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Fußball Und plötzlich ein Bundesligastar?
Sportbuzzer Fußball Und plötzlich ein Bundesligastar?
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00:15 10.05.2014
Von Stefan Knopf
Ein Herz für Paderborn und für die 1. Liga: Marc Vucinovic
Ein Herz für Paderborn und für die 1. Liga: Marc Vucinovic Quelle: imago
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Paderborn/Hannover

Es ist noch gar nicht lange her, da hatte Marc Vucinovic vom Fußball die Nase voll. Es war einiges schiefgelaufen für den Mann, der auf der Außenverteidigerposition und im Mittelfeld zu Hause ist. „Ich war irgendwie fertig mit Fußball“, sagt Vucinovic. Das war Anfang 2011.

Nur zum Spaß trainierte er in dieser Zeit beim Hildesheimer Bezirksligisten TuSpo Schliekum, weil dort sein bester Freund Eugen Klein und „ein paar andere Kumpels“ spielten. Vucinovic war damals gerade 22 und hatte als junger Spieler die emotionale Berg- und Talfahrt vom hochgejubelten Talent zum gescheiterten Profi hinter sich.

Heute, drei Jahre später, ist Vucinovic auf dem besten Weg, mit dem SC Paderborn in die Bundesliga aufzusteigen - und damit eine der größten deutschen Fußball-Sensationen zu schaffen. Vor dem letzten Spieltag am Sonntag steht Vucinovic mit Paderborn auf dem 2. Rang der 2. Liga - also auf einem direkten Aufstiegsplatz.

Einer wie Buchautor Ronald Reng hätte an diesem Fußballmärchen seine helle Freude. Reng beschreibt in einem seiner Bücher eine ganz ähnliche Geschichte: Es geht dabei um den unglaublichen Aufstieg des Kölner Torwartes Lars Leese. Der Torhüter kickte mit 22 Jahren in der Kreisliga Westerwald, hatte seine einst realistischen Karrierehoffnungen längst begraben und wurde plötzlich von einem englischen Erstligisten verpflichtet. Mit 28 hielt Leese in der Premier League den Kasten des FC Barnsely sauber. Ronald Reng nannte sein Buch „Der Traumhüter“.

Wie damals Torwart Lars Leese dürfte sich heute Vucinovic fühlen. „Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, ich könnte in die Bundesliga aufsteigen - ich hätte denjenigen für verrückt erklärt“, sagt er und muss über den Satz lachen. Erst neulich habe er mit seinem Kumpel Eugen Klein darüber gesprochen. „Schon der Wahnsinn, was so alles passieren kann“, sagt Klein.

Eine Art Dauereuphorie durchströmt Vucinovic. Seine Welt ist jetzt in Ordnung. Mit Freundin Christina lebt er in Hannover in einer gemeinsamen Wohnung. Mindestens zwei Tage die Woche ist er in der Stadt. In Paderborn, seiner Fußball-Heimat, hat er ein Apartment.

Schon vor gut sieben Jahren, mit gerade 18, erzielte Vucinovic für den SV Bavenstedt in der Niedersachsenliga Tore am Fließband (allein in der Saison 2007/2008 waren es 19). Eintracht Braunschweig wurde auf ihn aufmerksam. Anfang 2010 holte ihn Trainer Torsten Lieberknecht an die Hamburger Straße. Vucinovic erhielt einen Zweijahresvertrag.

Dann begann die Pechsträhne. Im April 2010 zog er sich zwei Muskelfaserrisse zu. Aber es kam noch dicker. Es folgte ein Wadenbeinbruch mit Operation - zehn Monate setzten ihn die Verletzungen außer Gefecht. Nach der Genesung fand sich Vucinovic in der Braunschweiger Reservemannschaft wieder. So etwas demoralisiert.

„Ich wollte nicht mehr, ich brauchte eine Pause, musste weg“, sagt er heute. Vucinovic löste seinen Vertrag mit der Eintracht auf. Er musste sich neu ordnen. Fußball ging bei ihm in dieser Phase „maximal nur so zum Spaß. Und eine Profikarriere kam mir überhaupt nicht mehr in den Sinn“.

Ein bisschen kicken wollte er aber dennoch. Also marschierte er zu seinen Freunden beim Bezirksligisten TuSpo Schliekum - in die 7. Liga. „Nur um zu trainieren“, erinnert er sich. „Bis mir Trainer Stephan Pietsch anbot, die Rückrunde mitzuspielen.“ Vucinovic stimmte zu, und im Laufe dieser Schliekumer Zeit kam langsam die Freude zurück. Am Ende der Serie 2010/2011 stieg die TuSpo in die Landesliga auf, Vucinovic war am Aufstieg des Teams maßgeblich beteiligt: „Der Ehrgeiz war wieder da, ich wollte höherklassiger spielen.“

Vucinovic erhielt ein Angebot des Regionalligisten TSV Havelse. Doch 2. oder 3. Liga oder sogar die 1. Liga? „Daran habe ich keinen Gedanken verschwendet“, sagt er.

Wichtiger war ihm die berufliche Zukunft. Er begann neben dem Fußball eine Ausbildung zum Bürokaufmann bei der Messe AG in Hannover. Parallel machte Vucinovic beim TSV Havelse seinen Weg. Der drahtige Spieler wurde unter Trainer André Breitenreiter zum Leistungsträger. Vucinovic erzielte 26 Tore, stieg mit dem TSV fast in die 3. Liga auf.

Höhepunkt war aber das DFB-Pokalspiel gegen den Erstligisten 1. FC Nürnberg. Vucinovic zeigte eine überragender Leistung und schoss in der Verlängerung den 3:2-Siegtreffer für Havelse. Ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Dass Trainer Breitenreiter erfolgreich arbeitet, war dem Zweitligisten SC Paderborn nicht verborgen geblieben. Der Klub lockte den Coach nach Ostwestfalen - und Breitenreiter überredete Vucinovic zum Mitkommen: „Er muss was von mir gehalten haben“, sagt Vucinovic, „außerdem bestand auf meiner Position noch Bedarf im Kader.“ Außenverteidiger ist ein anspruchsvoller Job im modernen Fußball. Sie müssen abwehren können, offensive Akzente setzen, gut flanken, schnell unterwegs und torgefährlich sein.

Plötzlich war Vucinovic in der 2. Liga - doch er blieb auf dem Teppich. „Ich hatte ja schon einiges erlebt“, sagt er. Er handelte mit dem SC Paderborn aus, dass er seine Lehre zum Bürokaufmann abschließen konnte. Er arbeitete in der Geschäftsstelle des Klubs, ging zweimal wöchentlich zur Berufsschule und trainierte zudem. Ende 2013 bestand er die Prüfung. Seither kann er sich voll auf Fußball konzentrieren.

Sein neues Team legte derweil eine nicht für möglich gehaltene Saison hin - Vucinovic saß während der Spiele meist nur auf der Bank, erhielt sporadische Einsätze. Und ausgerechnet jetzt, in der entscheidenden Phase, in der es um den Aufstieg geht, war er plötzlich mittendrin.

Vor knapp drei Wochen wechselte ihn Breitenreiter im Spitzenspiel gegen Greuther Fürth (2:2) für den Rot-gefährdeten Thomas Bertels ein. Vucinovic sorgte für den 2:1-Führungstreffer. Gegen den SV Sandhausen (2:2) stand er anschließend von Beginn an auf dem Platz und bereitete das 1:0 vor. „Dass das dann gleich so gut läuft, ist außergewöhnlich“, sagt Vucinovic, der auch am vergangenen Spieltag beim 2:0-Sieg in Aue 90 Minuten auf dem Platz stand.

Außergewöhnlich wäre auch der Erstligaaufstieg. Paderborn spielt Sonntag am letzten Spieltag gegen VfR Aalen, bei einem Sieg wäre der Aufstieg geschafft, egal der Drittplatzierte Fürth spielt. Bei einem Paderborner Unentschieden dürfen die zwei Punkte schlechteren und zehn Tore besseren Franken gegen Sandhausen nicht gewinnen.

Ob Vucinovic Sonntag wieder von Beginn an mit im Team ist? „Noch hat sich der Trainer nicht geäußert“, sagt der 25-Jährige und atmet tief durch. „Die Stimmung hier ist top - nicht nur im Stadion.“ Nur 145 000 Einwohner hat Paderborn, der SC in der 1. Liga ist für viele Fußballfans in Deutschland noch immer eine komische Vorstellung.

„Wir werden in der City angesprochen, man lobt die Spieler - es ist eine klasse Zeit“, sagt Vucinovic. Und das Beste: Marc Vucinovic hat noch einen Vertrag für die kommende Saison. Geht Sonntag alles gut, wird Bayern-Star Franck Ribéry in der kommenden Saison einen neuen Gegenspieler kennenlernen.

Der SCP für Anfänger

Der SC Paderborn 07 (SCP) spielt in der Bundesliga gegen Bayern München Viele Fußballfans können sich das noch nicht richtig vorstellen. Selbst Experten tun sich schwer, mehr als drei Paderborner Spieler aufzuzählen. Oder wissen Sie, wer beim SC im Tor steht? Paderborn für Anfänger – eine kleine Klubkunde.

  • Namenswirrwarr: 1985 fusionierten TuS Schloß Neuhaus und der 1. FC Paderborn zum TuS Paderborn-Neuhaus, 1997 wurde der Klub in SC Paderborn 07 umbenannt.
  • Bilanz: Seit 2005 spielt Paderborn in der 2. Liga, unterbrochen lediglich von einer Drittligasaison 2008/2009. Die beste Platzierung in der 2. Liga war bislang zweimal ein 5. Platz.
  • Stadion: In die Benteler-Arena, optisch einem Schuhkarton ähnlich, passen 15 000 Zuschauer, mit einer Sondergenehmigung kann der Klub dort ein Jahr in der 1. Liga spielen. Allerdings nicht am Freitagabend: Weil Nachbarn gegen den Stadionlärm eine Klage einreichten und Recht bekamen, müssen die Spiele dort bis 22 Uhr beendet sein.
  • Etat: Der Lizenspieleretat von bisher sechs Millionen Euro – weniger als das Gehalt manches Bayern-Profis – soll im Falles des Aufstiegs auf 15 Millionen Euro steigen. In der Geldrangliste bliebe damit nur der letzte Platz.
  • Der Macher: Der 62-jährige Möbel-Unternehmer Wilfried Finke ist Klubchef und Mäzen in einer Person. Kein Zufall, dass sein Möbelhaus an der A33 direkt neben dem Stadion liegt.
  • Der Trainer: André Breitenreiter hat unter anderem für den VfL Wolfsburg, Hamburger SV und Hannover 96 gespielt. Als Trainer hat er sich beim TSV Havelse einen Namen gemacht, auch beim TuS Altwarmbüchen hat er schon eine Mannschaft betreut – die F-Jugend mit seinem Sohn Emil. Seine Tochter Clara (15) spielt bei der TSG Ahlten. Steigt Paderborn nicht auf, soll Breitenreiter den Klub gegen eine Ablösesumme von 500 000 Euro verlassen können. Eintracht Frankfurt hat Interesse.
  • Torwart: Lukas Kruse ist Paderborns Nummer 1.

hr

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