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Rund um die Welt Eine Robinsonade in Patagonien
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Eine Robinsonade in Patagonien

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05:06 23.02.2021
Der Bosque Encantado verdient seinen Namen - mehr Zauberwald geht kaum.
Der Bosque Encantado verdient seinen Namen - mehr Zauberwald geht kaum. Quelle: Florian Sanktjohanser/dpa-tmn
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Puyuhuapi

Der Plan ihres Vaters habe etwas Größenwahnsinniges gehabt, sagt Luisa Ludwig. Aber sie seien eben Romantiker gewesen, Ernst und die drei anderen Sudetendeutschen aus Roßbach in Böhmen, dem heutigen Hranice.

Inspiriert von den Berichten berühmter Entdecker, wollten sie Europa entfliehen und hinaus in die weite Welt. "Und vor allem wollten sie Abenteuer, Robinson spielen."

Den Ort dafür wählten sie trefflich: eine Bucht am Ende eines Fjords, gerahmt von Regenwaldbergen, Wasserfällen und Gletschern. Puyuhuapi nannten die indigenen Mapuche diesen Fjord, Inseln der süßen Früchte. Die jungen Pioniere gaben ihrer Siedlung den Namen Waldhagen.

Heute leben rund 600 Menschen in dem Kaff am Ende der Welt. Die Holzhäuser sind bunt gestrichen. Von den weißen Sprossenfenstern blättert die Farbe ab, davor dösen Hunde.

Die Anfänge waren rau

Bis vor kurzem führte Luisa Ludwig, 70, das erste Haus am Platz: die "Casa Ludwig", eine Pension im dreistöckigen Holzhaus, das ihr Vater gebaut hatte. Nebenbei schrieb sie die Geschichte des Dorfes und seiner Gründer auf. "Puyuhuapi war Waldhagen" heißt das Buch.

Anhand von Interviews, Tagebüchern und Briefen ihres Vaters rekonstruierte Ludwig die Abenteuer der Pioniere. Anfang 1935 segelten die Männer in den Fjord. In der Bucht gingen die vier Sudetendeutschen an Land. Sofort begannen sie, eine Hütte zu bauen. Die Balken banden sie mit Schlingpflanzen zusammen, auf das Dach legten sie Binsen. Gekocht wurde auf offenem Feuer. Und geschlafen auf Feldbetten aus Segeltuch, durch das der kalte Wind pfiff.

Puyuhuapi ist längst ein chilenisches Dorf, nur ein paar Nachfahren der ersten Siedler sprechen noch ein wenig Deutsch. "Ich habe mich hier immer sehr verwurzelt gefühlt", sagt Luisa Ludwig. Trotzdem musste natürlich auch sie, die sich "eine alte Achtundsechzigerin" nennt, hinaus in die Welt. Ihren 18. Geburtstag feierte sie auf dem Schiff von Buenos Aires nach Hamburg. Sie machte eine Ausbildung zur Dolmetscherin, studierte Psychologie und arbeitete fünf Jahre in Bremen. "Aber ich wollte immer zurück nach Chile", erzählt sie. Seit 20 Jahren lebt sie wieder in Puyuhuapi.

Der Zauberwald unter dem Hängegletscher

Wer durch den nahen Queulat-Nationalpark wandert, versteht sie gut. Besonders im Bosque Encantado, dem Zauberwald. Die Bäume hier sind grüne Pelzskulpturen, von jedem Ästchen der Südbuchen triefen Zottelbärte, jede Wurzel und jeder Stein ist mit Moosen gepolstert. Über glitschige Holzstufen und Felsen steigt man auf, bis sich der Urwald plötzlich zu einer fantastischen Schlucht öffnet. Namenlose Wasserfälle stürzen die Hunderte Meter hohen Felswände herab. Über den Talschluss neigen sich die Eisbalkone des Pudu-Gletschers.

Für die jungen Pioniere war der Kaltregenwald eine Wildnis, die es zurückzudrängen galt. Mit Äxten fällten sie die Bäume, mit Macheten rodeten sie die Dickichte aus Bambussen und Farnen. Finanziert vom Bruder eines der Gründer kauften sie Kühe und Schweine und legten Gemüsegärten an. Bald erzeugte ein Wasserrad Strom.

Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, zogen vertriebene Sudentendeutsche nach, das Dorf blühte auf. Butter und Käse sowie Bretter aus dem Sägewerk wurden nach Puerto Montt verkauft, auf selbst gebauten Webstühlen wurden Tweeds hergestellt.

Bis 2018 konnte man den Frauen an altertümlichen Webstühlen zuschauen, nun ist die Fabrik geschlossen. Das Sägewerk sperrte schon 1975 zu, auch die Viehwirtschaft kam zum Erliegen.

Bleibt nur der Tourismus. Er begann, als 1982 die Carretera Austral vollendet wurde, die 1350 Kilometer lange Schotterpiste durch den chilenischen Teil Patagoniens. Zuvor war Puyuhuapi fast ein halbes Jahrhundert nur per Schiff erreichbar. Weltweite Aufmerksamkeit brachte der Region Aysén vor allem eine Kampagne, die der verstorbene Umweltschützer Doug Tompkins angestoßen hatte. Seit 2018 vermarktet Chile die Route der Nationalparks mit 17 Schutzgebieten.

Eindrücke aus einem Naturparadies

Der Queulat-Nationalpark wird vermutlich deutlich mehr Reisende sehen, wenn die Corona-Krise erst mal vorbei ist. Seine Wanderwege sind von der Carretera Austral schnell zu erreichen, besonders der gut ausgebaute und kurze Pfad zum Ventisquero Colgante, dem Hängenden Gletscher. Man spaziert durch hausgroße Felsen, vorbei an Darwins Berberitzen, über deren orangefarbenen Blüten Kolibris schwirren.

Auf einer Hängebrücke geht es über den grau schäumenden Fluss, Holzstufen führen steil hinauf zu einer Aussichtskanzel. Von hier hat man den Postkartenblick auf die hellblau leuchtenden Zacken und Türme, die Abbruchkante des mächtigen Eisflusses hoch oben in einer dunklen Felswand. Zwei Wasserfälle ergießen sich von der Gletscherzunge 200 Meter tief, unten schlängelt sich das Schmelzwasser durch ein Geröllbett bis zur Laguna Témpanos.

In Luisa Ludwigs Kindheit war dieses Naturspektakel noch unerreichbar fern. In den heißen Quellen auf der anderen Seite des Fjords dagegen - damals ein beliebtes Ausflugsziel - badete sie schon als Mädchen.

Heute steht dort ein nobles Thermenhotel. Holzstege verbinden die geschindelten Häuser, riesige Fenster gewähren Blicke auf den Fjord. Im Kajak paddelt man um ein Inselchen, die Felsen am Ufer sind mit Moos überzogen. Ein Seelöwe taucht auf und gleich wieder ab, ansonsten ist nur das Plätschern der Paddel zu hören.

Zum Aufwärmen sind es nur ein paar Schritte, vom Pier zu den Außenbecken. 38 Grad steht auf einer Tafel. Im ersten Moment fühlt es sich an, als würde der Fuß verbrühen. Aber dann versinkt man unter dem Baldachin aus mannshohen Farnen in Badewannen-Wohligkeit, blickt durch Dampfschwaden hinaus auf den Fjord, die Urwaldberge und die Schneegipfel. Und denkt sich: Gut gewählt.

© dpa-infocom, dpa:210222-99-540512/4

dpa