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11:18 30.12.2018
Ein Denkmal für Alexander von Humboldt steht vor dem Eingang der nach ihm benannten Universität (HU Berlin). Quelle: Maurizio Gambarini/pa
Berlin

Geniale Forscher werden oft mit einer revolutionären Erkenntnis in Verbindung gebracht: Charles Darwin zum Beispiel mit der Evolutionslehre, Albert Einstein mit der Relativitätstheorie. Bei Alexander von Humboldt (1769-1859) ist das nicht so. Auch wenn er mit fast manischer Besessenheit Daten sammelte: Um einzelne Phänomene ging es ihm weniger. Vielmehr wollte er übergeordnete Zusammenhänge ergründen. „Alles ist Wechselwirkung“, schrieb er 1803.

Tobias Kraft von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betont: „Wenn es eine Humboldt-Formel gibt, dann ist es dieser Satz.“ Humboldt, dessen Geburtstag sich 2019 zum 250. Mal jährt, ist eine der prominentesten Personen der Wissenschaftsgeschichte. Schon zu Lebzeiten war er weltberühmt – wegen seiner Erkenntnisse, aber auch wegen seiner schillernden Persönlichkeit. „Humboldt war ein Weltstar der Wissenschaft“, sagt Kraft.

Frühe Tendenz zum Querdenken

Alexander, schrieb sein älterer Bruder Wilhelm, sei gemacht, „Ketten von Dingen zu erblicken“. „Die Humboldtsche Wissenschaft ist eine Vernetzungswissenschaft“, betont auch Ottmar Ette von der Universität Potsdam. Die Tendenz zum Querdenken zeigt sich früh. In Berlin in eine wohlhabende Familie geboren – der spätere preußische König Friedrich Wilhelm II. zählt zu seinen Taufpaten – werden Alexander und sein Bruder auf Schloss Tegel von Hauslehrern unterrichtet.

An Universitäten bildet er sich in Wirtschaft, Biologie, Medizin, Physik und Bergbau fort. Später besucht er etliche Länder Europas und startet 1799 sein größtes Projekt: die Amerikareise. Mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland bereist er fünf Jahre lang weite Teile des spanischen Kolonialreichs. „Humboldt finanzierte seine Reise selbst und war damit völlig unabhängig von Geldgebern“, sagt Kraft. „Das war äußerst ungewöhnlich.“

Auf Expedition in Amerika

Beladen mit einem Arsenal an Messinstrumenten wie Sextant, Fernrohr, Teleskop, Längenuhr, Barometer und Thermometer erkunden die Männer Gebiete in den heutigen Ländern Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Kuba, Mexiko und in den USA. „Meine Gesundheit und Fröhlichkeit hat trotz des ewigen Wechsels von Nässe, Hitze und Gebirgskälte sichtbar zugenommen“, schreibt ein begeisterter Humboldt nach Europa.

Der zeitgenössische Stich zeigt Alexander Freiherr von Humboldt (2.v.r) mit den deutschen Dichtern Johann Wolfgang von Goethe (r) und Friedrich Schiller (l), sowie Wilhelm (2.v.l) in Jena. Quelle: dpa

Humboldt und Bonpland entdecken die Verbindung zwischen den Flusssystemen von Orinoco und Amazonas, beschreiben die Zubereitung des Pfeilgiftes Curare, erkunden die Anden, verorten den magnetischen Äquator, bestimmen die Bläue des Himmels. Sie besteigen etliche Vulkane und erkunden den knapp 6300 Meter hohen Chimborazo, der damals als höchster Berg der Welt gilt. Und sie erforschen den kalten Strom vor der Westküste Amerikas, der heute Humboldts Namen trägt.

Wissen teilen und zirkulieren lassen

Zahllose Kisten senden die Forscher per Schiff nach Europa, randvoll mit Steinen, Pflanzen, Tieren und Kulturobjekten. Zurück in Berlin hält Humboldt öffentliche Vorträge – und nicht nur Wissenschaftler lauschen ihm, sondern auch der König und das einfache Volk. „Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden“, schreibt er einmal. Die Resultate seiner Amerikareise veröffentlicht Humboldt zudem in rund 30 Bänden, von denen der letzte 1838 erscheint, 34 Jahre nach der Rückkehr.

Humboldt ging es darum, Wissen zu teilen und zirkulieren zu lassen“, sagt Kraft. Mit seinem Enthusiasmus strahlt Humboldt auf junge Wissenschaftler aus, nicht zuletzt auf den jungen Darwin, der die Schriften des Preußen auf seiner Reise mit der „Beagle“ sorgfältig studiert. „Humboldt kann man sich als einen sehr dynamischen Menschen vorstellen, geistreich, quicklebendig, sehr kommunikationsfreudig, der mit Witz bis hin zu Schärfe auftrat“, sagt Ette. „Er konnte eine Salongesellschaft um sich versammeln und unterhalten, aber auch sehr konzentriert am Schreibtisch arbeiten und experimentieren.“

Repräsentant eines weltoffenen Deutschlands

Doch nicht alles gelingt dem Wissenschaftler: Sein inniger Wunsch einer Forschungsreise nach Indien und in den Himalaya bleibt ihm verwehrt. „Die Briten haben sich – ebenso wie die Portugiesen – sehr davor gehütet, einen Kolonialkritiker in ihre Gebiete zu lassen“, erklärt Ette.

In Deutschland wurde es zeitweilig still um Humboldt, insbesondere zur Zeit des Nationalsozialismus. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg: Die DDR vereinnahmte ihn als Anwalt für die Rechte der Unterdrückten, die BRD als Repräsentant eines weltoffenen Deutschlands. Wie populär Humboldt heute wieder ist, zeigt der Erfolg vieler Biografien. „Humboldt hat viel thematisiert, was heute von großer Bedeutung ist“, erläutert Kraft. „Damit eignet er sich hervorragend als Projektionsfläche.“

Unabhängigkeitsurkunde Lateinamerikas

Humboldt beschrieb zum Beispiel die wirtschaftlichen Verhältnisse in den Kolonien und prangerte soziale Missstände und die Unterdrückung der indianischen Bevölkerung an. „Zweifelsohne ist die Sklaverei das größte aller Übel, welche jemals die Menschheit betroffen“, schreibt er in einem Essay über Kuba. „Die Humboldtsche Ethik ist von einer fundamentalen Überzeugung der Gleichheit aller Menschen getragen“, betont Ette. „Das Humboldtsche Werk wurde gelesen wie eine Unabhängigkeitsurkunde der lateinamerikanischen Staaten.“

Die letzten Jahrzehnte lebte Humboldt, der sein ganzes Vermögen für seine Reisen und die Veröffentlichung des amerikanischen Reisewerks ausgegeben hatte, in finanzieller Abhängigkeit vom preußischen König. Als „Republikaner am Königshof“, wie Ette sagt. Tragik seines Lebens – aber zugleich ein weiteres Symbol seiner Größe. Denn, so Ette, von seinen Positionen sei er auch bei Hofe trotz vieler Anfeindungen nicht abgerückt.

Von RND/Walter Willems/dpa

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