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20:00 22.04.2016
Zurück auf der Literaturbühne: Benjamin von Stuckrad-Barre stellt auf der Lit.Cologne sein neues Buch "Panikherz" vor. Quelle: Rolf Vennenbernd / dpa

Popliteratur – das klingt nach Kaugummi und Discokugel, nach durchtanzten Nächten und vergeudeter Jugend. Popliteratur ist das Pendant zum Popcornkino und Popmusik: das populäre Gegenstück zum intellektuellen Gesellschaftsroman, Arthousekino und Zwölftontechnik. Die wichtigste Frage lautet hier nicht, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war oder ob Gott existiert, sondern ob Blurs neue Platte amerikanisch oder eher beatlesk ist.

Diese Sache debattiert Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Roman "Soloalbum" (1998), der Bibel der Popliteraturgeneration der Neunzigerjahre. Mit seinem neuen Roman "Panikherz" nach fünfjähriger Schreibpause verhilft er auch dem Genre zu einem Comeback.  

Zwar galten schon die Beatniks der Vierzigerjahre wie William S. Burroughs als Popliteraten, doch Ende des Jahrtausends feierte das Genre hierzulande seinen Höhepunkt. Autoren wie Christian Kracht ("Faserland"), Sibylle Berg, Florian Illies und Benjamin Lebert schrieben über Liebe, Partys, Drogen und Erwachsenwerden und propagierten einen radikal selektiven Blick auf die gesellschaftliche Realität.

Das Ende der Spaßgesellschaft

Gegenwartskultur, Urbanität und Hedonismus stehen im Vordergrund. Stilistisch dominieren Legerheit, Plakativität und Kürze. Der Rhythmus der Sprache ist ähnlich wichtig wie in der Musik. Das Feuilleton verwendet den despektierlichen Ausdruck für Literatur, die sich auch mit Kater gut konsumieren lässt.

Das Jahr 2001 gilt inoffiziell als Ende der neuen deutschen Popliteratur. Der Anschlag auf das World Trade Center entzog der Spaßgesellschaft den Boden. Während die Popliteratur Adoleszenz ausstellt und feiert, reiften die Popliteraten.

Benjamin Lebert, der in "Crazy" über die Pubertätsprobleme eines halbseitig Gelähmten schrieb, hat sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, zuletzt legte er mit "Mitternachtsweg" (2014) eine märchenhaft-sagenhafte Geschichte über einen Wiederkehrer aus dem Watt vor. Florian Illies, der in "Generation Golf" (2000) den heute Mittvierzigern ein Denkmal setzte, feierte 2012 mit dem historischen Gesellschaftspanoptikum "1913" große Erfolge.

Vorbild Udo Lindenberg

Es scheint, nur Benjamin von Stuckrad-Barre hat das Musikerideal des "never grow old" so stark verinnerlicht, dass er bei einem Konzert der Band Noel Gallagher's High Flying Birds in Los Angeles verzweifelte, wie er in "Panikherz" schreibt. Es erinnerte ihn an die Helden seiner Jugend, die inzwischen aufgelöste Band Oasis. Songtitel der Gallagher-Brüder hatten einst die Überschriften seines Debüts "Soloalbum" gebildet.

Pop durchströmt die Bücher dieses Autors. Auch das stark autobiografisch geprägte "Panikherz" beginnt mit einem Musiker: wie er in den USA mit dem dort unbekannten Udo Lindenberg bei der Passkontrolle wartet und der mit typisch lindenbergscher Coolness nuschelt. Der Autor bekennt sich zu Lindenberg als dem Idol seiner Kindheit als Pastorensohn im ökologisch-dogmatischen Umfeld.

"Udo im Trenchcoat, mit Hut, an einer Straßenecke, lässig an der Zigarette ziehend: jahrelang, ach, bis heute eigentlich mein Idealbild einer gelungenen männlichen Existenz", heißt es im Text. Wie der Icherzähler mit Udos Musik bricht und schließlich zu ihr zurückfindet, markiert die Rahmenhandlung seines eigenen Aufstiegs und Niedergangs.

Zur Popliteratur gehört auch die intermediale Vermarktung der Autoren, die einen kommerziellen Erfolg sichert. Niemand lebte dieses Ideal so wie Stuckrad-Barre. Mit Christian Kracht modelte er für ein Bekleidungskaufhaus, kaum eine Talkshow ließ er aus. Dort gebärdete er sich bisweilen eher wie ein Rockstar und nicht wie dessen braver Bruder, der Popper. Eine Ausgabe der Sendung "Zimmer frei!" mutierte 2002 zu einer Essensschlacht.

Als arroganter Narzisst lebt Benjamin von Stuckrad-Barre die typische Haltung der Popliteratur. Und er zerbrach fast an seinem Erfolg. Er wurde Bulimiker ("Hundert Prozent Lesesaalauslastung, ein Prozent Fett – das ist das Glück") und drogenabhängig. Die Musik begleitete ihn weiter, selbst in Form eines "Kotzsoundtracks".

Kurz vor dem Tiefpunkt zerstörte er seine Musiksammlung – parallel zum eigenen Körper. Der Versuch einer "Autodiscografie", also eines Soundtracks zu seinem eigenen Leben,  scheiterte am Schreiben des Booklets. Dieses Buch, das zwar im Belletristik-Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheint, aber nicht das Label "Roman" trägt, holt dies nun quasi nach.

Die Nachtseiten des Höhenflugs

Es war wieder der selbst suchterfahrene Udo Lindenberg, der den Icherzähler aus einem "sehr dunklen, nicht enden wollenden seelischen Dauernovember" herausholte und ihn im legendären Hotel Chateau Marmont in Los Angeles einquartierte: "Bisschen auf Vorrat die Sonne einsammeln, hm, Stuckiman?" Keine Panik. Dieses Buch bedient all die Motive der Popliteratur, doch es handelt auch von den Nachtseiten des Höhenfluges und vom Aufprall danach. Die Feuilletons feiern Stuckrad-Barre schon wieder. Ein gelungenes Comeback.

Und wie viel Pop steckt nun in der Literatur von heute? Einige sehen Charlotte Roche und Sarah Kuttner als späte Vertreterinnen des Genres. Als (Ex-)Moderatorinnen haben sie auch die entsprechende mediale Präsenz. Und Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" (2010) steht für eine neue Generation schnoddrig vorgetragener Partyeskapaden. Jetzt rezensierte die Autorin "Panikherz" für den "Spiegel".

Von Nina May

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