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Wissen Trotz Rasselisten und neuen Gesetzen: Attacken von Hunden bleiben trauriger Alltag
Nachrichten Wissen Trotz Rasselisten und neuen Gesetzen: Attacken von Hunden bleiben trauriger Alltag
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21:16 03.10.2019
Ein Hund bellt und fletscht die Zähne. Quelle: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dp

Ein sonniger Tag im Stadtpark. Ein Baby krabbelt quiekend über die Wiese, zwei Fünfjährige rangeln um einen Fußball. Plötzlich ist da ein Hund, schnappt sich den Ball, schüttelt ihn knurrend. Und dann ist da ein Halter, der das nicht weiter schlimm findet, weil sein Bruno ja noch nie jemandem was getan hat und überhaupt doch nur spielen will. Wohl etliche Besitzer der vielen Tausend Hunde in Deutschland, die jedes Jahr zubeißen, hätten das vor der Attacke auch behauptet.

„Der will doch nur spielen“

„Der Satz ‚Der will doch nur spielen‘ ist oft eine Angstantwort, wenn ich in dem Moment nicht ausreichend auf meinen Hund geachtet habe“, sagt der Hamburger Psychologe Laszlo Andreas Pota. „Eine Ausrede dafür, dass man die nötige Verantwortung nicht übernommen hat.“ Seit einigen Jahren sei immer häufiger zu sehen, dass Halter mit dem Smartphone vor der Nase herumliefen, während ihr Hund frei oder an der langen Leine herumlaufe. Generell sei mehr Achtsamkeit von Hundebesitzern wünschenswert. „Schon ein Kind, das einmal plötzlich angebellt wird, kann eine lebenslange Angst vor Tieren eingeprägt bekommen.“

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Mehr als 600 erfasste Angriffe von Hunden auf Menschen gab es im vergangenen Jahr nach Daten der Senatsverwaltung allein in Berlin. „Man steckt nicht drin“, warnt der Rechtsmediziner Michael Tsokos. Bis dahin friedfertige Hunde schnappten plötzlich zu, manchmal immer wieder, wie im Rausch. Gerade das Verhalten von Kindern könne Mechanismen auslösen, die ins Beuteschema passten. Oft sind dann nicht die Hände oder Beine das Ziel. „Bei über 70 Prozent der betroffenen Kinder dominieren Kopf-, Nacken- und Halsverletzungen.“ Viele Opfer bleiben lebenslang gezeichnet.

Häufig sind Kinder die Opfer

Beispiele für Attacken aus den vergangenen Wochen: Einen Teil seines Ohrs verliert ein fünf Jahre alter Junge in Solingen (Nordrhein-Westfalen), als er in einer Sportanlage stürzt und ein Pinscher ihn daraufhin attackiert. Auf einem Campingplatz in Ellwangen (Baden-Württemberg) wird eine Dreijährige gebissen und schwer verletzt. Ein Australian Shepherd packt sie im Nacken, als sie beim Spielen in seine Richtung fällt. Auf einem Fußweg in Laudenbach (Baden-Württemberg) reißt ein Rottweiler einen Sechsjährigen zu Boden und beißt ihm in die Schulter. Von einem Mischling schwer verletzt wird ein drei Jahre alter Junge in Oberstenfeld (Baden-Württemberg): Das angeleinte Tier reißt sich los und beißt dem Kleinkind ins Gesicht.

Jeden Tag gibt es Dutzende ähnliche Angriffe, nur wenige werden öffentlich bekannt. Rund 20.000 bis 40.000 Hundebisse jährlich gibt es Hochrechnungen zufolge bundesweit – eine zentrale Erfassung existiert nicht. Rund 70 Menschen starben nach Daten des Statistischen Bundesamtes in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch Hundeattacken, acht allein im Jahr 2010. Getötet würden vor allem Menschen, die sich schlecht verteidigen können, so Tsokos: Senioren und Kinder.

26. Juni 2000: Der grausame Tod von Volkan

So wie Volkan, sechs Jahre alt, Vorschulkind, Fußballfan. Am 26. Juni 2000, in Deutschland wird da schon seit vielen Jahren ergebnislos über eine Kampfhundeverordnung, Hundeführerscheine und Leinenzwang diskutiert, spielt er mit Schulkameraden Fußball. Die Wiese liegt direkt neben seiner Grundschule in Hamburg-Wilhelmsburg. Als „Zeus“ und „Gipsy“ vom Nachbargrundstück aus über eine Mauer auf den Platz stürmen, hat Volkan noch 20 Minuten zu leben. „Und ein unfassbar qualvolles Sterben vor sich“, so Tsokos, damals Facharzt am Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg.

Die zwei Pittbull-Mischlinge, jeder von ihnen schwerer als Volkan, verbeißen sich immer wieder in sein Gesicht, den Kopf, den Nacken. Der Junge wimmert, versucht wegzukriechen, auch noch, als er schon kein Gesicht mehr hat. Lehrer trauen sich nicht einzugreifen, Polizisten wagen es zunächst nicht zu schießen, um nicht den Jungen zu treffen. Als beide Hunde endlich mit etlichen Kugeln im Körper tot daliegen, versucht ein Notarzt, Volkan zu helfen, doch der Junge liegt im Sterben.

Ob sich aus der Hunderasse als solcher auf die Gefährlichkeit eines konkreten Hundes schließen lässt, ist höchst umstritten.

Michael Tsokos, Rechtsmediziner

Besitzer waren überfordert

Bei vollem Bewusstsein und in größter Todesangst sei Volkan zu Tode gehetzt und gebissen worden, erinnert sich Tsokos, inzwischen Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité, der die Leiche des Jungen damals obduzierte. „Wie eine Beute zerfleischt“, habe der Richter später in der Urteilsbegründung gesagt. Welche potenzielle Gefahr von den Tieren ausging, sei den Ordnungshütern des Stadtteils vor der furchtbaren Attacke längst bekannt gewesen – passiert aber sei nichts. „Es ist eine Geschichte von verantwortungslosen und überforderten Kampfhund-Besitzern und von sträflichem Staatsversagen“, so Tsokos. Denn klar ist auch: Mit besseren Besitzern wären aus den Pittbull-Mischlingswelpen Zeus und Gipsy wahrscheinlich angenehme, friedliche Gefährten geworden. Die Tiere aber wurden geschlagen, „abgehärtet“, zum Kämpfen trainiert.

Strengere Gesetze für Besitzer von Kampfhunden

Nichtsdestotrotz richtet sich die öffentliche und politische Aufmerksamkeit in der Folge von Volkans Tod auf sogenannte Kampfhunde. Rasselisten für Haltungs- und Zuchtverbote werden erlassen, die Innenministerien aller Bundesländer erarbeiten strenge Verordnungen für Hundebesitzer. „Die Geschichte des Gesetzes zur Bekämpfung gefährlicher Hunde, das am 21. April 2001 in Deutschland in Kraft trat, ist untrennbar mit dem grausamen Tod des sechsjährigen Volkan verbunden“, so Tsokos.

Pittbull, Staffordshire und Bullterrier gehören fast immer zu den Rassen auf den Listen. Als Kampfhunde seien ursprünglich alle Hunde bezeichnet worden, die bei Hundekämpfen eingesetzt wurden, erklärt Tsokos. Überdurchschnittliche Körperkraft, Robustheit und gesteigerte Angriffslust seien ihre hervorstechendsten Merkmale. „Ob sich aus der Hunderasse als solcher auf die Gefährlichkeit eines konkreten Hundes schließen lässt, ist jedoch höchst umstritten und wird von vielen Tierexperten strikt verneint.“

Neue Gesetze helfen nur wenig

„Nach wie vor gibt es weder statistische Erhebungen noch wissenschaftliche Studien, die die pauschale Sonderbehandlung dieser Hunde begründen“, sagt Katrin Umlauf, Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Dennoch existierten in allen Bundesländern außer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen weiter Rasselisten zur Gefahrenprävention. Zum Positiven habe sich verändert, dass Auffälligkeiten eher zur Anzeige gebracht und Behörden schneller aktiv würden.

Das Problem ist in den meisten Fällen nicht der Hund, sondern der Halter.

Michael Tsokos, Rechtsmediziner

Beißattacken gingen oft von Hunden aus, deren Rasse auf keiner Kampfhund-Liste genannt werde – Deutschen Schäferhunden und Labradoren zum Beispiel, sagt Tsokos. „Hat die Vielzahl neuer Gesetze und schärferer Verordnungen nach dem Tod des kleinen Volkan für mehr Sicherheit vor Beißangriffen gesorgt? Leider nicht“, betont er. Die jährliche Zahl tödlicher Beißangriffe sei bis heute in etwa gleich geblieben.

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Das Problem ist oft der Halter

Fast zwölf Millionen Hunde gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. Als Vater kleiner Kinder wünsche er sich gerade in Städten wie Berlin eine konsequentere Umsetzung des Maulkorbzwangs, so Tsokos. Klar sei dabei, dass es unter den Tieren solcher Rassen jede Menge verschmuster, freundlicher Vertreter gebe. „Das Problem ist in den meisten Fällen nicht der Hund, sondern der Halter.“

Tsokos hält darum viel von einem bundesweit verpflichtenden Hundeführerschein oder ähnlichen Maßnahmen, die hinterfragen, ob jemand wirklich als Hundehalter geeignet ist. „Ich finde, dass zumindest vorab das Führungszeugnis angeguckt werden sollte.“ Der Tierschutzbund setzt sich für einen Sachkundenachweis ein, bei dem die theoretischen Kenntnisse vor der Anschaffung eines Hundes abgefragt werden. Das bringe potenzielle Käufer dazu, sich im Vorfeld über die Bedürfnisse der Tiere zu informieren. „Spontankäufe werden dadurch erschwert und Tierleid verhindert“, sagt Umlauf.

Manchen Haltern fehlt es an Kompetenz

Dass die Menschen sich heute gewissenhafter einen Hund anschaffen als früher, ist leider zu bezweifeln.

Katrin Umlauf, Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund

Rund 75.000 Hunde werden nach Hochrechnungen des Tierschutzbundes jährlich in deutschen Tierheimen aufgenommen, einen Rückgang gab es in den letzten 20 Jahren nicht. „Aktuell melden die Tierheime eine Zunahme an Hunden vom Herdenschutzhund-Typus“, sagt Umlauf. Diese Hunde wirken groß und beeindruckend – und stehen auf keiner Rasseliste. „Dass die Menschen sich heute gewissenhafter einen Hund anschaffen als früher, ist leider zu bezweifeln.“ Bei der Kompetenz im Umgang mit Hunden gebe es eine große Kluft. Manche Halter beschäftigten sich sehr intensiv mit den Bedürfnissen ihres Vierbeiners, anderen fehle die Empathie fürs Tier. Bei den ersten Problemen würden die Tiere dann weggegeben oder ausgesetzt.

Tsokos – selbst großer Hundefan und langjähriger Hundebesitzer – hat wenig Verständnis für den Egoismus mancher Halter, die sich ein Tier anschaffen, um es dann für etliche Stunden täglich allein zu lassen oder in einer viel zu kleinen Wohnung zu halten. Auch Pota sagt: „Wenn große Rassen ohne genügend Auslauf in einer kleinen Wohnung gehalten werden, dann ist das Missbrauch von Tieren.“

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Nicht alle Hunderassen sind für die Stadt geeignet

Selbst wenn er vermeintlich ruhig daliege und weder die Wohnung zerstöre noch die ganze Zeit belle, könne es für einen Hund starken Stress bedeuten, für viele Stunden allein gelassen zu werden, erklärt Kurt Kotrschal vom Wolf Science Center der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Das hätten Blutanalysen gezeigt. Als Rudeltier seien Hunde meist nur sehr ungern alleine. „Hunde kommunizieren ihre Bedürfnisse viel weniger als Wölfe, darum bleiben diese oft unbemerkt.“

Zwar seien prinzipiell die meisten Rassen auch für die Stadt geeignet. „Ein Herdenschutzhund ist aber vielleicht keine so gute Idee“, sagt Kotrschal. „Und wenn ich eine gesellschaftlich aneckende Rasse wie einen Staffordshire wähle, ist das natürlich automatisch immer ein Statement.“

Hunde brauchen klare Grenzen

Auch der Wiener Verhaltensforscher hält viel von einem Hundeführerschein, etwa, wenn damit dann die Nutzung spezieller Freilaufflächen erlaubt sei. Mit seinen Menschen möglichst viel ohne Leine zu unternehmen, sei schon für einen Welpen sehr wichtig. „Leinenzwang erhöht die Sicherheit nicht wirklich“, ist er überzeugt. „Ein Hund ist im Notfall sogar schwieriger in Schach zu halten, wenn er Freilauf nicht gewöhnt ist.“

Scharf werde ein Hund vor allem dann, wenn er von seinem Halter ordentlich unter Druck gesetzt werde, so Kotrschal. Viele Halter sähen ihren Hund zum Glück inzwischen nicht mehr als Untergebenen, sondern als gut geführten Partner. Mit Laisser-faire sei das allerdings nicht zu verwechseln, Regeln und Verlässlichkeit im Umgang seien extrem wichtig. „Hunde brauchen zum Wohlfühlen klare Grenzen“, betont der Biologe. „Klar geführte Hunde beißen seltener als schlecht erzogene.“ Leider scheuten manche Menschen heutzutage aus Unsicherheit jedweden Konflikt – im Umgang mit Kindern gelte das ebenso wie mit Hunden.

Hundebesitzer wirken mitunter ähnlich hilflos bei der Erziehung wie manche Elternpaare heutzutage.

Laszlo Andreas Pota, Psychologe

Auch der Psychologe Pota sagt: „Hundebesitzer wirken mitunter ähnlich hilflos bei der Erziehung wie manche Elternpaare heutzutage.“ Früher seien Hunde fast immer draußen gewesen, hätten eine Aufgabe wie das Hüten von Vieh gehabt. Inzwischen seien sie vielfach Kind- oder Partnerersatz, würden zur Massage und zum Friseur gebracht. Beim Hund werde das Miteinander gesucht, das es in unserer bindungsloseren Gesellschaft oft nicht mehr gebe. „Man spricht mit dem Hund, aber man erzieht ihn nicht.“

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Stadtleben steigert das Risiko für Konflikte

Für Probleme kann auch sorgen, dass viele Städter gar nicht mehr in der Lage sind, die Mimik von Hunden korrekt zu interpretieren. „Eine Studie hat gezeigt, dass bis zu 50 Prozent der englischen Stadtkinder Zähnefletschen als Lächeln deuten“, erklärt Kotrschal. Hunde würden stark vermenschlicht wahrgenommen, so Pota. „Daraus resultieren viele Missverständnisse darüber, was ein Hund in der jeweiligen Situation tatsächlich fühlt und wahrnimmt.“

Als einen weiteren Faktor sieht Kotrschal die rasant verstärkte Verdichtung von Städten. Eine grüne Umgebung mache nicht nur Menschen nachweislich widerstandsfähiger gegenüber psychischen Problemen, Hunde litten in Betonwüsten auf ganz ähnliche Weise. „Naturferne Urbanisierung tut Mensch und Hund gleichermaßen Schlimmes an.“ Und wo sich Kinder und Hunde auf immer seltener und kleiner werdenden Grünflächen arrangieren müssen, steigt das Risiko für Konflikte.

RND/dpa

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