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Sport Regional „Heimspiel-Atmosphäre in der Silberkamp-Halle war einmalig“
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17:10 12.06.2020
Natascha Krotova: Von drei Magedeburgerinnen umzingelt, doch trotzdem war die gebürtige Russin Ende der 90er-Jahre kaum zu stoppen. Mit dem MTV Vater Jahn Peine spielte sie zwischenzeitlich drei Jahre lang in der 2. Liga. Quelle: Sven Diestelhorst
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Steinfurt/Peine

Wovon Vater Jahns derzeitige Oberliga-Handballerinnen nur träumen können, hat eine vorangegangene Spielerinnen-Generation des MTV geschafft. Denn 1996 stieg die damalige Peiner Mannschaft um Birgit Thiemann, Sabine Bendrien & Co. in die 3. Liga (ehemals Regionalliga) auf. In der darauffolgenden Saison gelang sogar der Durchmarsch in die 2. Liga, in der sich das Team drei Jahre hielt. Ein Eckpfeiler der damaligen Erfolgsgeschichte war Top-Torschützin Natascha Krotova, die mittlerweile 250 Kilometer entfernt von Peine in der westfälischen Stadt Steinfurt lebt. Auch von ihrer einstigen Lieblingssportart hat sich die 52-Jährige distanziert.

„Ab und zu gucke ich noch Handball im Fernsehen. Aber das war es auch schon. Ich verfolge nicht einmal, was Vater Jahns jetzige Oberliga-Mannschaft macht. Die Zeiten sind einfach vorbei. Ich vermisse nichts, genieße mein Privatleben“, betont Krotova, die nichtsdestotrotz von der Peiner Handball-Hochzeit Ende des vergangenen Jahrtausends schwärmt. „Es war toll damals, die Heimspiel-Atmosphäre in der Silberkamp-Halle einmalig. Zuschauer, Mannschaft, Verein – wir hielten wie eine Familie zusammen. Und unser Team war besonders, menschlich hat es super gepasst. Das war eine unserer Stärken.“

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Ihrer Ansicht nach war die von Michael „Schotte“ Neumann trainierte Mannschaft spielerisch eher durchschnittlich. „Aber unsere Deckung stand sehr gut. Und wir agierten klug, machten auf dem Feld immer das Richtige, um Erfolg zu haben. Die besten Spielerinnen des Gegners wurden beispielsweise meist immer kurz gedeckt“, betont Krotova, die seit 2015 mit Nachnamen Diesen heißt. Ihren Ehemann Andreas lernte sie ein paar Jahre zuvor per Internet kennen, kurze Zeit darauf wurde der Umzug in die Wege geleitet. Wie in Peine arbeitet die ehemalige Rückraumspielerin auch in Steinfurt als Postzustellerin und hat sich längst eingelebt.

Der Kontakt in ihre vorherige Heimatstadt ist bescheiden, beschränkt sich weitgehend auf den Austausch von Whats-App-Nachrichten mit ehemaligen Arbeitskollegen und gelegentliche Telefonate mit Michael Neumann. „Das ist aber normal. Wie soll man Kontakt halten, wenn man sich nicht sieht? Die weite Anreise stößt ab, um sich zu treffen“, erläutert die Russin, die seit langem eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland besitzt. „Die russische Staatsbürgerschaft behalte ich weiter. So kann ich meine Mutter, die in Moskau lebt, immer schnell besuchen, ohne ein Visum zu beantragen. Das ist nämlich sehr umständlich.“

In Russlands Hauptstadt wuchs Natascha Krotova mit drei Geschwistern auf. Da ihr handballerisches Talent einer Sportlehrerin auffiel, verließ sie ihre Familie und wechselte im Alter von zwölf Jahren auf ein Sportinternat. „Wir haben da zweimal am Tag trainiert – und zwar sehr hart, wie das eben so ist in Russland. Schwer zu ertragen war auch, dass ich weit weg von Mama und Papa lebte. Das Internat lag am schwarzen Meer “, erinnert sich die ehemalige Jahnerin, die sich sportlich ständig verbesserte und im Alter von 17 Jahren Profi-Handballerin wurde. In ihrer nachfolgenden Karriere verschlug es sie unter anderem zu einem sibirischen Verein, später zu einem Erstligisten in Ungarn.

1994 erhielt Natascha Krotova von einer Freundin, die seinerzeit in Misburg lebte, den Tipp, dass es eine Möglichkeit gäbe, in Deutschland Handball zu spielen. „Und ich wollte auch wechseln, hatte keine Lust mehr, in Ungarn zu bleiben“, erinnert sich die 52-Jährige. Von ihren Absichten bekam Michael Neumann über Dritte Wind und lotste sie zu Vater Jahn. „Die ersten eineinhalb Jahre in Peine wohnte ich bei den Neumanns zur Untermiete und hatte ein Arbeitsvisum, das darauf ausgestellt war, meinen Unterhalt mit Handball zu bestreiten. Verdient habe ich beim MTV aber sehr wenig. Eine eigene Wohnung lag erst später drin.“

Sportlich ging es schneller voran, Peines bis dato abstiegsgefährdete Damen-Oberliga-Mannschaft schaffte nicht zuletzt dank Krotovas Können den Klassenerhalt und startete anschließend weiter durch. Ursächlich für die späteren Abstiege aus der 2. Liga (2000) beziehungsweise Regionalliga (2003) war ihrer Meinung nach zum großen Teil die fehlende Bereitschaft der Mannschaft, öfter als zweimal pro Woche zu trainieren. Ein Jahr bevor das Team auseinander fiel, das später bis in die Bezirksklasse durchgereicht wurde, verließ sie den Verein und wechselte für eine Serie zur SG Misburg. Anschließend beendete sie ihre aktive Karriere und war mehrere Jahre als Trainerin für die HSG Nord Edemissen aktiv.

„Eigentlich bin ich mein ganzes Leben lang unterwegs gewesen“, bilanziert Natascha Krotova, für die Heimat der Ort ist „wo meine Familie und Freunde leben.“ Fühlt sie sich eher als Deutsche oder als Russin? „Ich denke auf Deutsch und brauche bei Besuchen meiner Familie in Moskau immer ein paar Tage, um wieder fließend russisch zu sprechen. Und meine Mutter sagt immer, ich würde mich wie eine Deutsche benehmen. Die Menschen beider Länder haben gute und schlechte Charakterzüge. Deutsche sind im allgemeinen ruhig, besonnen, kriegen aber einen Nervenzusammmenbruch, wenn man ein paar Minuten zu spät zu einer Verabredung erscheint. Russen sind eher lockerer, familiärer und zeigen ihre Gefühle. Dafür sind sie schroffer, teilweise sogar unfreundlich.“

Natascha Krotova hat sich mit den guten und schlechten Charakterzügen der Menschen beider Länder längst arrangiert. „Und ich bin glücklich mit meiner Situation, so wie sie jetzt ist.“

Von Jürgen Hansen

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