-Eishockey in Deutschland weit vorangetrieben – auf und auch  neben der Eisfläche.
Gerd Bleidorn hat das Sledge-Eishockey in Deutschland weit vorangetrieben – auf und auch neben der Eisfläche. Quelle: Steiner
Anzeige
Hannover

Den Anblick hat er immer wieder vor Augen. „Diese blöde Uhr, die eine Sekunde, die uns gefehlt hat, werde ich nie vergessen“, sagt Gerd Bleidorn. Eine Sekunde trennte die deutsche Sledge-Eishockey-Nationalmannschaft im November 2009 beim Qualifikationsturnier in Schweden von  ihrem großen Ziel: der Teilnahme an den Paralympics 2010 in Vancouver. Doch in eben dieser letzten Sekunde rutschte der Puck doch noch zum Ausgleich ins deutsche Tor, die gastgebenden Schweden gewannen in der anschließenden Verlängerung das Spiel mit 3:2 – und Bleidorns Traum von der zweiten Paralympics-Teilnahme nach 2006 in Turin war geplatzt.

Selbst wenn der 53-Jährige heute in seiner Wohnung in der hannoverschen Südstadt über sein wohl bitterstes sportliches Erlebnis spricht, kann man in seinem Gesicht noch die Enttäuschung erkennen. Doch dieser Ausdruck verschwindet schnell, wenn er mehr über „seine“ Sportart erzählt. Denn so kann man das Sledge-Eishockey hierzulande tatsächlich nennen. Nachdem Detlef Zinke, der Vorsitzende der RSG Hannover, die Behindertensport-Variante des Eishockeys 1996 in Schweden entdeckt hatte, war Bleidorn der erste Sportler, der sich in Deutschland in einen der kleinen Schlitten setzte, in denen die Spieler auf dem Eis dem Puck nachjagen. Und aus diesem Versuch wurde schnell mehr.

Mit dem ersten in Deutschland gegründeten Klub, der als RSG Hannover Scorpions begann und inzwischen unter dem Namen Ice Lions Langenhagen spielt, feierte Bleidorn zehn deutsche Meistertitel und ist seit dieser Saison Spielertrainer. Auch in der Nationalmannschaft, die vor elf Jahren erstmals auf internationaler Ebene antrat, war er so gut wie immer dabei und erlebte mit dem 4. Platz bei den Paralympics 2006 seinen bisher größten sportlichen Erfolg. „Ich hätte nie gedacht, dass der Sport noch einmal so viel Zeit meines Lebens einnehmen würde“, meint der gebürtige Mindener, der 1990 in die Wedemark zog.

Denn eigentlich hatte er schon mit dem Sport abgeschlossen. Im Alter von 14 Jahren verlor Bleidorn bei einem Eisenbahnunfall beide Unterschenkel. Der Jugendliche, der zuvor als Judoka und Ruderer aktiv war, zog sich aus der sportlichen Öffentlichkeit zurück. „Damals gab es so etwas wie Reha-Maßnahmen noch nicht“, erzählt er. „Die Behinderung wurde halt totgeschwiegen. Und ich habe Sport nur noch für mich selbst betrieben.“ Das änderte sich erst, als der begeisterte Eishockeyfan, der regelmäßig die Spiele der Hannover Scorpions besucht, sich knapp 25 Jahre später erstmals in diesen kleinen Schlitten setzte und über das Eis glitt.

Für Bleidorn ist Sledge-Eishockey zum Schlüssel geworden. „Durch den Sport habe ich das totale Selbstbewusstsein bekommen“, sagt er. „Man muss sich körperlich durchsetzen, muss im Kopf klar sein – und das sind auch genau die Dinge, die man für seinen sozialen Status braucht, der durch den Unfall zusammen mit dem Selbstvertrauen verloren geht.“ Heute geht er ganz selbstverständlich im Rollstuhl mit seiner Lebensgefährtin zum Einkaufen. „Früher hätte ich das nie gemacht. Aber durch den Sport und die vielen positiven Rückmeldungen fällt die Hemmschwelle.“

Genau das versucht Bleidorn auch anderen Menschen mitzugeben, die nach einem Unfall plötzlich mit einer Behinderung leben müssen. Denn aus der reinen Sportlerrolle ist er schon längst herausgewachsen. Seit mehr als zehn Jahren leitet er den Fachbereich Sledge-Eishockey im Deutschen Rollstuhlsportverband, in dem die inzwischen 400 Aktiven organisiert sind. Dass er sich in dieser Zeit mit seiner direkten Art nicht nur Freunde gemacht hat, weiß der 125-malige Nationalspieler genau. Doch ein Blatt vor den Mund zu nehmen, das ist nicht seine Art.

Schon gar nicht, wenn er sich um die Zukunft der Nationalmannschaft sorgt. „Der Behindertensportverband gefällt sich ein Stück weit in der ,Aktion-Sorgenkind-Ecke‘“, sagt Bleidorn, der Verfechter einer stärkeren Professionalisierung ist. „Leistungssport betreiben meist Leute, die auch vor ihrem Unfall Leistungssport gemacht haben. Die wollen nicht im Behindertensport aufgehen, die wollen kein Mitleid“, sagt er und blickt dabei ein wenig neidisch nach Tschechien oder Italien, wo die Spitzenathleten nicht mehr unter dem Dach der Behindertensportverbände versammelt sind. „Im Sledge-Eishockey haben diese Länder uns links und rechts überholt.“

Doch das will der Pionier seiner Sportart nicht kampflos akzeptieren. Vor eineinhalb Jahren machte er seine C-Trainer-Lizenz, seitdem treibt er ein ambitioniertes Projekt voran. „Weil es keine speziellen Trainingspläne für unseren Sport gibt, schreibe ich die Übungen aus dem Fußgänger-Eishockey um“, verrät Bleidorn, der sich dafür mehr als 250 Trainingsformen aus dem Internet zusammengesucht hat. „Das ist nicht ganz leicht, weil man auf unseren Schlitten zum Beispiel nicht rückwärts fahren kann und es so vor allem die Verteidiger schwer haben.“

Während seine Bemühungen in Österreich bereits aufmerksam verfolgt werden, stoßen sie beim deutschen Verband bisher noch auf wenig Gegenliebe. „Meine Konzeption für die kommenden Jahre ist dort nicht akzeptiert worden“, sagt Bleidorn, der keinen Hehl aus seiner Enttäuschung macht. „Diese Dinge nehmen einem schon ein wenig den Spaß.“ Und ohne den geht es nicht, wenn man wie er in den vergangenen zwölf Jahren um die 5000 Stunden ehrenamtlich für organisatorische Aufgaben aufgewendet hat. Deshalb denkt Bleidorn sogar über  seinen Rücktritt am Saisonende nach.

Doch so richtig vorstellen kann man sich das nicht. Genauso wenig wie Bleidorn sich inzwischen ein Leben ohne den Sport vorstellen kann: „Wenn man einmal dabei ist, dann bleibt man dabei.“ Und wenn tatsächlich irgendwann nicht mehr beim Sledge-Eishockey, dann vielleicht in einer anderen Sportart. Demnächst will er ein Outrigger, ein Auslegerkanu, auf dem Mittellandkanal ausprobieren. Und paralympisch ist diese Sportart ebenfalls.