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Wissen Wie eine Mutter ihren drogenabhängigen Sohn per Segeltörn vor dem Knast rettete
Nachrichten Wissen Wie eine Mutter ihren drogenabhängigen Sohn per Segeltörn vor dem Knast rettete
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11:58 19.09.2018
Auf dem Weg in ein neues Leben: Jonas (heute 18, damals 16) genießt die Zeit auf dem Segelboot seiner Mutter. Quelle: privat/Franziska Krafft
Hannover

In ihrem Buch „Wendemanöver“ schreibt die alleinerziehende Mutter Franziska Krafft über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Drogen. Der älteste ihrer drei Söhne war jahrelang schwerst abhängig. Doch dann kam das Wendemanöver, ein Segeltörn mit seiner Mutter bei dem er – trotz Beiboot – die Stellung gehalten hat.

Gefängnis oder Segelboot? Sie mussten entscheiden, bevor Sie mit Ihrem just aus dem Drogenentzug entlassenen Sohn auf Segeltour gegangen sind. Glauben Sie, dass er erleichtert war, dass ihm so der Zugang zu den Drogen verwehrt wurde?

Ich denke schon, aber das würde er nie zugeben. Für seinen Zustand nach dem Entzug war das total wichtig. Das ist das tolle an dem Schiff, da wird es so deutlich wie nur was, dass es da nichts gibt. Der körperliche Entzug war ja in der Klinik vorher. Aber dann kommt der emotionale Entzug zu lernen, dass man Nein sagen muss. Das ist viel schwieriger.

Mit Ihrem Segeltörn scheinen Sie ihm einen guten Weg geebnet zu haben. Sie zitieren am Ende Ihres Buchs „Wendemanöver“ aus der Mail einer Nachbarin. Sie schließt mit den Worten: „Am Ende siegt immer die Liebe …“

Ja. Am Ende ist die Liebe die stärkste Kraft im Universum. Es hätte so viele Möglichkeiten gegeben, keinen Sinn mehr in der Aktion zu sehen. Auch weil Jonas’ Prognose so schlecht war. Jemand, der mit 13 anfängt und so massiv Drogen konsumiert, da liegt die Chance, dass der die Kurve kriegt, bei unter einem Prozent.

Sie beschreiben einige Momente, in denen man hätte aufgeben können. Etwa als Ihr Sohn in der Entzugsklinik, kurz vor Antritt der Reise, wieder rückfällig wurde.

Bis zu dem Moment, als wir auf dem Schiff waren, stand die ganze Sache total auf der Kippe. Aber das habe ich, um meine Kräfte zu schonen, ausgeblendet.

Haben Sie aus dieser Einstellung heraus auch den Mut für das Projekt entwickelt?

Ich hatte gar keine andere Wahl. Ich konnte meinen Sohn nicht 24 Stunden beaufsichtigen, also musste ich ihm da auch etwas Vertrauen entgegenbringen, dass er nicht im letzten Moment abhaut, sich umbringt oder das Schiff versenkt.

Die Rolle der Helikopter-Mum, das ist ohnehin nicht Ihre, oder?

Gar nicht. Eigenverantwortlichkeit ist wichtig. Ich bin zwar da, die Tür steht immer offen. Aber ich latsch niemandem hintennach. Meine Jungs gehen ihren eigenen Weg. Das Wichtigste ist, dass man seine Kinder lieb hat und dass man auf sein Bauchgefühl hört. Wofür ich allerdings ständig Kritik von meinen Kindern bekomme, ist, dass ich immer meinen Stiefel durchziehe. Zu den Geburtstagen gibt es nichts, was Geld kostet. Dafür gibt es eine Megaparty auf einer Berghütte mit Lagerfeuer. Meine Kinder finden das saublöd. Ich bleibe aber trotzdem dabei.

Was waren denn rückblickend die Faktoren, die Ihren Sohn in die Sucht getrieben haben?

Das war sicher am Anfang die Neugier. Wir leben hier in einem Bergdorf, und dann ist er in die Pubertät gekommen, die Schule lief nicht mehr, ich war lästig und dann hat er sich gedacht: Ich ziehe jetzt mal zu meinem Vater in die Großstadt und guck mir die große Welt an. Ich habe ihm dann gesagt: „Du, ich halte dich nicht auf, probier es aus.“

Haben Sie wirklich geglaubt, dass er geht?

Er ist gegangen, war aber keineswegs vorbereitet auf das, was ihn dort erwartet hat. Er kann keinen Busfahrplan lesen. Wir haben hier nicht mal eine Ampel, und dann steht er da und ist Freiwild für solche Banden – auch mit seiner ADHS-Erkrankung und dieser kindlichen Naivität. Dass er geschwänzt hat, das hat wohl keiner bemerkt. An seiner Schule waren 5000 Kinder, hier bei uns in seiner Klasse gerade mal sieben. Das war sicher auch ursächlich für den rasanten Abstieg in die Drogen und Beschaffungskriminalität.

Gab es auf dem Schiff Momente, in denen Sie dachten, dass die Stimmung kippt?

Nicht wirklich. In dem Moment, in dem wir abgelegt haben, habe ich gedacht: „Okay, jetzt machen wir das wirklich und jetzt ziehen wir das durch.“ Es hat natürlich auch mal Zoff gegeben. Zu Beginn der Reise hat der Jonas noch gefressen wie ein Tier und hatte auch nie Lust zu helfen. Es ist aber im Rahmen geblieben.

Hatten Sie einen Plan B?

Nein. Ich war davon überzeugt, dass mein Plan aufgeht. Es gab Phasen, in denen mir die Leute sagten, dass ich gar nicht mehr zuhörte, wenn sie mich warnten. Das war teils auch so. Ich wollte Unterstützung.

Welches waren die größten Bedenken?

Mein Sohn hat ja unzählige Medikamente genommen, und da gab es die Sorge, dass er sie nicht vorschriftsmäßig nimmt. Hat er dann ja auch nicht, weil wir die Medikamente nach und nach abgesetzt haben. Und dann gab es diesen Kapitän, der im Projekt „Segelschiff statt Jugendknast“ arbeitet. Der hat auch gleich gesagt: „Vergiss es.“ Ich habe ihm dann gesagt, dass ich es trotzdem mache. Er hat mir dann so Dinge empfohlen wie nie in den Hafen zu fahren und beim Beiboot die Luft abzulassen, ständige Überwachung, kein Messer rumliegen lassen.

Sie sind trotzdem losgefahren.

Ich glaube, der Grund, warum es bei uns funktioniert hat, ist, dass er zurück in die Familie gekommen ist, er hat seine Rolle wiederbekommen.

Wie hat sich die Situation bei Ihnen in der Familie nach dem Segeltörn entwickelt?

Ich habe meinen Sohn nach dem Törn mit nach Hause in die Berge genommen – eigentlich hätte er zum Vater zurückkehren sollen. Entsprechend war niemand von uns auf die Situation vorbereitet. Durch einen glücklichen Zufall hat er auf einer Handelsschule die Chance bekommen. Morgens ist er mit seinen Brüdern zur Schule gefahren und mittags wieder heimgekommen. Und so war er plötzlich so richtig in der Familie wieder dabei.

Haben Sie nicht permanent mit der Sorge gelebt, dass Ihr Sohn wieder wegmuss?

Doch. Ich habe ehrlich gesagt auch damit gerechnet, dass sie ihn bei unserer Rückreise aus Holland nach Österreich entweder an der Grenze kassieren, die einjährige Haftstrafe stand ja noch aus, oder ihn spätestens abholen, wenn sie Wind kriegen, dass wir in Österreich sind. Wir haben uns ja nicht versteckt. Ich hab das Jugendamt dann permanent auf dem Laufenden gehalten. Sie haben ihn dann irgendwie nicht abgeholt und bei mir wuchs die Hoffnung. Auch weil ich dachte: Je länger es dauert, desto schwieriger wird es für die.

Weil er wieder in einem funktionierenden System steckte?

Ja, es lief. Und offenbar schrumpfte die Bereitschaft seitens der Behörden, ihn da wieder rauszuholen. Die Haftstrafe ist inzwischen in eine zweijährige Bewährungsstrafe umgewandelt worden, und wir wissen bis heute nicht, wer eigentlich die Bewährungsaufsicht führen soll – die Österreicher oder die Deutschen.

Das klingt so, als sei Ihr Sohn über den Berg?

Im Rahmen kann man schon sagen, dass wir die Kurve gekriegt haben. Allerdings hat man das Drogenthema sein Leben lang. Die Angst, dass er rückfällig werden könnte, ist natürlich da. Mal läuft es besser, mal schlechter, und ich glaube, das wird ihn weiter begleiten.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Behörden mit dieser Geschichte verändert?

Man sollte nicht dem Irrglauben erliegen, dass die Einrichtungen für Drogenabhängige, teure Privatschulen, Jugendhilfeeinrichtungen oder Psychiatrien, dass die irgendetwas bringen. Das ist einfach völlig für die Fische. Wenn man etwas richten will, dann muss man das selbst machen. Ich habe glücklicherweise die Chance bekommen. Diese Einrichtungen geben sich Mühe, aber am Ende sind die genauso hilflos, wie alle anderen auch.

Von Carolin Burchardt

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