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Fußball Robert Enke: Der Unvergessene
Sportbuzzer Fußball Robert Enke: Der Unvergessene
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14:20 29.10.2013
Von Heiko Rehberg
Am 10. November 2009 erschütterte die Nachricht vom Suizid von Robert Enke Millionen Fußballfans.
Am 10. November 2009 erschütterte die Nachricht vom Suizid von Robert Enke Millionen Fußballfans. Quelle: Ulrich zur Nieden
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Am Mittwoch ist der 10. November. Vor einem Jahr an diesem Tag nahm sich Robert Enke, Kapitän von Hannover 96, Fußball-Nationaltorwart, ein außergewöhnlicher Sportler und Mensch, das Leben. Man schreibt diesen Satz hin, liest ihn und möchte ihn erst einmal wieder löschen. Weil er beim ersten Lesen zu kühl wirkt, zu nüchtern. Wenn man ihn sich aber selbst laut vorliest, wenn man ihm dabei nachhört wie einem Echo, dann ist er weder kühl noch nüchtern, sondern entfaltet nach zwölf Monaten eine emotionale Wucht wie an jenem Abend des 10. November 2009 die Nachricht, dass Robert Enke tot ist.

Damals war der erste Gedanke: Das kann nicht sein. Irgendwann, nach Minuten, nach Stunden der Lähmung, schlich sich die Frage nach dem Warum in den Kopf, weil man das Bild eines Sporthelden vor Augen hatte, eines Torwarts, der auf dem schönsten und gleichzeitig undankbarsten Posten, den der Fußball zu bieten hat, immer ruhig, konzentriert, gelassen und vor allem stark gewirkt hatte. Dieses Bild ließ sich nicht in Verbindung damit bringen, dass auch Sporthelden eine andere Seite haben können, dass es wie bei Robert Enke einen größeren Gegner gibt als einen raffinierten Freistoßschützen, in seinem Fall die heimtückische Krankheit Depression. Zweimal in seinem Leben raubte sie ihm alle Lust daran, beim zweiten Mal kurz vor seinem Tod war sie so stark, dass der 32-Jährige am Ende keinen anderen Ausweg sah, als sich vor einen Zug zu stellen.

Diese Tragödie hat Millionen Menschen in Deutschland bewegt und berührt, in Hannover noch ein bisschen mehr als anderswo. Am Mittwoch jährt sich zum ersten Mal der Todestag. Auf dem Friedhof im kleinen Ort Empede in der Nähe von Neustadt werden 96-Präsident Martin Kind und eine Delegation des Deutschen Fußball-Bundes, angeführt von Präsident Theo Zwanziger, Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, Kränze niederlegen; sie begleiten Enkes Frau Teresa, gemeinsam haben sie den verständlichen Wunsch geäußert, an diesem Tag allein sein zu können mit ihrer Trauer und mit ihrer Erinnerung, unbehelligt von Fernsehteams, Fotografen, Zeitungsreportern, aber auch von Fans.

Das Grab des Torwarts und seiner Tochter Lara, die im September 2006 starb, schmücken jede Woche frische Blumen, die Menschen hinlegen. Zwischen Kerzen, Laternen, Engeln und Herzen aus Stein lehnt ein Foto, das Robert Enke im schwarzen Rollkragenpullover zeigt, Regentropfen liegen über den Zeilen, die dazugehören, die letzten Worte sind: „Du fehlst so sehr.“ Auch ein Schal von Hannover 96, der Länge nach ausgebreitet, nass vom Regen, liegt auf der Erde.

Vor der AWD-Arena werden sich am Mittwoch spontan Menschen treffen, viele von ihnen waren erst Enke-Fans, bevor sie 96-Fans wurden. Dort, wo sich am Abend des 10. November 2009 Hunderte versammelt hatten, um nicht allein sein zu müssen mit ihrer Trauer und ihren Gefühlen, werden sich auch am Mittwoch wieder Menschen treffen. Hunderte? Tausende? Niemand weiß das genau, und im Grunde ist es auch unwichtig; wichtig ist, dass die Menschen in der Stadt Enke nicht vergessen haben.

Wer sich umhört bei 96, wer mit Fußballfans spricht, in den Internetforen stöbert, sich in seinem Freundeskreis umhört, der kennt die Antwort, die ein wenig Trost ist in diesen Tagen: Robert Enke ist in den Erinnerungen unzähliger Menschen lebendig, dort wehrt er noch einmal im Spiel gegen den Hamburger SV drei unhaltbare Bälle in zehn Sekunden ab, dort winkt er in die Fankurve, ein Fußballprofi, den viele vor allem deshalb bewundert haben, weil er nicht bereit war, den Respekt und das Miteinander und das Menschliche im Konkurrenzkampf des oft gnadenlosen und an der Macht des Stärkeren orientierten Profifußballs aufzugeben.

Mit dem Todestag nähern sich die Fragen, die immer schon da waren; auf manche gibt es keine Antwort und wird es wohl auch nie eine geben. Nur auf eine Frage gibt es eine klare Antwort, auch wenn sie einen machtlos erscheinen lässt. Es ist die Antwort auf die Frage, ob man Enkes Leben hätte retten können, und sie lautet: Nein. „Wer eine solche Diskussion führt, der zeigt nur seine große Unwissenheit“, sagt Enkes früherer Berater und Freund Jörg Neblung. Martin Kind, der 96-Chef, hat dieses Thema in einem Fernsehinterview angestoßen. Diejenigen, die Enke nahestanden, hat er damit entsetzt, aber wer Kind kennt, der weiß, dass er niemandem die Schuld geben wollte. Kind geht es ein Jahr danach noch immer so wie im November 2009: Für eine solche Tragödie gibt es keine Handbücher, die verraten, was ein Verein oder ein Klubchef machen müssen. Damit gibt es auch kein falsch oder richtig.

Es ist zu spüren, wie schwer sich Hannover 96 in diesen Tagen tut mit dem, was Torwart Florian Fromlowitz „das Thema“ nennt. Die Spieler schweigen dazu, lediglich von Kapitän Steve Cherundolo gibt es einen Satz, der sich erst einmal erschreckend distanziert anhört: „Diese Mannschaft in der jetzigen Phase hat mit dem Todestag von Robert Enke nichts zu tun.“ Aber auch hinter diesen Worten steckt nur Unsicherheit, die Sorge, sportlich noch einmal aus dem Tritt zu geraten wie 2009 in den Monaten danach. Profis dürfen, ja, sie müssen so denken, aber das bedeutet noch lange nicht, dass diejenigen, die mit Robert Enke zusammen gespielt haben, ihn vergessen haben. Das haben sie keineswegs.

Am Ende bleibt die Frage, ob sich nach Enkes Tod Dinge verändert haben, im Kleinen wie im Großen. „Im gesamten Fußballgeschäft sind wir wieder da, wo wir vorher waren“, sagt 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke. Martin Kind sagt: „Die Welt dreht sich in einem Jahr nun mal nicht um 180 Grad.“ Das klingt illusionslos und ist dennoch eine Antwort, die die Hoffnung erlaubt, dass die Welt, deren Drehungen für den einen manchmal zu schnell und für den anderen zu langsam sind, sich ein bisschen in die Richtung bewegt, die Robert Enke lächeln lassen würde.