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Hannover 96 „Ich war sicherlich nicht immer lammfromm“
Sportbuzzer Hannover 96 „Ich war sicherlich nicht immer lammfromm“
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08:39 18.10.2014
Von Björn Franz
Foto: "Ich hätte gerne mal wieder so ein Spiel wie das 6:1 gegen Gladbach in der Saison, in der wir fast abgestiegen wären" - Manuel Schmiedebach.
"Ich hätte gerne mal wieder so ein Spiel wie das 6:1 gegen Gladbach in der Saison, in der wir fast abgestiegen wären" - Manuel Schmiedebach. Quelle: Zur Nieden
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Herr Schmiedebach, was verbinden Sie mit dem 21. Dezember 2013?

(zögert) 2013/2014 war die Saison mit dem Trainerwechsel. Ich meine, das war das letzte Spiel unter Mirko Slomka.

Genau. Und es war auch das letzte Mal, dass Sie in der Bundesliga zu Spielbeginn auf der Ersatzbank saßen. Seitdem standen Sie immer in der Startelf, wenn Sie einsatzbereit waren. War der Trainerwechsel von Slomka zu Tayfun Korkut ein Glücksfall für Sie?

Klar war es das im Endeffekt für mich persönlich, weil ich mir sonst andere Wege hätte suchen müssen. Es zeichnete sich ab, dass ich unter Slomka auf längere Sicht keine Chance haben würde. Aber es wird sicherlich auch Spieler geben, die andere Ansichten haben, weil sie vorher gespielt haben und sich neu beweisen mussten. Für mich war es eben wichtig, dass ich beim Trainer wie jeder andere bei null stand – und das hat ja ganz gut geklappt.

Hatten Sie denn im vergangenen Winter schon mit dem Gedanken gespielt, den Verein zu verlassen?

Sagen wir es mal so: In der Sommervorbereitung 2013 war es eigentlich nur der Manager (Dirk Dufner, d. Red.), der mich davon abgehalten hat, zu wechseln. Ich hatte noch nichts Konkretes, aber es war ja absehbar, dass ich erneut keine Chance bekommen würde, daher hatte ich schon mit meinem Berater gesprochen. Ich war topfit und wusste nicht, was ich anders machen sollte. Dann habe ich das Gespräch mit dem Manager gesucht, und der hat mir gesagt, dass er mich auf gar keinen Fall ziehen lassen wird.

Aber Sie haben sich ja damals auch ein bisschen selbst in Schwierigkeiten gebracht – durch das Verschlafen vor einem Trainingslager und vor der Abfahrt zu einem Heimspiel.

Ich habe meinen Teil dazu beigetragen und Mirko Slomka auch. Ich war sicherlich nicht immer lammfromm, daher kann man auch nicht sagen, dass er alleine Schuld an der Situation war.

Wenn Sie jetzt als 25-Jähriger zurückschauen, ärgern Sie sich dann über Ihre Fehler oder gehören Sie auch ein bisschen zu Ihrer Persönlichkeit?

Es gehört irgendwie auch zu mir. Klar, man wird mit der Zeit ruhiger und souveräner. Aber ich war vor drei oder vier Jahren, als das alles angefangen hat, in einem Alter, in dem ich schon auch ein bisschen was vom Leben haben und nicht die ganze Zeit in einer Spur hocken wollte.

Geben Sie mit dieser Erfahrung im Hinterkopf jetzt auch den jüngeren Spielern im Kader mal einen Tipp? Oder müssen die ihre eigenen Fehler machen?

Bei ein paar Jüngeren schaut man schon genau hin und gibt dann auch Ratschläge. Aber ob sie die annehmen, ist letztlich natürlich deren Sache.

Diese Phase ist für Sie jetzt Vergangenheit, Sie sind im defensiven Mittelfeld gesetzt – und haben dabei zuletzt in ganz unterschiedlichen Formationen gespielt: Mal an der Seite von Leon Andreasen, dann neben Ceyhun Gülselam, danach als einer von drei Sechsern und zuletzt in einem Dreier-Mittelfeld. Ist die Mannschaft tatsächlich so flexibel, wie Trainer Korkut immer sagt?

Wir haben diese Formationen schon drin. Es sind eigentlich auch keine großen Umstellungen. Wir kennen ja die jeweiligen Laufwege, weil wir sie trainieren. Es gibt aber grundlegende Unterschiede dabei. Gegen Bayern zum Beispiel war es so, dass wir nicht wirklich zu den Gegenspielern hingelaufen sind, um sie zu attackieren. Sie sollten sich auf den Außenpositionen aufreiben, und wir wollten in der Mitte wirklich sattelfest sein. So war zumindest am Anfang der Plan. Wir haben es uns dann aber selbst eingebrockt, dass wir schon nach sechs Minuten hinterherlaufen mussten. Davor in Paderborn und Stuttgart haben wir uns auswärts jeweils drei oder vier Chancen herausgespielt. Wenn wir die konsequent reingemacht hätten, wären die Spiele sicher ganz anders ausgegangen. Und dann würden wir uns jetzt auch gar nicht über dieses Thema unterhalten. Dann würde jeder sagen: „Der Tayfun ist ein überragender Taktikfuchs!“ Jetzt stellen sich alle hin uns sagen: „Es hat ja nicht geklappt!“

Sagen wir es so: 96 ist nach einem guten Saisonstart etwas ins Stocken geraten. Jetzt warten mit Mönchengladbach und Dortmund zwei dicke Brocken – muss die Mannschaft aufpassen, in der Tabelle nicht durchgereicht zu werden?
Ich sehe es positiv: Wir können aber auch wieder klettern – natürlich sind beide Richtungen möglich. Wir sollten schon aufpassen, dass wir jetzt gegen Mönchengladbach die drei Punkte mitnehmen. Aber darüber, dass wir das nicht schaffen könnten, mache ich mir eigentlich gar keinen Kopf.

Sie werden voraussichtlich gemeinsam mit Gülselam im Mittelfeldzentrum spielen. Als er im Sommer verpflichtet wurde, hat der Trainer ihn als jemanden bezeichnet, der auch als alleiniger Sechser spielen könne – im Gegensatz zu Leon Andreasen und Ihnen. Wie nimmt man so etwas auf?

Zur Person:

Manuel Schmiedebach wurde am 5. Dezember 1988 in Berlin geboren und hat einen multikulturellen Familienhintergrund. Sein Vater Helmut ist Deutscher mit irischen Vorfahren, seine Mutter Betty Kolumbianerin, die mit der Großmutter als Kind nach Venezuela ausgewandert ist, und sein Großvater Marokkaner mit portugiesischen Vorfahren.

Mit den B-Junioren von Hertha BSC Berlin wurde der Mittelfeldspieler 2005 deutscher Meister, drei Jahre später wechselte er zu Hannover 96 und schaffte in der Saison 2009/2010 den Sprung in den Profikader der „Roten“, für die er inzwischen 127 Bundesligaspiele absolvierte.

Schmiedebach engagiert sich in den Jugendprojekten „Mitternachtssport“ (Berlin) und „Glücksmomente“ (Hannover).  bj

Das hat mir der Trainer schon vor der Verpflichtung gesagt. Er meint, dass Leon und ich Typen sind, die immer auch etwas nach vorne machen wollen. Leon ist derjenige, der wirklich bis zum gegnerischen Fünfmeterraum durchrennt. Und ich bin eher der, der sich auf Außen rumtreibt und mit Doppelpässen versucht, Räume für Flanken zu öffnen. „Cey“ ist der komplett andere Spielertyp, er bleibt wirklich auf der Sechs und verteilt von dort aus die Bälle. Solch einen Spieler wollte der Verein unbedingt haben. Aber ich denke, das ist eher Tagesgeschäft: Mit Konkurrenz muss ich mich auseinandersetzen. Man muss eben sehen, dass man selbst immer topfit ist und die Frage gar nicht erst aufkommen lässt, ob man eventuell nicht spielen könnte.

Mal etwas ganz anderes: Machen Sie sich eigentlich wegen des Lokführerstreiks ein bisschen Sorgen?

(lacht) Solange er sich nicht zu lange zieht, noch nicht.

Aber ein längerer Streik würde Sie in Ihrem normalen Lebensablauf ziemlich treffen, immerhin haben Sie keinen Führerschein und fahren ja bis zu dreimal in der Woche mit dem ICE nach Berlin.

Meine Freundin lebt in Berlin, meine Familie auch. Die möchte ich natürlich sehen und wäre schon eingeschränkt, wenn ich Sonntagmittag los will und der Montag trainingsfrei ist.

Welche Rolle spielt Berlin denn? Ist es noch immer Heimat und erste Anlaufstelle?

Auf jeden Fall. Da kann ich gut abschalten.

Ist das dort auch leichter, weil Sie in Berlin im Gegensatz zu Hannover auf der Straße nicht oft erkannt werden?

Ich denke, in Berlin geht man immer anonym durch die Straßen. Egal, ob man dort lebt oder von außerhalb kommt, weil es ein anderer Typ Mensch ist und es viel zu viele Ablenkungen gibt. Da gibt es Alba, die Eisbären, Hertha und noch dies und das. Da sind so viele, die populär sein wollen oder sind, da geht man in der Masse einfach unter.

Kommt Ihnen das vom Naturell her entgegen?

Ja. Definitiv.

Woran liegt es denn, dass Sie gar keinen Wert darauf legen, in der Öffentlichkeit aufzutauchen?

Mich interessiert es einfach nicht, mich als Person in der Öffentlichkeit darzustellen oder zu profilieren. Man sieht, was wir am Sonnabend leisten, und schaut danach auch mal in die Zeitung. Aber was bringt mir das im Endeffekt? Ich sehe da keinen Nutzen drin.

Sie haben unlängst gesagt, Hertha BSC wäre Ihre alte Liebe und Sie könnten sich inzwischen gut vorstellen, noch einmal für den Klub zu spielen. Müssen sich die 96-Fans jetzt Sorgen machen?

Nein, im Endeffekt nicht. Klar, Hertha war mein Jugendverein, da habe ich eine tolle Ausbildung genossen und hatte viele Freunde. Für mich ist es extrem schwer gewesen, dort wegzugehen. Aber ich habe in Hannover noch einen bis Sommer 2016 laufenden Vertrag, bin erst 25 Jahre alt und werde ja vielleicht bis 33 spielen können. Wenn ich dann noch ein Jahr in Berlin dranhängen könnte, wo ich nach meiner Profikarriere auch leben möchte, wäre das etwas Schönes. Mehr aber auch nicht.

Vertrag ist ein gutes Stichwort: Haben Sie schon über eine Verlängerung über 2016 hinaus gesprochen?

Mein Berater (Robert Schneider, d. Red.) war kürzlich hier, und das Thema wurde kurz angesprochen. Es laufen derzeit die ersten Gespräche, wir schauen uns die aktuelle Situation an und nehmen uns die Zeit, die wir benötigen.

Welche Rolle spielt bei solch einer Entscheidung das Geld? Es geht ja inzwischen um Summen, die für normale Arbeitnehmer völlig utopisch sind.

Natürlich schaut man auch, wo es finanziell hintendiert. Man spielt vielleicht zehn Jahre auf hohem Niveau – wenn es gut läuft. Man sollte für die Zeit nach der Karriere weitestgehend abgesichert sein. Ich muss mir im Moment sicherlich keine Gedanken machen, wie ich meinen Urlaub finanziere. Aber was mache ich nach den zehn Jahren? Wenn ich mich dann hinsetze und sage: „Mensch, hätte ich doch bloß ein bisschen mehr aufs Geld geschaut“, das wäre blöd für mich. Dann hätte ich auch einen Bürojob machen können, den ich auch nach den zehn Jahren noch sicher hätte.

Glauben Sie, dass Sie mit dieser Einstellung ein typischer Fußballprofi sind?

Ich glaube, dass viele so denken. Es gibt sicherlich Ausnahmen, die von der Hand in den Mund leben und die sich hinterher fragen, was sie da angestellt haben. Aber bei 96 gibt es viele, die alles im Blick haben.

Viel Geld zieht auch viele Freunde an. Wie groß ist denn die Gefahr, dass andere Menschen von Ihrer finanziell privilegierten Situation profitieren wollen?

Klar kommt das vor. Und es ist schon bitter, wenn man mitbekommt, wie man wegen des Geldes ausgenutzt werden soll. Aber es ist natürlich schwierig abzuschätzen, von welchen Personen das dann kommt.

Haben Sie das selbst schon erlebt?

Ja.

Können Sie denn speziell jungen Spielern in dieser Hinsicht einen Rat geben?

Im Endeffekt sollte man wirklich nur noch Geld verleihen, wenn man im selben Atemzug auch darauf verzichten würde. Wenn Menschen aus der eigenen Umgebung zu einem kommen und erzählen, dass sie Probleme haben, etwas zu bezahlen, und man die Summe selber leicht aufbringen könnte, dann ist das schwierig. Aber im Gegenzug muss man auch wissen, dass man das Geld wahrscheinlich nie wiedersehen wird.

Wenn Sie sich abschließend noch eine Schlagzeile für die Montagsausgabe der HAZ mit Ihrem Namen darin wünschen dürften –, auch wenn Sie nicht gerne in der Öffentlichkeit stehen – welche wäre das?

(zögert) Keine. Aber ich hätte gerne mal wieder so ein Spiel wie das 6:1 gegen Gladbach in der Saison, in der wir fast abgestiegen wären (Saison 2009/2010, d. Red.). Das war eines der besten Spiele, seit ich hier bin. Und das wäre mir wichtiger als eine Schlagzeile.

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