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Hannover 96 Ein bisschen weg
Sportbuzzer Hannover 96 Ein bisschen weg
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00:18 04.04.2015
Von Heiko Rehberg
Auch für die Zeit nach Kinds Ausscheiden als Clubchef und Multi-Geschäftsführer liegen die Pläne bereit.
Auch für die Zeit nach Kinds Ausscheiden als Clubchef und Multi-Geschäftsführer liegen die Pläne bereit. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

Die HAZ nutzt die Pause zwischen dem Heimspiel gegen Dortmund und dem Auswärtsspiel in Frankfurt zu einer 96-Serie.

Bisher erschienen:

Teil 1: Die Trainer

Teil 2: Die Manager

Teil 3: Der Talentschuppen der „Roten“

Teil 4: Anspruch und Wirklichkeit bei 96

Teil 5: Der Verein und seine Fans

„Kind muss weg“: Die Rufe der Gegner des Clubchefs von Hannover 96 waren in den vergangenen Heimspielen in der HDI-Arena nicht zu überhören. Das Kuriose dabei ist: Martin Kind will ja weg. Nur noch nicht jetzt. Und erst recht nicht, weil das rund 100 Fans im Stadion rufen.

Im Oktober vergangenen Jahres hat Kind angekündigt, dass er sich im Sommer 2017 nach dann 20 Jahren an der Spitze von Hannover 96 zurückziehen will. An dem Plan hält er fest, er hat das am Mittwoch noch einmal bestätigt. „Irgendwann muss es ja mal zu Ende gehen“, sagt er. Es ist ein typischer Kind-Satz.

Ein bisschen weg will der 70-Jährige aber schon vorher sein. Kind möchte - möglichst schon zum 1. Juli - einen zweiten Geschäftsführer einstellen für das 96-Profiunternehmen (GmbH & Co. KGaA). Der bisherige Geschäftsführer heißt Kind. „Wir müssen die Verantwortung breiter aufstellen“, nennt er das und spricht von einer „Aufgabenteilung“, die es dann geben soll. Kind wird also vermutlich noch in diesem Jahr Macht abgeben. Das gehört nicht zu seinen großen Stärken, aber bis 2017 ist es nicht mehr lange hin, der Übergang soll schließlich nicht plötzlich kommen, sondern behutsam vonstatten gehen.

Zu viele Brennpunkte für einen Alleinunterhalter

Alles liegt bei Kind - das war und ist oft eine Stärke von 96. Und an einigen wichtigen Punkten die große Schwäche. Krise in der Bundesliga, Unruhe im Nachwuchsleistungszentrum, Streit mit der aktiven Fanszene. Das sind zu viele Brennpunkte für einen Alleinunterhalter. Die einen sagen, Kind wäre gut beraten gewesen, manches davon zu delegieren. Andere sagen: An wen denn, bitte schön?

Zukunftsmodelle für die Zeit bis Sommer 2017 gibt es mehrere, Kind hat sie alle in der Schublade. Ein Modell ist die Einstellung eines Geschäftsführers mit vornehmlich sportlicher Ausrichtung. Dass die Namen von Andreas Rettig (zuletzt Deutsche Fußball-Liga, vorher Köln und Freiburg) und Jan Schindelmeiser (zuletzt Hoffenheim) bereits im Umlauf sind, kommentiert er nicht. Dass beide in dieses Profil passen würden, weiß er. „Ich sondiere den Markt und muss gucken, wer wann verfügbar ist.“

Auch für die Zeit nach Kinds Ausscheiden als Clubchef und Multi-Geschäftsführer liegen die Pläne bereit. Kind wird in den Aufsichtsrat des 96-Profiunternehmens wechseln (GmbH & Co. KGaA), und er hat schon angekündigt, ein „eher operativer Aufsichtsrat“ sein zu wollen. Am 8. Juli 2018 werden Kind und die Investoren der „Sales & Service GmbH & Co. KG“ (kurz S & S) dann die 96-Profiabteilung komplett übernehmen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben den Weg für die Übernahme nach langem Kampf mit dem 96-Chef frei gemacht, obwohl - wie im Falle Dietmar Hopp und Hoffenheim - die sogenannte 50+1-Regel ausgehebelt wird. Für viele Fans ist das ein Horrorszenario. „Der Feind im Club hätte dann seinen letzten Willen bekommen“, beschreibt die „FAZ“ deren Sicht.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Gemeinsam mit sechs anderen Kommanditisten hat Kind den Verein 1998 vor der Insolvenz gerettet. Die „Roten“ wären ohne sie vermutlich längst ein Traditionsverein in der 5. Liga.

Stattdessen ist Hannover 96 ein Fußball-Erstligist - und ein Wirtschaftsunternehmen „wie 70, 80 Prozent aller Profivereine“, sagt Kind. Er sieht darin nichts Dramatisches, der Fußball habe sich in diese Richtung entwickelt. „Ich kann nur empfehlen, sich mit den wirtschaftlichen Rahmendaten der Vereine zu beschäftigen. Da geht es um Umsatz, Gewinn, Eigenkapital. Die Bundesliga ist ein Wettbewerbsmarkt.“

Kind sagt, dass er die Sorgen der Fans „respektiert“. Er hält sie jedoch für unbegründet. 96 werde ja nicht von einem Scheich geschluckt, in der S & S seien ausschließlich regionale Gesellschafter vereint mit „großem Verantwortungsgefühl für 96 und Hannover“.

Und auch das gehört zur Geschichte vom letzten Patriarchen der Bundesliga: Niemand bei 96 drängt Kind zum Rückzug, es gibt auch keinen im Verein oder im Umfeld, der - nicht mal unter der Hand - andeutet, dass Kinds Zeit bei 96 langsam ablaufen müsse. Das Wort ist nicht schön, aber in diesem Fall passend: Kind ist „alternativlos“.

Vor Kurzem, nach der 0:2-Niederlage von Hannover 96 in Mönchengladbach, hat Franz Beckenbauer die Arbeit von Kind in den höchsten Tönen gelobt. Natürlich hat ihm das geschmeichelt. Gebraucht hat er die freundliche Unterstützung vom großen FC Bayern nicht. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt Kind.

So funktioniert das Fußballunternehmen Hannover 96

Es gibt das Gerücht, dass bis auf Martin Kind niemand die Struktur von Hannover 96 bis ins Detail kennt. Zu dem Gerücht beigetragen hat: Martin Kind. Der Clubchef als Multi-Geschäftsführer macht damit nämlich gern Scherze. Tatsächlich ist die 96-Struktur mit mehreren Gesellschaften ein kompliziertes Gebilde – eine kleine Übersicht zum besseren Verständnis:
Hannover 96 GmbH & Co. KGaA: Diese Abteilung ist das Profiunternehmen  von Hannover 96 und damit für das wichtigste Kerngebiet verantwortlich. Neben der Lizenzspielerabteilung gehören der Aufbau und die Weiterentwicklung des Nachwuchsleistungszentrums zu dem Aufgabenbereich.
Geschäftsführung: Martin Kind.
Sportliche Leitung: Dirk Dufner.
Aufsichtsratschef: Rainer Feuerhake.
Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG: Der S & S (siehe Grafik) gehören knapp 85 Prozent (demnächst: 100 Prozent) am 96-Profiunternehmen. Die S & S übernimmt eine Dienstleisterfunktion für die KGaA. Hauptsächlich handelt es sich um Aufgaben der Markenführung und -pflege sowie die Umsetzung des Ticketings, das Merchandising und zentrale Dienste wie zum Beispiel das Rechnungswesen. Das Gesellschaftskapital der S & S beträgt rund 25,3 Millionen Euro – den größten Teil hält Kind mit rund 27 Prozent, gefolgt vom Modeunternehmer Detlev Meyer (Street One, Cecil) und dem Drogerieunternehmer Dirk Roßmann. Die Madsack Mediengruppe besitzt knapp
3 Prozent und ist damit kleinster Anteilseigner.
Geschäftsführer: Martin Kind.
Hannover 96 Arena GmbH & Co. KG: Die Arena-Gesellschaft ist für die Spieltagsorganisation in der HDI-Arena zuständig sowie für die ganzjährige Betreuung des Objekts. Auch alle Drittveranstaltungen wie Konzerte werden über diese Gesellschaft durchgeführt.
Geschäftsführer: Martin Kind.
Vorsitz Beirat: Walter Kleine.
Beirat: Gregor Baum.
Beirat: Marc Hansmann.

Hannoverscher Sportverein von 1896 e. V.: Mit mehr als 20 000 Mitgliedern ist 96 mit acht unterschiedlichen Sparten der mitgliederstärkste Verein Niedersachsens (die meisten davon sind allerdings passive Mitglieder). Der gemeinnützige e. V. hielt zuletzt 15 Prozent am Profiunternehmen 96 – in einigen Wochen wird das jedoch Geschichte sein, wenn Kind die Amateurabteilung komplett herausgekauft hat. Über den Kaufpreis gibt es Schätzungen zwischen 3 und 8 Millionen Euro – die genaue Summe ist bislang Geheimsache.
Vorstandsvorsitzender: Martin Kind.
Aufsichtsratschef: Valentin Schmidt.

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