Interview mit Doris Dörrie über Geigerzähler, Überleben und Klobrillen
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Promi-Talk Warum sind uns die Japaner so fremd?
Sonntag Promi-Talk Warum sind uns die Japaner so fremd?
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10:00 15.03.2016
Umtriebige Autorin, Regisseurin und Japan-Fan: Doris Dörrie im Gespräch über ihren neuen Film "Grüße aus Fukushima". Quelle: Mathias Bothor/Majestic

Frau Dörrie, wie muss man sich die Dreharbeiten zu Ihrem neuen Film vorstellen: Haben Sie die ganze Zeit Geigerzähler parat gehabt?
Jeden Tag. Zuvor hatte ich mich aber genau informiert. Ich wusste, dass die durchschnittliche Strahlung in Fukushima nicht mehr gefährlich ist. Sie bewegt sich auf dem Niveau von München. Sonst wäre ich nicht gefahren.

Gab es trotzdem Momente der Beunruhigung?
Was uns überrascht hat, war der starke Wind. Staub und Dreck wirbelten wochenlang durch die Luft, das war zermürbend. Wir hatten Angst. Mit Dosimetern haben wir immer wieder die Strahlenbelastung gemessen. Hinterher haben wir die Geräte ans Strahleninstitut geschickt. Zum Glück waren die Ergebnisse unbedenklich. Sonst wäre es schlimm gewesen.

Und wie belastet ist der Boden?
Der ist verstrahlt, anbauen lässt sich dort nichts. Man sieht in unserem Film meterhohe Wälle von schwarzen Plastiksäcken: Darin befindet sich verstrahlte Erde. Damit die Säcke nicht stören, werden davor inzwischen weiße Wände hochgezogen.

Ihr Film kommt punktgenau zum fünften Jahrestag der Atomkatastrophe in die Kinos. Haben Sie das so geplant?
Reiner Zufall. Ich habe lange gebraucht, um den Film zu schreiben, zu finanzieren, zu drehen. Ich war schon im November 2011 in Fukushima. Ich wollte da unbedingt hin und bin auch in die Notunterkünfte gegangen. Dort wohnen die Menschen immer noch. Es bricht einem das Herz.

Kam man einfach so in das Gebiet rein?
Damals ging das nur mit besonderer Genehmigung: Das war Sperrzone, die erst Anfang 2015 aufgehoben wurde. Heute will die Regierung, dass die Bewohner zurück in ihre Häuser ziehen, um die finanzielle Unterstützung einzusparen. Aber da ist keine Infrastruktur, nichts.Und der Boden ist weiterhin radioaktiv belastet. Was sollen die alten Leute dort? So verrückt wie unsere Filmheldin Satomi dürften die wenigsten sein, in kaputte Häuser zu ziehen, in denen es keinen Strom und kein Wasser gibt.

Sind die Bilder der Zerstörung in Ihrem Film echt?
Wir haben in elf Kilometern Entfernung vom Atomkraftwerk gedreht. So wüst und leer sieht es dort tatsächlich aus. Das Haus, das Sie sehen, steht genau da. Die Bewohner haben überlebt, die aus dem Nachbarhaus sind ertrunken. Die Fundamente drum herum stammen von weggespülten Häusern. Die Bilder vom Tsunami haben Augenzeugen mit dem Handy gefilmt.

Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie mit Butoh-Tänzer Tadashi Endo an der Küste Fukushimas. Quelle: Mathias Bothor / Majestic

Wer hat dort schon vor Ihnen gedreht?
Niemand. Jedenfalls noch keinen Spielfilm. Mag sein, dass das Unglück den Leuten noch zu nahe ist. Es dauert, bis man so eine Katastrophe fiktiv bearbeiten kann. Vielleicht will man aber auch einfach nur vergessen.

Mussten Sie bei Ihrem Team Überzeugungsarbeit leisten, diese Reise anzutreten?
Mein Team war sofort dabei, auch unsere deutsche Hauptdarstellerin Rosalie Thomass. Allerdings hatte Rosalies Mutter mächtig Angst und wollte, dass ihre Tochter zu Hause bleibt.

Wie sahen die Dreharbeiten aus?
Die waren extrem hart. Wir haben sechs, sieben Wochen lang in Containern gelebt – in solchen, wie wir sie jetzt in Deutschland von den Flüchtlingsunterkünften kennen. Allerdings waren unsere kleiner, japanischer Standard eben. Drum rum gab es ein Krematorium, zwei Puffs und einen Supermarkt.

Wie sind Sie empfangen worden?
Mit offenen Armen. Die alten Leute in den Notunterkünften waren dankbar, dass sich überhaupt noch jemand für sie interessiert.

Galt das noch, als sie erfuhren, dass sie Darsteller in einem Spielfilm werden?
Aber ja! Besonders als wir unsere japanische Hauptdarstellerin Kaori Momoi ankündigten. Sie ist in Japan ein Star. Plötzlich wollten alle noch schnell zum Friseur, das war logistisch schwer zu bewerkstelligen. Es gibt ja keinen vor Ort. Für die Bewohner waren wir eine echte Abwechslung, es passiert dort den lieben langen Tag lang nichts. Die Hula-Hoop-Reifen aus unserem Film haben wir dagelassen: Die Frauen wollten weiter üben.

Sie schicken gern unglückliche Filmfiguren nach Japan: Ist das ein guter Ort, um sich trösten zu lassen?
Für mich manchmal schon. In der japanischen Lebensart, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und die anderen mehr zu beachten, liegt auch die Chance, Schmerz anders zu bewältigen.

Elmar Wepper als trauernder Witwer in Japan in einer Filmszene aus "Kirschblüten - Hanami". Quelle: Majestic / dpa

Wie anders gehen denn wir Europäer mit Trauer um?
Wir sind viel egozentrischer und wollen Dinge sofort verändern. Ein Japaner aber passt sich der Situation an. Er will sich nicht dauernd als Individuum von den anderen absetzen. Der Nachteil ist, dass Japaner nicht so leicht aufbegehren. Sie ertragen und erleiden die Situation.

Erklärt das, warum in Japan kaum jemand gegen neue Atomkraftwerke aufbegehrt?
Auf Demonstrationen gegen Atomkraft gehen inzwischen nur fast noch Leute, die älter als 70 sind. Die Jüngeren halten es für verlogen, sich zu engagieren. Sie wollen, dass Strom für ihre Computer da ist. Im Alltagsleben in Tokio spielt Fukushima kaum mehr eine Rolle.

Obwohl so viele im Bekanntenkreis Opfer zu beklagen haben?
Wenn ich den Film hier in Deutschland Japanern zeige, fließen ganz schnell Tränen. Die Erinnerung kommt wieder hoch. Wie man in Japan auf den Film reagieren wird, wissen wir noch nicht, aber wir möchten ihn gern in Fukushima, dort wo wir gedreht haben, zeigen. Wir sind auch zu japanischen Filmfestivals eingeladen.

Trotzdem schwer verständlich: Wieso machen die Japaner einfach so weiter?
Im privaten Gespräch bekennen sich viele zu ihrer Wut, Frustration, auch Angst. Aber öffentlich hat sich nichts geändert. Auch die idiotischen Angewohnheiten sind geblieben: Im Winter werden die Zimmer auf 26 Grad aufgeheizt und im Sommer auf 17 Grad runtergekühlt. Und Klobrillen werden nach wie vor beheizt.

Sprechen Sie solche Dinge an?
Das habe ich aufgegeben, wer will  schon belehrt werden? Die japanische Bevölkerung hat aber sehr genau registriert, als die Deutschen wegen Fukushima aus der Atomkraft ausgestiegen sind. Sie haben gestaunt, würden aber nie erwägen, Ähnliches zu tun.

Sie filmen nahe an der Wirklichkeit: Gibt es auch für die Figur der Geisha im Film ein Vorbild?
In Kamaishi – das liegt im Norden von Fukushima – lebte eine alte Geisha. Sie überstand die Katastrophe und bedauerte sehr, dass sie niemandem ihr Lied, den „Fishermen Song“, weitergeben konnte. Davon hörten drei Geishas aus Tokio und fuhren zu ihr. Diese drei habe ich in Tokio aufgestöbert, und sie singen nun im Film das Lied. Die alte Geisha, 86 Jahre alt, ist vor wenigen Wochen gestorben – in ihrer Notunterkunft.

In Ihrem Film spuken Geister – auch in der Realität von Fukushima?
Viele Japaner glauben daran, besonders in dieser Region. Nach allgemeiner Vorstellung irren dort die Geister von Menschen herum, die plötzlich zu Tode gekommen sind und das selbst gar nicht wissen. Wir hatten große Mühe, Statisten zu finden. Viele fürchteten sich.

Sie waren schon so oft in Japan, sprechen die Sprache ein wenig: Ziehen Sie irgendwann ganz nach Fernost?
Nein. Spätestens nach drei Monaten spüre ich, dass ich in Japan immer Außenseiterin bleiben würde. Das ist schmerzlich, aber ganz gut als Erfahrung zu spüren, wie es ist, wenn einem nicht erlaubt wird, sich wirklich zu integrieren. Der Rassismus ist groß. Ich habe enge japanische Freunde, aber die meisten leben in Deutschland.

Zur Person

Ein Film machte Doris Dörrie vor mehr als drei Jahrzehnten berühmt: "Männer" (1985), eine deutsche Beziehungskomödie. Damals rümpfte bei dieser Bezeichnung noch niemand die Nase. Dörrie hatte ein witziges Original vorgelegt, die ungezählten Epigonen sollten erst noch folgen.

Heiner Lauterbach schritt in "Männer" als betrogener Gatte zur ausgeklügelten Rache an seinem Nebenbuhler, gespielt von Uwe Ochsenknecht. Der nichtsahnende Konkurrent wird zum Karrieristen hergerichtet. Am Ende fahren beide Streithähne Paternoster, bekleidet nur mit Boxershorts und Leopardentanga.

Für "Männer" hatte Dörrie nach eigenen Worten ausgiebig Feldforschung im öffentlichen Raum betrieben: Sie belauschte Vertreter des männlichen Geschlechts, um herauszufinden, worüber diese so reden, wenn sie glauben, dass keine Frauen zuhören. Offenbar traf Dörrie den richtigen Ton und auch den Zeitgeist: Mehr als fünf Millionen Zuschauer amüsierten sich in der eigentlich fürs ZDF produzierten Komödie, die sich als ausgewachsenes Kinowunder entpuppte.

Faible für Fernost

Spätestens seit "Männer" zählt die 1955 in Hannover geborene Arzttochter zu den renommierten Autorenfilmern, bekannt weit über Deutschland hinaus. Beim Filmfestival von Cannes saß sie vor Jahren schon mal in der Jury. Eine größere Ehre gibt es kaum.

Auch jenseits des Atlantiks interessierte man sich bald für die junge Regisseurin: Mit "Ich und Er" (1988) unternahm Dörrie einen Ausflug auf den US-Markt. In dem derben Kinospaß spricht ein Penis zu seinem Besitzer. Der Film wurde einhellig verrissen, und Dörries Liebelei mit dem US-Kino währte auch nur kurz – zumal sie mit den schwerfälligen Produktionsbedingungen nicht recht warm wurde. Lieber dreht Dörrie mit kleinem Team, leichtem Equipment und viel Durchlässigkeit zur Wirklichkeit.

Immer wieder zieht es die Filmemacherin nach Fernost. In "Erleuchtung garantiert" (2000) gehen zwei Brüder in Japan verloren und finden am Ende zu sich selbst. In "Kirschblüten – Hanami" (2008) reist ein trauernder Witwer stellvertretend für seine Frau nach Japan, zieht deren Kleider an und nimmt am Fuße des Fudschi Abschied von ihr. Und nun läuft in den Kinos "Grüße aus Fukushima", der erste Spielfilm, der dort nach dem Reaktorunfall gedreht wurde. Eine junge Katastrophenhelferin aus Deutschland begegnet einer alten Geisha und lernt fürs Leben.

Sandra Moon in der Rolle der "Madame Butterfly" in der gleichnamigen Oper, 2005 im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz von Doris Dörrie inszeniert. Quelle: Oliver Gerds / dpa

Dörrie ist aber nicht nur Drehbuchautorin und Regisseurin, sondern ebenso Autorin (zuletzt mit dem Roman "Diebe und Vampire"), sie inszeniert Opern (zum Beispiel "Così fan tutte" an der Berliner Staatsoper, "Rigoletto" an der Staatsoper in München), und sie lehrt als Professorin an der Münchner Filmhochschule (Dramaturgie und Stoffentwicklung). Im Fernsehen drehte sie die Miniserie "Klimawechsel" über Frauen in den Wechseljahren.

Dörrie lebt in München, ihr Lebenspartner ist Martin Moszkowicz, Chef der Produktionsfirma Constantin. Die Regisseurin beschreibt diese Beziehung gern als die zwischen einem Branchentiger und einer Nischenschwalbe.

Von Stefan Stosch

Die Schriftstellerin Juli Zeh engagierte sich politisch in der NSA-Affäre, glaubt jedoch, dass ihr Einsatz weitgehend folgenlos geblieben ist. 2007 zog sie in die brandenburgische Provinz, wo auch ihr neuer Roman spielt. Mit Nina May sprach sie über das Landleben und das Moralorgan des Menschen.

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Dirk Schmaler 15.03.2016