Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Fußball Trügerische Bilder vor der WM in Brasilien
Sportbuzzer Fußball Trügerische Bilder vor der WM in Brasilien
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:51 03.03.2014
Die Sympathiewerte für das elf Milliarden Euro teure Turnier sind stark gesunken. Nur noch 52 Prozent der Brasilianer unterstützten die WM, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Datafolha.
Die Sympathiewerte für das elf Milliarden Euro teure Turnier sind stark gesunken. Nur noch 52 Prozent der Brasilianer unterstützten die WM, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Datafolha. Quelle: dpa (Symbolfoto)
Anzeige
Rio de Janeiro

An der Copacabana könnte es schon losgehen. Die professionellen Sandburgenbauer am berühmtesten Strand der Welt haben wie immer ganze Arbeit geleistet und kunstvolle Paläste erschaffen, filigran und mannshoch zugleich. Auf dem vier Kilometer langen Strand wird gekickt und genossen, die Stimmung ist ausgelassen. Der Karneval befindet sich gerade in der Hochphase in Rio de Janeiro, und zumindest an der Copacabana ist bereits alles hergerichtet, um die Welt zu einer gigantischen Strandparty zu empfangen. Die erhoffen sich die erwarteten 600.000 Touristen ja von der Copa do Mundo, der Fußball-WM in Brasilien, die heute in genau 100 Tagen beginnt: am 12. Juni.

Doch schon auf der anderen Seite der Promenade Avenida Atlântica beginnen die Probleme, die keine Postkartenkulisse überdecken kann.  Schreckensszenarien gibt es zwar vor fast jeder Großveranstaltung im Sport. Aber die Lage ist wirklich ernst. Die Uhr, die die Tage an der Copacabana rückwärts zählt bis zum Start des großen Fußballfestes, darf man auch als Warnung verstehen. Es sind nur noch 100 Tage bis zum WM-Beginn – und nicht nur bei einigen Stadionbauten hinkt Brasilien dem Zeitplan spektakulär hinterher.

Die unfertigen Arenen in den Spielorten Cuiabá, Curitiba, Manaus und São Paulo, wo die „Seleção“ am 12. Juni gegen Kroatien das Eröffnungsspiel austragen soll, sind dabei nur die unübersehbaren Menetekel einer von Problemen durchzogenen Vorbereitung. Ganze Infrastrukturprojekte wurden komplett eingestampft, vieles, was die Gastgeber für die WM versprochen hatten, wird erst zu Olympia 2016 in Rio de Janeiro fertig, wenn überhaupt. Für Kritiker wie Romário, Weltmeister von 1994 und inzwischen zum Politrebellen gewandelt, ist es ein von „Gaunern und Banditen“ angerichtetes Chaos, in dem sein Land aufs Turnier zusteuert – und „eine Blamage“.

Die Organisatoren geben sich dennoch unverdrossen optimistisch. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff kündigt mantraartig „a Copa das Copas“ an, die Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften, wie es schon ihr Vorgänger und Parteifreund von der Arbeiterpartei PT, Lula da Silva, nach dem Turnier 2010 in Südafrika getan hatte. Man werde bereit sein, wenn es losgehe, das versprechen alle, die an der Organisation beteiligt sind. Der Fußball-Weltverband FIFA ist dennoch unüberhörbar besorgt. „Es ist ein ganz knapper Wettlauf mit der Zeit, der eine laufende Überwachung erfordert“, sagte Generalsekretär Jérôme Valcke jüngst, als an Curitiba als Spielort mit großen Bauchschmerzen und notgedrungen festgehalten werden musste.

Noch immer fehlt es vielen Menschen an dem Nötigsten

Kaum jemand zweifelt daran, dass Brasilien eine beachtliche Party veranstalten wird – aber auch nicht daran, dass diese einen trügerischen Eindruck vermitteln wird. Es werden vor allem die schönen Bilder sein, von Traumkulissen und lebensfrohen Menschen, die die Welt zu sehen bekommt. Warum die Brasilianer beim Konföderationenturnier im Juni 2013 zu Hunderttausenden auf die Straße gingen und vielleicht auch während der WM gehen werden, dürften die Fernsehbilder dagegen nur am Rande vermitteln. 20 Millionen Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, haben in den zurückliegenden Boomjahren den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft. Ein historischer Erfolg für das Land. Doch noch immer fehlt es großen Teilen der Bevölkerung am Nötigsten: allen voran an einem funktionierenden Bildungs- und Gesundheitssystem. Allein in Rio gibt es rund 1000 Armenviertel, die Favelas. Wer reich ist, kann sich in Brasilien alles erkaufen. Die Masse aber kann das nicht – und blickt wütend auf eine korrupte Elite, die das nicht kümmert. So sehen das jedenfalls die Kritiker. „WM für die Reichen, Abfall für die Armen“, lautet eine ihrer Parolen bei den landesweiten Protesten.

Die Verärgerung ist so groß, dass sogar in dem fußballverrückten Land die Freude über die WM deutlich abgekühlt ist. Die Sympathiewerte für das elf Milliarden Euro teure Turnier sind stark gesunken. Nur noch 52 Prozent der Brasilianer unterstützten die WM, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Datafolha. Im November 2008, ein Jahr nach der WM-Vergabe, seien es 79 Prozent gewesen, vor einem Jahr noch 65 Prozent.

Der Staat wappnet sich derweil mit martialischen Gesten für neue Massenproteste. Die für ihr zuweilen brutales Vorgehen berüchtigte Militärpolizei wird gerade mit neuen Kampfanzügen ausgerüstet, 150 000 Polizisten und Soldaten sowie 20 000 private Kräfte sollen bei der WM eingesetzt werden. „Wir sind sehr gut vorbereitet, um die Sicherheit für alle zu garantieren“, sagte Rousseff. Für eine Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften, bei der für die Gastgeber nur der Titel zählt, wünschen sich ihre Landsleute und die Touristen wohl ein anderes Klima. Sie verbindet die Hoffnung auf den Jeitinho, jene berühmte Improvisationskunst der Brasilianer, mit der sich auch ihr Alltag irgendwie bewältigen lässt – und der in 100 Tagen wenigstens für einen Monat pausiert.

Maik Rosner

Fußball Nach Pyrotechnik-Vorfall bei Nord-Derby - Werder droht Anhängern mit Konsequenzen
03.03.2014
Fußball Trainerwechsel zum Saisonende - Veh verlässt Eintracht Frankfurt
03.03.2014
02.03.2014